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Ziemlich abgefahrene Schau im Kunstverein: René Wagners Spielwiese ist die umkämpfte Welt des Motorsports

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Von: Ulf Schaumlöffel

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Der gelernte Lackierer veredelt dekorative Alltagsgegenstände wie Vasen, Leinwände oder Equipment des Motorsports mit Autolacken und schillernden Farbaufträgen; sie werden im wahrsten Sinne „getuned“

Ist dem Lack treu geblieben: Die Kunst vom gelernten Maler und Lackierer René Wagner polarisiert
1 / 7Ist dem Lack treu geblieben: Die Kunst vom gelernten Maler und Lackierer René Wagner polarisiert © Fotos: Wefers
Ist dem Lack treu geblieben: Die Kunst vom gelernten Maler und Lackierer René Wagner polarisiert
2 / 7Ist dem Lack treu geblieben: Die Kunst vom gelernten Maler und Lackierer René Wagner polarisiert © Fotos: Wefers
Ist dem Lack treu geblieben: Die Kunst vom gelernten Maler und Lackierer René Wagner polarisiert
3 / 7Ist dem Lack treu geblieben: Die Kunst vom gelernten Maler und Lackierer René Wagner polarisiert © Fotos: Wefers
Ist dem Lack treu geblieben: Die Kunst vom gelernten Maler und Lackierer René Wagner polarisiert
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Ist dem Lack treu geblieben: Die Kunst vom gelernten Maler und Lackierer René Wagner polarisiert
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Ist dem Lack treu geblieben: Die Kunst vom gelernten Maler und Lackierer René Wagner polarisiert
6 / 7Ist dem Lack treu geblieben: Die Kunst vom gelernten Maler und Lackierer René Wagner polarisiert © Fotos: Wefers
Ist dem Lack treu geblieben: Die Kunst vom gelernten Maler und Lackierer René Wagner polarisiert
7 / 7Ist dem Lack treu geblieben: Die Kunst vom gelernten Maler und Lackierer René Wagner polarisiert © Fotos: Wefers

Kassel Das ist wirklich abgefahren! Im Ahoi, einem früheren Bootsverleih, hat sich der Künstler René Wagner im idyllischen Ambiente am Fluss sein Atelier eingerichtet. Seine Kunst-Spielwiese ist die heftig umkämpfte Welt des Motorsports. Doch nicht PS, sondern Optik nimmt bei seinen Werken die Pole-Position ein. Das passt zusammen wie der Rallyestreifen auf der Motorhaube – absolut perfekt. René Wagner hat schon einiges gemacht, bevor er im Jahr 2010 sein Studium an der Kunsthochschule Kassel begann. Er war zuvor Graffiti-Artist, Maler, Autolackierer, Bühnenbildner. Dem Lack ist er bis heute treu geblieben – bis zu 20 Schichten trägt er auf einige seiner Kunstwerke auf. In ihren leuchtenden Farben erinnern sie an die 90er-Jahre-Hotwheels-Ästhetik.

Was ist Tuning und wann wird es zur Kunst?

René Wagner widmet sich in seinem Atelier hochglanzlackierten Siegertrophäen aus der Welt des Sports und der biederen Bürgergesellschaft – und ihren Blessuren.

Die Tuningszene in den Nachbardörfern seiner Heimatstadt Hildesheim hat ihn schon immer fasziniert. Tausendfach hat er sie mit seiner Kamera festgehalten beim Warten an der Bushaltestelle.

In der Leidenschaft und Ausdauer der Menschen, die ihre Autos tunen und diese dann abends vor den Bushaltestellen außerhalb des Dorfes präsentieren, sieht der Künstler eine Parallele zur Kunstwelt, denn auch sie ist immer auf der Suche nach dem größten, schönsten und gelungensten Kunstwerk. Tuningszene in der Scheune versus Kunst im Atelier bzw. Tuningszene auf dem Parkplatz versus Kunst im Ausstellungsraum.

