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Zoff um den Tagessatz: Osteuropäer drängen in Verkäufer-Jobs

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Von: Thomas Lange

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Einer der mittlerweile bekannten Tagessatzverkäufer in der Innenstadt. Er und seine alteingesessenen Kollegen haben durch Rumänen und Sinti und Roma nun weitere Verkäufer dazu bekommen. Das schmeckt nicht allen und sorgt für verwunderte Blicke von Passanten. Foto: Lange
Einer der mittlerweile bekannten Tagessatzverkäufer in der Innenstadt. Er und seine alteingesessenen Kollegen haben durch Rumänen und Sinti und Roma nun weitere Verkäufer dazu bekommen. Das schmeckt nicht allen und sorgt für verwunderte Blicke von Passanten. Foto: Lange © Lokalo24.de

Sorge um Wandel zum Bettelblatt: Was wird aus dem Tagessatz, wenn vermehrt Osteuropäer die Straßenzeitung verkaufen?

Kassel. "Der  Tagessatz – das Straßenmagazin". So pries viele Jahre lang einer der Verkäufer sein Blatt in der Kasseler  Königsstraße an. Passanten kannten ihn und die Handvoll anderer Verkäufer in der Innenstadt; akzeptierten das Geschäftsmodell, das sozial Schwachen Arbeit und Lohn und so ein besseres Leben ermöglichen sollte.Doch jetzt gibt es Zoff: EXTRA TIP-Leser riefen in der Redaktion an und beschwerten sich: "Da verkaufen doch mittlerweile nur noch Ausländer! Und dazu aggressiv", berichteten die Anrufer. Stimmt es, dass beim Verkauf vermehrt auf Sinti und Roma oder rumänische Verkäufer gesetzt wird?

Offensichtlich ja: "Wir haben derzeit ungefähr 15 Verkäufer, davon sind sieben bis acht Sinti und Roma oder Rumänen", erklärt Tagessatz-Redaktionsleiter Harald Wörner. Noch vor einem Jahr seien es acht bis zehn Stammverkäufer gewesen, jetzt habe man sich auch den Osteuropäern geöffnet.

Probleme zwischen deutschen Stammverkäufern und  den neuen gibt es angeblich nicht. Aber: "Subjektiv fühlen sich manche deutsche Verkäufer untergebuttert," so Wörner. Das Team des Tagessatzes versucht, Streitigkeiten untereinander zu verhindern, für eine gute Außendarstellung zu sorgen. So sind die Verkäufer verpflichtet, sichtbar Ausweis und Tagessatz-Mütze zu tragen. Werden Verkäufer aggressiv oder aufdringlich, folgen Gespräche, bei wiederholten Problemen wird entlassen.

Wörner: "Aggressiven Verkauf oder ‘Am-Arm-zuppeln’ darf es natürlich nicht geben". Gibt es es den doch, empfiehlt Wörner Fotos mit dem Handy als Beweis zu machen oder Zeugen vorzuweisen. "Nur auf Verdacht können wir nicht allen Hinweisen nachgehen." Vertriebsinspektoren gäbe es nicht.Wörner bedauert den Schritt, Sinti und Roma in die Verkäuferpositionen gelassen zu haben, nicht. Wenn die Menschen die europäische Öffnung nutzen, dann sei "das ein politisches Thema, nicht unseres". Für ihn und sein Team ist in dieser Sache etwas anderes gefordert: "Wir brauchen derzeit viel soziale Kompetenz ".

+++Was ist der Tagessatz?+++

Ziel des Tagessatzes ist es, Menschen in besonderen Lebensverhältnissen mit sozialen Schwierigkeiten ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen und sie bei der Überwindung ihrer Schwierigkeiten zu unterstützen, soweit sie dazu nicht selbst in der Lage sind.Im Vordergrund steht hier der Verkauf des Magazins. Die Verkäufer erhalten durch den täglichen Verkauf des Magazins wieder Struktur in ihrem Leben: eine feste Arbeitszeit und eine Aufgabe.

Mehr Informationen auch auf www.tagessatz.de.

+++Zwischenruf von Thomas Lange+++

Der Tagessatz – das ist für mich gelebte Wiedereingliederung in die Gesellschaft. Das ist Integration gepaart mit dem öffentlichen Hinweis auf soziale Missstände in unserer Gesellschaft. Schützen- und lobenswert gleichermaßen.Doch die jetzige Entwicklung wirft einen Schatten auf die Arbeit: Sollte stimmen, was einige Verkäufer empfinden, nämlich verdrängt zu werden von osteuropäischen Neu-Verkäufern, dann wird die tolle Arbeit der letzten Jahre schnell zu nichte gemacht. Die Wirtschaftsflüchtlinge aus dem Osten nehmen – wie ich hörte  rücksichtslos und mit viel Ellenbogenmentalität – einen Platz ein, der für sie gar nicht gedacht war.

Sie sind in der Regel keine Haftentlassenen, Ex-Junkies oder Obdachlose, die zurück ins Leben finden. Sie kommen – dank offener Grenzen und Freizügigkeit – aus der Armut ihrer Länder (Bulgarien, Rumänien) und sehen im Verkauf der Zeitung schlicht ein Beschäftigungsfeld zum Geld verdienen, früher sagte man für "eine schnelle Mark".

Die Grundidee der Wiedereingliederung in die Gesellschaft geht dabei verloren. Der Tagessatz muss aufpassen, nicht an Glaubwürdigkeit und Akzeptanz zu verlieren, wenn bald über die Maßen viele Osteuropäer das Blatt verkaufen.

Darunter würden schließlich vermutlich Verkaufszahlen leiden und damit letztlich jene, um die es eigentlich geht: Menschen, die vom Rand der Gesellschaft zurück ins Leben wollen.Ihre Meinung?Lange@ks.extratip.de

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