Dickes Problem: Immer mehr Patienten mit Übergewicht - Kliniken müssen aufrüsten

Kassel. Die Zahlen sind erschreckend:  Mehr als jeder zweite Deutsche hat Übergewicht, bereits jeder fünfte gilt als fettleibig, hat also einen Bod

Kassel. Die Zahlen sind erschreckend:  Mehr als jeder zweite Deutsche hat Übergewicht, bereits jeder fünfte gilt als fettleibig, hat also einen Body-Mass-Index über 30. Ein dickes Problem nicht nur für die Betroffenen.  Auch Krankenhäuser müssen angesichts der XXL-Patienten aufrüsten. Im Klinikum Kassel wurden 2010 insgesamt vier Zimmer mit acht Betten eingerichtet,  die speziell für stark übergewichtige Patienten ausgelegt sind.  Die Zimmer sind insgesamt größer, spezielle Lifter an der Decke  können bis zu  400 Kilogramm heben, aufs Klo geht’s mit dem Schwerlast-Toilettenstuhl. Für Patienten, die mehr als 200 Kilogramm wiegen, steht ein geliehenes Spezialbett mit einer Tragkraft bis 450 Kilogramm  bereit. "Das benötigen wir an rund 120 Tagen im Jahr ", erklärt Gisa Stämm, Sprecherin des Klinikums, auf Anfrage.

Letzter Ausweg Tierklinik

Auch in der Vitos Orthopädischen Klinik Kassel hat man sich längst auf die wachsende Zahl übergewichtiger Patienten eingestellt.  "110 bis 120 Kilo sind längst Alltag", sagt Detlev Peeck, seit 1987 Pflegedirektor. Zur echten Herausforderung werden die XXL-Patienten, wenn  sie  als Unfall in die Klinik kommen.  Zwar hat auch die  Vitos Orthopädische Klinik vor zwei Jahren einen OP-Tisch angeschafft, der  eine Tragkraft von über 300 Kilogramm besitzt, sowie Spezial-Rollstühle, die bis zu 400 Kilogramm aushalten. Trotzdem sind diagnostische Geräte wie der Kernspintomograph nicht für die Ausmaße von XXL-Patienten ausgelegt.  "In Kassel gibt es meiner Meinung nach kein CT oder MRT,  in dessen Röhre  extrem übergewichtige Patienten passen ", sagt Detlev Peeck. Gibt es in solchen Fällen keine Alternative, bleibe Kliniken nur die Überweisung in eine Tierklinik, so Gisa Stämm. "Wir hatten dazu allerdings noch keine Notwendigkeit.

Enorme  Belastung fürs Pflegepersonal

Doch nicht nur Betten und OP-Tische tragen große Lasten. Auch  Ärzte und Pflegepersonal arbeiten sprichwörtlich unter erschwerten Bedingungen. "Um  einen extrem übergewichtigen Patienten umzulagern, müssen vier bis sechs Leute anpacken",  so Detlev Peeck. Im Notfall werde  auch Personal von anderen Stationen zusammengetrommelt.

Um die körperliche Belastung möglichst zu mindern, bietet das Klinikum seinen  Beschäftigten mittlerweile sogar Kurse für rückenschonendes Arbeiten an. Die Versorgung übergewichtiger Patienten verlange allerdings nicht nur ein körperlich behutsames Vorgehen, betont Detlev Peeck. "Vor ihnen liegt ein Mensch, für den es keine schöne Erfahrung ist, wenn vier Schwestern sein Bein heben."

+ + + EXTRA INFO + + +

Wenn die Feuerwehr ran muss

Der Rettungsdienst für Stadt und Landkreis Kassel schaffte im Jahr 2010 einen Schwerlast-Rettungswagen für adipöse Patienten an. Das Fahrzeug verfügt u.a. über eine Trage, die breiter ist und bis zu 180 Kilogramm  schwere Patienten tragen kann. 2011 fuhr der Spezial-Rettungswagen 109 Einsätze, 15 waren es in diesem Jahr.

Reicht die Kraft der Rettungsdienstbesatzung nicht aus, muss die Feuerwehr mithelfen. 2011 lieferte sie in der Stadt Kassel  sieben mal Tragehilfe, im Landkreis fünf  mal. Sind Treppenaufgänge und Türen zu schmal, um  Patienten aus der Wohnung zu  transportieren, kommt die Drehleiter zum Einsatz. Fünf Personen wurden so 2011 in der Stadt, zwei im LK aus dem Fenster abgeseilt. "Die Zahl der Fälle, in den wir wegen Adipositas-Patienten rausfahren,  steigt", sagt Einsatzleiter Lothar Kaiser.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

Zum 10. Mal: "Wilde Wochen" im Habichtswald

Auch in Corona-Zeiten: Köche, Hoteliers und Fleischer laden zu regionalen Spezialitäten ein.
Zum 10. Mal: "Wilde Wochen" im Habichtswald

Proteste gegen Straßen-"Luxussanierung"

Anliegergebühren: Bürger in Bründersen werden kräftig zur Kasse gebeten.
Proteste gegen Straßen-"Luxussanierung"

Mit Melodien gegen den Corona-Blues

Musikschule Hofgeismar: Neue Kurse nach den Herbstferien.
Mit Melodien gegen den Corona-Blues

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.