Wagner wertet nicht, sondern stellt die obsessive Aufmerksamkeit und totale Perfektion für jedes Detail und die damit verbundene Wertschätzung für das auf Hochglanz polierte Auto auf die gleiche Ebene, wie die Kunst oder das Meißner Porzellan seiner Oma, das nie benutzt werden durfte und im Schrank ausgestellt war. Das Bedürfnis, sich zu messen und zu optimieren, scheint sich vor allem mit oberflächlichen und auf Hochglanz polierten Oberflächen stillen zu lassen.

Wagner kombiniert diese Welten miteinander beispielsweise in seiner in Meißner-Porzellan-Optik gestalteten Alufelge, die er obendrein in entsprechendem Muster bemalt hat.

Seine sorgfältig bemalten Objekte verweisen auf die Antike, als auf Gebrauchsgegenständen wie Vasen Szenen aus dem Leben abgebildet wurden. Das, was Wagner heute abbildet, ist vor allem der Konsumwelt entnommen. Seine bemalten Objekte hinterlassen bei uns das beklommene Gefühl, auf ihre Vordergründigkeit hereingefallen zu sein und der Darstellung widersprechen zu wollen, weil sie das Gewohnte torpedieren.

„Da ich auf dem Land aufgewachsen bin, fühle ich mich den Jungs nahe, die dort ihre Fahrzeuge tunen. Das hat mich inspiriert. Sie zeigen ihre Arbeiten bei Treffen an der Bushaltestelle, ich stelle heute meine in Galerien aus. Eins haben wir dabei gemeinsam: Auffallen wollen wir alle, wer was anderes sagt, der lügt.“

Zwischen Hommage und Ironie

René Wagners „getunte“ Kunst ist schnell, laut und präsent. Sie führt in eine andere Welt, in der sich die Hände schmutzig gemacht werden und der Geruch von Benzin in der Luft hängt. Die noch immer männerdominierte Tuning-Szene dient dem Künstler als Inspiration und findet in seinen Werken eine fragmentierte, aber pointierte Darstellung. Was ist Tuning und wann wird es zur Kunst? Der gelernte Lackierer veredelt dekorative Alltagsgegenstände wie Vasen, Leinwände oder Equipment des Motorsports mit Autolacken und schillernden Farbaufträgen; sie werden im wahrsten Sinne „getuned“, was so viel bedeutet wie „fein abgestimmt und leistungsgesteigert.“ Hochkunst war gestern, hier geht es um Hochglanzkunst.

„René Wagner Sports“, so der Name seines eigenen Tuning Labels, verweist dabei auf einen künstlerisch gedachten Sport zwischen handwerklicher Optimierung und Fetischisierung.

Seine Werke wölben sich dem Betrachter regelrecht entgegen – polierte Flächen reflektieren Erwartungshaltungen und Projektionen der Betrachtenden. Zwischen Hommage und Ironie weist diese Kunst jegliche Zuschreibungen zurück und verweilt in der Ambivalenz: Spaß oder Ernst?

Werdegang: Der Künstler René Wagner ist 1983 in Gera geboren. Nach seiner Ausbildung zum Maler und Lackierer schloss er 2019 sein Studium an der Kunsthochschule Kassel in den Klassen von Prof. Slotawa (Bildhauerei), Prof. Prinz (Experimentielle Fotografie), Prof. Baumann (Neue Medien) und Prof. Müller (performative Skulptur) ab.

René Wagner stellte u. a. in Einzel- und Gruppenausstellungen in Leipzig, Hamburg, Nürnberg, Berlin, London, Wien und Rom aus. 2022 war er auf der documenta fifteen in Kassel vertreten. Er lebt und arbeitet in Kassel.

Aktuell sind einige seiner Arbeiten in der aktuellen Ausstellung „Pole Position“ im Kasseler Kunstverein im Museum Fridericianum zu sehen.

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