Einwände beim RP gegen Windkraftanlagen im Reinhardswald vorgelegt

Windpark bei Kassel
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Stehen sie auch bald im Reinhardswald: Unser Bild zeigt Windräder der Städtischen Werke Kassel in der Söhre.

Am Wochenende war wegen des Winterwetters wieder viel los in der Region. Spaziergänger zog es zuhauf auch in den Reinhardswald, um dort die Freizeit zu genießen. Doch es ist fraglich, wie lange das noch uneingeschränkt möglich ist, wenn hier bald ein Windpark entstehen soll. Die Einwendungsfrist gegen 18 Windkraftanlagen im Reinhardswald wurde im Zuge eines entsprechenden Genehmigungsverfahrens vom Aktionsbündnis Märchenland kurz vor Ablauf am 4. Januar dazu genutzt, um dem Regierungspräsidenten Hermann-Josef Klüber ausführlich seine Bedenken mitzuteilen – auf über 1.000 Seiten.

Reinhardshagen/Kassel. In Reinhardshagen schaut man voller Wohlwollen und Hoffnung auf die Widerstandsbewegung. Man wolle dabei mitwirken, es dem Bauherrn, der Windkraft Reinhardswald GmbH, so schwer wie möglich zu machen, im Naturpark Reinhardswald die weit über 200 Meter hohen Anlagen zu errichten. An der Windkraft Reinhardswald GmbH sind unter anderem die EAM Natur GmbH sowie mehrere Kommunen beteiligt, die sich unter dem Dach der Energiegenossenschaft Reinhardswald zusammengetan haben. Reinhardshagen war auch einmal Mitglied dieser Genossenschaft, trat aber aus Mangel an Überzeugung aus (wir berichteten). Bürgermeister Fred Dettmar macht seitdem keinen Hehl daraus, dass er mit den Windpark-Plänen so gar nicht einverstanden ist, und auch die von ihm vertretene Gemeinde gab innerhalb des Genehmigungsverfahrens eine Stellungnahme ab.

Er ärgere sich darüber, dass man offensichtlich durch die Hintertür Vorbereitungen treffen würde, so als ob die Baugenehmigung reine Formsache sei: „Es ist schon merkwürdig, dass eine seit dem Sturm „Friederike“ gesperrte Straße zwischen dem Wanderparkplatz Forstscheid und der Landesstraße L763 von Wesertal nach Trendelburg urplötzlich für den öffentlichen Verkehr eingezogen und zu einem Waldweg degradiert werden soll und wir davon aus dem Kleingedruckten der Tageszeitung erfahren. Oder das der Forstgutsbezirk nach gefühlt 100 Jahren jetzt erstmals in Einsatzbezirke für die Feuerwehren der Reinhardswaldanlieger aufgeteilt werden soll. Wir haben immer unbürokratisch geholfen, wie es unser Auftrag ist. Scheinbar geht das mit Windrädern im Wald nun nicht mehr.“

Rückendeckung erhält Dettmar von vielen Bürgern, darunter Reinhardshagens Ersten Beigeordneten und Kreistagsabgeordneten Albert Kauffeld (Freie Wählergemeinschaft) und der „Stimme des Reinhardswaldes“, dem ehemaligen Forstbeamten Hermann Josef Rapp, der ebenfalls seine persönliche Ansicht zu Papier brachte, in unterschiedlichen Bürgerinitiativen aktiv ist und gegen Windkraft im Reinhardswald kämpft.

