Briefwechsel: Es geht um die Wurst!

EXTRA TIP-Chefredakteur Rainer Hahne wendet sich in seinem Briefwechsel an die Fleischermeister in Nordhessen.

Sehr geehrte Fleischermeister in Nordhessen, es ist keine einfache Situation für Euch. Die gigantische Fleischfabrik Tönnies in Rheda-Wiedenbrück hat gerade die ganze deutsche Fleischindustrie in ein schiefes Licht gestellt. Und das hat ausgerechnet der kleine Coronavirus aber mal so richtig an den Tag gebracht. 1.300 der zahlreichen osteuropäischen Mitarbeiter dieser Firma, die oft unter menschenunwürdigen Bedingungen für kleines Geld durch malochen müssen, damit der Schalke-Boss sich die Taschen bis obenhin vollmachen kann, haben sich mittlerweile angesteckt. Wurden in Quarantäne gesteckt oder sind schon Richtung Heimat geflohen. Ob Sie dort aufgenommen werden? Die Aufregung ist seit Tagen nicht nur in Nordrhein-Westfalen groß.

Sie, sehr geehrte Fleischermeister in Nordhessen, haben Sorge, dass Sie mit in diesen Sumpf gezogen werden. Deshalb ist es richtig, dass Sie gegen die Machenschaften der Fleischgiganten protestieren. Und dazu haben Sie jedes Recht, denn Sie gehören zu den weltbesten Fleischern überhaupt. Viele Ihrer Betriebe bestehen schon seit Generationen. Rezepte werden von einer Generation zur nächsten weitergegeben. Und immer wieder werden neue Produkte entwickelt.

Wir in Nordhessen wissen gar nicht mehr, wie gut es uns mit Euch geht. In Berlin kommt auf 150.000 Einwohner noch ein Metzger. Fleisch- und Wurstwaren kauft man fast ausschließlich im Supermarkt. Und das zu Preisen, bei denen man eigentlich Alarm schlagen müsste. Manchmal frage ich mich, ob die Verbraucher eigentlich nie darüber nachdenken, ob es normal sein kann, wenn Fleisch für den menschlichen Verzehr billiger ist als Hundefutter. Meine Oma hat früher immer gesagt: „Wenn Du nicht bezahlst, bezahlen andere dafür.“ Die anderen sind in diesem Fall die Tiere.

Das Beispiel der Schweine macht es ganz deutlich. In Spanien gibt es mittlerweile riesige Ferkelproduktionsanlagen. Die kleinen Schweine werden dann zu Mästereien in ganz Europa transportiert. Ein absolutes Unding in Zeiten des Klimawandels. Die Bauern, bei denen Sie einkaufen, haben mal vier, mal zehn Schweine, die schlachtreif sind. Fabriken wie Tönnies kaufen mindestens hundert Tiere auf einen Schlag. Und die dürfen maximal zwischen 95 und 105 Kilo wiegen, sonst gibt es Abzüge für die Großmäster, die nur wenig daran verdienen. Da darf nichts schief gehen. Gerade geht alles schief bei Tönnies. Die Rechnung dafür bezahlen die Mäster.

Behalten Sie, hochgeschätzte Fleischermeister, Ihr System bei. Kaufen sie dort, wo Sie wissen, dass die Schweine gut versorgt werden. Vermeiden Sie es weiterhin, die intelligenten Tiere – sie sind genauso intelligent wie Hunde – über endlose Strecken zu transportieren. Das ist für die Tiere gerade im Sommer eine einzige Qual und für die Fleischqualität eine Katastrophe. Das wird auch nicht besser, wenn sie bei Tönnies noch kurz Musik hören, bevor sie vergast und in Minuten zerlegt werden. Bei dem Gedanken bleibt mir schon das Fleisch im Hals stecken.

Ich werde auf jeden Fall meine Fleisch- und Wurstwaren bei Euch regionalen Fleischern kaufen. Wie bisher!!

Mit regionalen Grüßen

Rainer Hahne,

Chefredakteur

P.s. Liebe Politiker, bitte schafft vernünftige Rahmenbedingungen, damit kleine Bauern und unsere regionalen Fleischer überleben können. Wie heißt es so schön: „Ein Leben ohne Ahle Wurscht ist möglich, aber sinnlos.“

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