Wo bleibt die Einmischung? Kreisbauern diskutieren Zukunft der Landwirtschaft

Von Raimund SchesswendterSchwalm-Eder. Überraschend viele Gemeinsamkeiten präsentierten der Vizevorsitzende des Kreisbauernverbands, Norbert Klapp,

Von Raimund Schesswendter

Schwalm-Eder. Überraschend viele Gemeinsamkeiten präsentierten der Vizevorsitzende des Kreisbauernverbands, Norbert Klapp, und der grüne Europaabgeordnete Martin Häusling bei der Podiumsdiskussion um die landwirtschaftliche Zukunft Europas. Am vergangenen Freitag trafen sich die beiden Landwirte zum Streitgespräch unter Moderation von Tageszeitungsredakteur Rainer Schmitt im Konferenzraum des neu gestalteten Waberner Bahnhofs.

Keineswegs selbstverständlich waren die Schnittpunkte zwischen den beiden Diskussionspartnern, ließ doch der landwirtschaftliche Sprecher seiner Partei, Martin Häusling, kein gutes Haar an dem Verbandsgebahren – speziell auf Landes- und Bundesebene. "Ich verstehe nicht, warum die Bauernverbände die Interessen der Produktionsindustrie so stark verteidigen." Er kritisierte die Marktergebenheit der Bauernschaft. Klapp gab diese Ergebenheit zu, setze jedoch dagegen, dass man die Ergebnisse sozial abfedere. Doch Häusling wurde noch konkreter: "Selbst der letzte Idiot wird verteidigt. Ich muss mich als Bauernverband doch nicht noch vor Wiesenhof stellen." Dabei seien doch gerade die Landwirte Opfer des Systems. Eine immer größere Abhängigkeit von der Industrie sei das Ergebnis, dass sich im schönfärberischen Begriff des "Vertragsbauern" niederschlage.

Auch sonst sparte Häusling nicht an Systemkritik. "Schon die Jungbauern werden nur auf Produktionstechnik geschult, da kommt weder ökologischer Landbau, noch Vermarktung vor", sagte er in Hinblick auf die Ausbildung der Landwirte. Die Erzeuger seien einfach zu sehr gewohnt zu produzieren und das Produkt, dann "in eine Grube von Raiffeisen zu kippen und später einen Scheck mit irgendeiner Summe darauf,  zu bekommen". Häusling äußerte seine Verwunderung darüber, dass die landwirtschaftlichen Produkte weggegeben würden, um erst im Nachhinein zu erfahren, was man dafür erhalte.  Er plädierte für mehr Einmischung der Bauernschaft. Als Positivbeispiel nannte er die Milchbauern, die mit ihrer eigenen Vermarktungsstrategie "faire Milch" sehr erfolgreich seien.

Mitsprache erwünscht

Doch auch über die anstehende Agrarreform sprachen die beiden Landwirte. Häusling wunderte sich über die niedrige Teilnahme von Landwirten an der Diskussionsveranstaltung. Er hoffe jetzt auf die Anregungen aus der Bauernschaft und nicht erst, wenn die Reform abgeschlossen sei. Klapp begründete das zurückhaltende Engagement mit der Erfahrung aus der letzten Reform, die am Ende hinter verschlossenen Türen von der EU-Kommission entschieden worden sei. "Aber das ist jetzt nicht mehr so. Ich bin einer von fünf Abgeordneten, die mit den Ministern die Verteilung von 300 Milliarden Euro besprechen", sagte Häusling nicht ohne stolz, und: "Man kann doch mit uns reden." Im Folgenden loteten der Funktionär und der Politiker Gemeinsamkeiten aus. Beide sprachen sich für den Verbleib der Marktordnungen aus, für Fruchtfolgen auf den Feldern und die Förderung des Anbaus von Leguminosen (Stickstoffhaltige Hülsenfrüchte). Klapp sagte: "Uns ist vor allem eine intelligente Ausgestaltung der Maßnahmen wichtig." Als Beispiele nannte er Blühstreifen, Lerchenfenster oder den Anbau von Eiweißpflanzen. Die beiden Experten diskutierten außerdem über Antibiotika-Einsatz, Welternährung, Umweltbelastungen und Energieerzeugung kontra Ernährungswert.

Weniger Geld für deutsche Bauern

Wenig Hoffung machte Häusling bezüglich der Flächenprämie. Schließlich sei es momentan so, dass die reichen Länder wie Deutschland 300 Euro Prämie erhielten, aber arme Länder – er nannte Lettland als Beispiel – nur 60 Euro. "Wofür soll Ihnen die Gesellschaft denn Geld bezahlen?" fragte Häusling den Ferkelproduzenten provokativ. Klapps Argumentation, man hielte sich an 32 Seiten europäische Umweltregeln, wollte er nicht gelten lassen: "Wer sich an die Verkehrsregeln hält, bekommt auch keine Fördergelder." Außerdem argumentierte der Biolandwirt aus Bad Zwesten, dass die Flächenprämie über die Pacht sowieso weitergereicht werde. Wenn, könne er sich höchstens vorstellen, benachteiligte Flächen zu fördern. Insgesamt schlug er vor, vor allem Vermarktungsstrategien zu fördern, denn in einem waren sich Podium und Plenum einig: Die Bauern sollen von ihren Erträgen leben können.

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