Auf 84 Seiten schildert allein er seine Bedenken. So schätzt Rapp beispielsweise die angesetzten Rückbaukosten der Anlagen um ein Zehnfaches höher. Die Zeche zahlen müsse später die Allgemeinheit. Als drittgrößte Flächengemeinde in Hessen habe der Reinhardswald zudem ein Brandpotenzial wie keine andere Gemeinde des Bundeslandes. Durch den Klimawandel sei das Brandrisiko enorm angestiegen und würde sich nach Expertenschätzungen in Zukunft noch verschärfen. Gutachtenerhebungen für bedrohte Tierarten würden aus 2015 bis 2017 stammen und seien veraltet: „Die sind im Grunde nichts mehr wert. Der Reinhardswald ist nicht mehr der Wald, der er noch vor drei, vier Jahren war. Die Raumnutzungsverhaltensweise der Vögel hat sich aufgrund von massiven Rodungen und Schäden grundlegend verändert. Andere Arten sind hinzugekommen respektive gewandert, um sich den neuen Gegebenheiten anzupassen. Der Wald, oder besser gesagt das Trümmerfeld, ist in einem Zustand, wie er 1945 nicht war. Er braucht jetzt Ruhe.“ Schlussendlich sieht Rapp den visuell (noch) unbelasteten Landschaftsbereich der Oberweser in Gefahr.

Hoffen auf die Kommunalwahlen

Dass man mit dem verursachten Gegenwind nicht direkt eigene Interessen verfolge, betont Kauffeld ausdrücklich: „Die 18 Anlagen sollen grob gesagt östlich von Gottsbüren, einem Stadtteil von Trendelburg, entstehen. Im Grunde würde uns das aufgrund der großen Entfernung überhaupt nicht interessieren, denn wir würden sie in unserer Gemeinde weder sehen noch hören. Uns geht es einzig und allein um den Erhalt des Reinhardswaldes mit seiner einzigartigen Natur, von der Tiere und Menschen gleichermaßen profitieren. Als ausgewiesener Naturpark muss es unsere Aufgabe sein ihn vor Zerstörung zu schützen, denn allein mit seiner bloßen Existenz wirkt er dem Klimawandel entgegen. Ich verstehe nicht, wieso man solch ein Juwel zerstören möchte. “

Traurig findet Kauffeld, dass sich bei der Begründung der Bauflächen hinter Bundes- und Landesregierung verschanzt würde: „Natürlich wurde beschlossen zwei Prozent der Landesfläche für Windenergie zur Verfügung zu stellen. Es wurde aber nicht beschlossen wohin. Dafür ist die Regionalversammlung zuständig, gespickt mit Lokalpolitikern, die nun alle den Kopf einziehen, weil sie Partei-Interessen durchziehen müssen. Das ist sehr bedenklich, denn sie tragen auch eine hohe kommunale Verantwortung. Diejenigen, die den Reinhardswald zerstören wollen, müssten demnächst die Antwort darauf auf dem Wahlzettel bekommen. “

Den vom Bauherrn angepeilten Spatenstich für den Windpark im Sommer hält Dettmar für unwahrscheinlich: „Sollten die Windkraft Reinhardswald die Baugenehmigung erhalten, werden wir die, quasi im Schulterschluss mit anderen Kommunen, die unsere Sicht teilen, beklagen.“ Nun blickt man gebannt auf das Regierungspräsidium Kassel, das als Genehmigungsbehörde die Einwände objektiv aus- und bewerten muss.

Das sagen die Befürworter

„Wir sind überzeugt, dass nach umfangreicher Prüfung der Einwendungen der Windpark im Reinhardswald endlich genehmigt werden wird. Im Regierungspräsidium werden die Einwendungen nach Recht und Gesetz abgearbeitet und wir sind sicher, dass nach Abwägung aller Argumente die Gründe, die für die Genehmigung dieses Projekts sprechen, weitaus überwiegen“, erklärte der Vorstandsvorsitzende der Bürger Energie Genossenschaft Kassel & Söhre, Rainer Meyfahrt die Aktivitäten des „Aktionsbündnisses Märchenwald“. Gegen dessen umfangreiche Einwendungen und die Behauptung, dass durch „exzessive Bebauungspläne“ der Charakter des Naturraums und seine Bedeutung für den Tourismus zerstört würden, entgegnete Meyfahrt: „Solche Szenarien verhindern mit ihrem Alarmismus die notwendige Debatte über die Rahmenbedingungen für die Energieversorgung der Zukunft. Wenn die Klimakatastrophe noch verhindert werden kann, dann nur mit einem raschen Umstieg auf Erneuerbare Energien, auch in Deutschland und auch in Nordhessen, selbstverständlich immer unter Beachtung der Belange des Natur- und Umweltschutzes.“ 

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