Echt sportlich: Ein Kicker als Gesellenstück

Die neue Gesellin und neuen Gesellen mit dem Prüfungsvorsitzenden Jörg Schwagmeier r.). Am Kicker: Paul Weisheit
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Die neue Gesellin und neuen Gesellen mit dem Prüfungsvorsitzenden Jörg Schwagmeier r.). Am Kicker: Paul Weisheit

Als Mitglied in der Jury „Gute Form“ der Tischler-Innung Hofgeismar-Wolfhagen

Hofgeismar. Der Anruf kam überraschend: „Wollten Sie nicht immer schon mal Mitglied in der Jury ‚Gute Form‘ werden?“, fällt mir Marcell Siemon von der Kreishandwerkerschaft Kassel gleich mit der Tür ins Haus. Was in diesem Fall auch bildlich passt, soll doch der alljährlich von der Innungsorganisation des Gewerkes aus- gerichtete Wettbewerb „Gute Form“ die Phantasie und Gestaltungskraft der jungen Nachwuchskräfte im Tischlerhandwerk anregen. Eigentlich wollte ich „nicht immer schon mal“, aber nach einem kurzen Austausch über das Wie und Wann lege ich den Telefonhörer bereits als frischgebackenes Jurymitglied auf. Als solches finde ich mich am Gesellen-Prüfungstag der Tischler-Innung Hofgeismar-Wolfhagen in der Herwig-Blankertz-Schule in Hofgeismar ein. Neben mir verstärken zwei Kolleginnen aus anderen Zeitungen die Laien-Kompetenz der Jury. Was ich durchaus als angenehm empfinde, unterstelle ich ihnen doch, dass sie auch nicht über mehr Kenntnisse in Sachen Biegefestigkeit, Faserrichtung oder Oberflächenbehandlung verfügen, wie ich. „Fachkenntnisse aus dem Tischer-Handwerk werden von Ihnen auch nicht erwartet“, beruhigt Dietmar Tölle, stellvertretender Ober- meister der Tischler-Innung Hofgeismar). „Lassen Sie die ausgestellten Gesellenstücke erst einmal auf sich wirken - Form. Gestaltung, Idee, Materialauswahl aber auch die Gebrauchsfähigkeit. Und die dann eventuell entstehenden Fragen beantworten gerne die Kollegen aus dem Prüfungsausschuss.“ So präpariert betreten wir den Ausstellungsraum, während nebenan noch die letzten praktischen Prüfungen stattfinden. Der erste Eindruck: Sieht ja alles toll aus - egal, ob Schrank, Sideboard oder Tisch. Ein kleines Schränkchen zieht dank seiner aufwendig gestalteten Front die Aufmerksamkeit auf sich, doch immer wieder wandern die Blicke der Jurymitglieder zu einem Kicker. Tatsächlich, auch der ist ein Gesellenstück und für die „Gute Form“ nominiert. Klar, dass er nicht nur bewundert sondern - beobachtet von den Innungsexperten - auch ausprobiert werden muss; die Bälle dazu finden sich in eigens angebrachten Schubladen an den Seiten. Bevor wir zu einem endgültigen Urteil kommen, haben wir allerdings noch Redebedarf. Und zwar mit Paul Weisheit, der die Idee zu diesem Gesellenstück der ganz besonderen Art hatte. Der 18-Jährige Immenhäuser hatte sich nach einem Praktikum für den Beruf des Tischlers entschieden und absolvierte seine Ausbildung in der Tischlerei Austermühle-Gerth in Grebenstein. Er wird diesem Handwerk auch zukünftig - erst einmal als Geselle - treu blieben. „Wie es weiter geht, lasse ich auf mich zukommen“, so Paul Weisheit, „Meister, Fachschule - als Tischler hat man ja vielfältige Aufstiegsmöglichkeiten“. Er erläutert uns, dass das Untergestell des Kickertischs aus französischem Nussbaum und der Aufbau aus lackierter MDF-Platte gefertigt ist. Der Kicker ist höher angelegt, als die Standardgeräte, bei einer Größe von 1,96 Metern hat der junge Mann auch an seine Spielbequemlichkeit gedacht, „Bei Norm-Kickern haben die Gegner Vorteile, weil mir der Rücken durchs krumm stehen schnell weh tut“, bestätigt er. Bislang haben sich die Prüfungsausschussmitglieder vornehm zurück gehalten, „auch um niemanden zu beeinflussen“, so Meik Schneider von der Tischlerei Schlaf Wesertal). Jetzt beteiligen sie sich aber gerne am Gespräch und unterstreichen, dass Paul Weisheit sämtliche Bohrlöcher für die Stangen per Hand mit Schablone und nicht per CNC-Fräse ausgemessen und erstellt hat. „Das ist schon ein beeindruckend, zumal man ja für das Gesellenstück nur rund 100 Stunden Zeit zum Anfertigen hat.“ Diese Hintergrundinformationen bekräftigten die Jury in ihrer ohnehin schon gefallenen Entscheidung: Paul Weisheit ist Preisträger des Wettbewerbs „Gute Form“ 2021.

Hintergrund

Der Gestaltungswettbewerb „Die Gute Form“ zeichnet exzel­lent gestal­tete Gesellen­stücke im Tischler- und Schreiner­hand­werk aus. Die Innungsorganisation des Gewerks richtet ihn all­jährlich zunächst auf Innungs-, dann auf Landes- und schließlich auf Bundes­ebene aus. Eine Jury wählt auf jeder Ebene die Stücke aus, die eine Runde weiter kommen. Höhepunkt ist das Bundesfinale, bei dem die Gesellenstücke der Landessieger publikumswirksam ausgestellt werden. Den Teilnehmern winken Sach- und Geldpreise sowie die Aufnahme in das Begabtenförderungsprogramm des Handwerks.

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