Ein echt heißes Eisen und fast wie im Mittelalter: Burkhard Wittig schmiedet Damszenerstahl

Burkhard Wittig, Schmied
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„Viel wichtiger als dicke Muskeln sind Technik und Geschicklichkeit“ lädt Burkhard Wittig Männer und Frauen zum Ausprobieren ein.     

Sie genießen einen legendären Ruf: Damaszener Klingen, die den mittelalterlichen Kreuzrittern das Fürchten lehrten. Lange in Vergessenheit geraten, erfreut sich Damaszenerstahl wieder zunehmender Beliebtheit, allerdings steht jetzt der dekorative Wert im Vordergrund. Ein Schmied hilft dabei, eigene Klingen herzustellen.

Wolfhagen. Die Kreuzritter im Heiligen Land standen und sich gegen die Sarazenen behaupten mussten, waren sie schockiert über die überlegenen Waffen der Gegner,deren Schwerter ihre Rüstungen mühelos durchtrennten. Eine Damaszenerklinge war überscharf im Vergleich zu europäischen Waffen und trug mit dazu bei, dass man Jerusalem und später die Fürstentümer und Grafschaften im heutigen Libanon verloren geben musste. Der einzig positive Aspekt aus dieser Niederlage: die Kreuzritter erlernten das Schmieden von Damaszenerschwertern und brachten diese Kenntnisse mit zurück nach Europa.

Eine Geschichte, die – in verschiedenen Varianten – sehr verbreitet ist, die allerdings ein großes Manko hat: nichts davon ist wahr! Ebenso wie die Behauptung, der Damaszenerstahl sei in Damaskus erfunden worden.

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Wechseln wir von der quirligen Mittelaltermetropole Damaskus in das beschauliche Ippinghausen zu Burkhard Wittig, einem ausgewiesenen Kenner in Sachen Damaszenerstahl, der in seiner Schmiede im heutigen Wolfhager Ortsteil nicht nur Damaszenerklingen herstellt, sondern seine Begeisterung für diese handwerkliche Kunst sehr gerne auch an andere Menschen weiter vermittelt. „Der Werdegang des europäischen Damaststahls ist zwar nicht ganz unumstritten, aber sicher ist, dass der Stahl unabhängig von einander an mehreren Orten entwickelt wurde“, berichtet Burkhard Wittig. „Schon bei den Kelten und Römern nutzte man Damaststahl für Schwerter, das gleiche gilt für die Germanen.“

Experimente mit Waffen

Er vermutet, dass Schmiede in ganz Europa nach und nach die Eigenschaften der von ihnen produzierten Waffen und Werkzeuge verbessern wollten und mit den unterschiedlichsten Herstellungsverfahren und Bearbeitungsmethoden experimentierten.„Vorstellbar ist, dass hierbei erste Verbundstahle nach Damaszener Art entstanden sind“. Und der namensgebende Ort? „Damaskus war in der Frühzeit und im Mittelalter ein Haupthandelsplatz für Schwerter, Messeroder Lanzenspitzen aus Damaststahl“. Möglicherweise hat das dazu geführt, Waffen dieser Art als Damaszener zu bezeichnen.

Doch inwiefern unterscheidet sich eine Klinge dieser Art von anderen, „namenlosen“? Zur Beantwortung dieser Fragewechseln wir auf eine Bank vor der Schmiede, denn jetzt geht es sozusagen ans „Eingemachte“ und der historisch überaus bewanderte 64-Jährige wechselt in die Metallurgie.

Werkstatt als Lebenstraum

Auch hier kennt er sich bestens aus, gehört sie doch zu seinem beruflichen Werdegang. Der Vater von drei Kindern ist gelernter Schmied und Maschinenschlosser und im Hauptberuf bei der Firma Koch in Baunatal tätig. Mit der Werkstatt in Ippinghausen erfüllte er sich 1997 einen Lebenstraum, verwandelte sie in den Folgejahren in eine voll ausgestattete Schmiede mit Platz für bis zu acht Kursteilnehmern – voll mit Werkzeug für das „Hand“werk, aber auch mit einigen – nicht mehr ganz neuen aber ihren Sinn erfüllenden – per Strom angetrieben Geräten, zum Schleifen, als Hammeroder zur Befeuerung der Essen.

Ziemlich heißes Eisen: Burkhard WIttig bei der Arbeit.

„Mit Damaszenerstahl bezeichnet man heute vor allem Schweißverbundstahl, also einen Werkstoff, der – im Gegensatz zum Monostahl – aus mehreren Eisen-/Stahlsortenhergestellt wird“, erklärt Burkhard Wittig. Er selbst hat lange experimentiert, Material verschiedener Stahlproduzentenausprobiert und so die für ihn besten Rohlinge gefunden,„die Stahlsorten müssen miteinander harmonisieren“.

Viele Arbeitsschritte nötig

Ob alleine als Auftragsarbeit – vor allem bei Köchen in der Region sind Wittigs Messer begehrt – oder gemeinsam mit Kursteilnehmern - bevor man eine Klinge in der Hand hält, ist eine Menge Arbeit nötig: zuerst wird ein Rohling bei circa 900 Grad geschmiedet, dann werden die einzelnen Lagen im Feuer bei circa 1150 Grad aufeinander geschmiedet und anschließend bei circa 830 Grad geschliffen. Gehärtet wird das Werkstück mit Öl – „bloß nicht mit Wasser“ – und um das typische Damastmuster zum Vorschein zu bringen, kann man die Klinge mit Polierstein oder Säure bearbeiten. Zum Schluss folgt die Griffmontage und fertig ist ein absolutes Unikat. „Keine Klinge gleicht der anderen. Ich kann zwar Zeichnungen vorgeben, aber jede Klinge bleibt so individuell, wie der Schmied selbst,“ schwärmt Burkhard Wittig. Eine Kunst für sich ist auch die Wahl des Brennmaterials, er setzt auf eine Mischung aus Koks und Holzkohle. „Das Feuer macht die Arbeit, ich forme die Klinge“, beschreibt der Experte sein Vorgehen.

Die Werkstatt von Burkhard Wittig in Wolfhagen.

Kurse für Interessierte

Das lernen auch die Teilnehmer seiner Kurse, die sich bei Frauen wachsender Beliebtheit erfreuen. „Das Bild vom muskelbepackten, Hammer schwingenden Schmied bleibt uns wohl erhalten, viel wichtiger als Kraft sind aber Technik und Geschicklichkeit“, lädt der 64-Jährige zum Ausprobieren ein. Im Mittelalter wurden Damastwaffen zum Massenprodukt, mit der Industriellen Revolution und der Förderung von günstigem Stahl verlor Damaszenerstahl an Wertschätzung. Heute erfreut er sich wieder zunehmender Beliebtheit, aufgrund des ästhetischen Reizes der fantastischen Zeichnungen im Stahl. In der Ippinghäuser Schmiede fertigen die Kursteilnehmer vor allem Küchen- und Jagdmesser, der dekorative Wert steht im Vordergrund. Aktive Köche und Jäger schätzen dagegen die gute Flexibilität und die erhöhte Bruchsicherheit von Damaszenerstahl –dem eigentlich kaum etwas Besseres passieren kann, als für Burkhard Wittig durchs Feuer zu gehen.

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