Wolfgang Schweinebraten verlor in der Bombennacht seinen Vater

+
Der Vater von Wolfgang Schweinebraten überlebte die Bombennacht nicht – genau wie die Großeltern sowie Onkel und Tante mit ihren vier Kindern.

Gleich zwei Luftangriffe sind es, die die Biografie der Familie Schweinebraten in Kassel belasten: Beide Ereignisse liegen etwas mehr als elf Monate auseinander – und es ist der 22. Oktober 1943, der sich Wolfgang Schweinebraten (Jahrgang 1933) als erstes dieser beiden Daten ins Gedächtnis gebrannt hat.

Kassel. Wolfgang Schweinebraten lebte mit seiner Mutter Gertrud, dem Vater Heinrich und den Geschwistern Reiner (acht Wochen) und Rosemarie (Jahrgang 1938) in der Straße „Knaustwiesen“ in Kassel, in der Nähe zum Rangierbahnhof.

Wenn es bei einem Luftangriff ernst wurde, dann konnte man das daran ermessen, dass der Rangierbahnhof nicht mehr erleuchtet wurde. Und so sagte Wolfgangs Mutter am Abend des 22. Oktober: „Sieh mal nach, ob der Rangierbahnhof erleuchtet ist.“ War er nicht, vermeldete der Sohn. Die Mutter entschied: Ab in den Keller. Kaum hatte die Familie ihre Plätze eingenommen, insgesamt waren 20 Personen aus dem Haus im Keller, da rummste es mächtig, eine Luftmine hatte die Radrennbahn des RV 99 in der Nachbarschaft getroffen. „Dann ging’s rund“, erinnert sich Wolfgang Schweinebraten. Der Angriff auf Kassel beginnt um 20.49 Uhr und dauert 45 Minuten. Doch in dem Haus in Kirchditmold bleiben alle im Keller. Der Grund: Auf dem Rangierbahnhof, knapp 500 Meter Luftlinie entfernt, steht ein Munitionszug. Vor dem Angriff hatte man überlegt, ihn aus der Stadt zu bringen, sich dann aber dagegen entschieden. Nun wurde der Zug getroffen und ein Waggon nach dem anderen explodiert. Um sechs Uhr am nächsten Tag ist endlich Ruhe. In Kirchditmold ist man davon gekommen. Doch Wolfgangs Oma mütterlicherseits und eine Tante in der Hebbelstraße 106 überleben den Angriff nicht. Tief eingeprägt hat sich bei Wolfgang Schweinebraten der Kampf seines Vaters, der seine Schwiegermutter nicht in einem Massengrab begraben lassen wollte. Mit zwei Holzsärgen macht man sich auf den Weg und schafft es tatsächlich mit der Unterstützung von russischen Zwangsarbeitern, die Leichen, die auf einem Gartengrundstück liegen, einzusargen und auf dem Kirchditmolder Friedhof zu begraben. Für Wolfgang, der ein paar Tage nach dem Angriff in der Stadt die Schäden und Leichen sieht, hätte die Kinderlandverschickung angestanden – Bad Sooden-Allendorf wäre das Ziel gewesen. Doch Vater Heinrich will nicht, dass die Familie auseinandergerissen wird. Eine Familie Vollmer aus dem Nachbarhaus Nummer 9 hat in Densberg Unterschlupf gefunden – da wollen die Schweinebratens auch hin. Aber in dem kleinen Ort ist kein Platz für die fünf, sie versuchen es auf Anraten des Bürgermeisters im nahegelegenen Hundshausen: Dort finden sie ein großes und ein kleines Zimmer. Bis 1951 bleibt der kleine Ort ihr Zuhause. Allerdings wird die Familie die meisten Jahre ohne den Vater verbringen müssen.

Es war, erinnert sich Wolfgang Schweinebraten, der 27. September 1944, 11 Uhr am Vormittag: Die Mutter half auf dem Bauernhof, als ein Telegramm eintraf: Sie müsse sofort nach Kassel kommen, die Eltern seien bei einem Angriff ums Leben gekommen. Vater Heinrich, von Beruf Lokführer, war zu der Zeit in Kassel zu Besuch bei seinen Eltern, seinem Bruder und dessen Familie. Die Mutter Gertrud machte sich sofort auf den Weg – und was sie in der Kesselbreite 14, in der das Haus gestanden hatte, vorfand, war eine Tragödie. Das Haus hatte einen Volltreffer abbekommen, die Großeltern, der Bruder mitsamt Frau und vier Kindern und auch Vater Heinrich waren alle tot. Neunmal taucht in einer Todesanzeige Tage später der Name Schweinebraten auf. Besonders tragisch: Wolfgangs Vater war an dem Tag bereits auf dem Weg zum Bahnhof, um zu seiner Familie zu fahren – doch wegen des bevorstehenden Angriffs hatte man einen von Wolfgangs Cousins hinterhergeschickt, um Vater Heinrich zurückzuholen, damit er vor dem Angriff im Keller Schutz finden könne. Damit noch nicht genug: Willi, ein weiterer Bruder des Vaters, lässt sein Leben als Soldat in Italien. Die Ereignisse aus den Kriegstagen – Wolfgang Schweinebraten hat sie lange Zeit verdrängt. Doch jetzt, durch den bevorstehenden 75. Jahrestag der Zerstörung Kassels, kommen die Erinnerungen mit Macht wieder hoch.

Mehr zum Thema

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

Für positive Impulse: Modernes Jobcenter wurde eingeweiht

Vergangene Woche wurde das neue Jobcenter in der Lewinskistraße 4 eingeweiht. Dort werden nun positive Impulse für die Zusammenarbeit erwartet.
Für positive Impulse: Modernes Jobcenter wurde eingeweiht

Auto erfasst Fußgänger auf Überweg: 58-Jähriger schwer verletzt

Am Dienstagabend erfasste eine 67-jährige Autofahrerin einen Fußgänger auf einem Fußgängerüberweg in der Schönfelder Straße im Kasseler Stadtteil Wehlheiden.
Auto erfasst Fußgänger auf Überweg: 58-Jähriger schwer verletzt

Kasseler Linearuhr erstrahlt am neuen Standort

Ist es wirklich eine Uhr? Ein Frage, die sich viele Passanten beim Anblick der mit Lampen besetzten Stele am Eingang zur Wilhelmsstraße fragen. Ja ist sie. Und mehr als …
Kasseler Linearuhr erstrahlt am neuen Standort

Falsche 100-Euro-Scheine im Umlauf: Polizei gibt Tipps zur Erkennung von "Blüten"

Seit Oktober sind der Kasseler Polizei mehrere Fälle aus Stadt und Landkreis Kassel bekannt geworden, bei denen Unbekannte mit falschen 100-Euro-Scheinen bezahlten.
Falsche 100-Euro-Scheine im Umlauf: Polizei gibt Tipps zur Erkennung von "Blüten"

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.