Mit Zuckerbrot und Peitsche

Chefredakteur Rainer Hahne richtet seinen Briefwechsel an Landrat Stefan Reuß.

Sehr geehrter Stefan Reuß, Sie sind heute Landrat im Werra-Meißner-Kreis und leiten Ihre Region relativ geräuschlos und erfolgreich. Früher sollen Sie etwas geräuschvoller für den SV Velmeden als Schiedsrichter an der Pfeife gewesen sein und sogar auf Verbandsebene Spiele geleitet haben.

Deshalb kann man davon ausgehen, dass Sie die Chancen und Befindlichkeiten des Schiedsrichterdaseins aus nächster Nähe kennenlernen und genießen konnten. Wundert es Sie daher, dass die Vereine größte Schwierigkeiten haben, Mitglieder dazu zu gewinnen, die Schiedsrichterausbildung zu machen? Die Hilfe, die der DFB oder die Landesverbände dabei leisten, kann man getrost in die Tonne treten. Die Führungskräfte der Fußballverbände kennen schon seit Jahrzehnten nur einen einzigen Weg, Spieler und Vereine zu motivieren und zu gängeln. Genau – den Strafenkatalog.

Vor kurzem war ich ahnungslos im Stammlokal des TSV Wolfsanger, der „Fliege“, als mit viel Getöse die Altherrrenabteilung des Vereins dort einfiel. Der Grund für die Aufregung: Kurz, knapp und konsequent war ihnen Tage vor den ersten Spieltag mitgeteilt worden, dass Altherrenspiele nicht mehr mit Schiedsrichtern besetzt werden. Beibehalten wurde allerdings der Strafenkatalog.

Die Erregung war verständlich, aber sie lässt sich nicht mit der Aufregung vergleichen, die jetzt rund um den KSV Hessen Kassel ausgebrochen ist. In der letzten Saison waren die Löwen aufgrund der Konkursanmeldung mit einem Neun-Punkte-Abzug bestraft worden und in die Hessenliga abgestiegen.

Das war schon eine Katastrophe für die Mannschaft, die sonst im Mittelfeld gelandet wäre. In dieser Saison könnte es noch schlimmer kommen. Der KSV spielt jetzt mit seiner ersten Mannschaft in der Hessenliga und ist damit endlich in die Reichweite der Sportgerichtsbarkeit des Hessischen Fußballverbandes gelangt. Das bedeutet: Der Verein, der seit Jahren um seine Existenz kämpft und gerade erst die Insolvenz erfolgreich abgewehrt hat, hat die Schiedsrichterfrage aus dem Auge verloren und muss deshalb mit einem Punktabzug rechnen. Betroffen ist die erste Mannschaft. Unfassbar!

In größter Not will jetzt sogar Vorstandsmitglied Jens Rose zur Pfeife greifen und hofft, dadurch noch einige Fans motivieren zu können. Wie gesagt, Motivationshilfe vom Verband braucht er nicht zu erhoffen, denen fällt schon seit Jahrzehnten zu diesem Thema nichts ein. Warten wir also mal ab, ob es doch noch ein Türchen gibt, durch das der KSV unbeschadet schlüpfen kann. Und bis dahin darf gehofft und gezittert werden.

Mit schiedlichen Grüßen Rainer Hahne Chefredakteur

P.s. Pädagogen können in den Führungsgremien des DFB nicht sein, denn die wissen, dass strafen allein Zuwenig ist. Das wusste auch schon Max Merkel, der seine Mannschaften mit Zuckerbrot und Peitsche behandelte. Erfolgreich. Fragen??

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