Das einzig wahre Interview: Henner Sattler über Beberbeck, Schulden & Schmutzkampagnen

Kassel/Hofgeismar. Henner ist zurück! Fast zwei Monate lang musste Bürgermeister Heinrich Sattler krankheitsbedingt kürzer treten, Abstand halten

Kassel/Hofgeismar. Henner ist zurück! Fast zwei Monate lang musste Bürgermeister Heinrich Sattler krankheitsbedingt kürzer treten, Abstand halten zum Schreibtisch im Hofgeismarer Rathaus, zu städtischen Rats- und Ausschussitzungen. Auch der kommunale Wahlkampf  fand bislang ohne den realen Heinrich Sattler statt.

Damit ist nun Schluss. Der Verwaltungschef ist wieder präsent in "seinem" Hofgeismar. Voller Tatendrang, Energie und Selbstbewusstsein – wie Heinrich Sattler im Gespräch mit Land und leute eindrucksvoll unter Beweis stellte.

Zwei Monate nur die Rolle des Beobachters spielen, wie schwer ist Ihnen das gefallen?

Sattler: Sehr schwer, vor allem, wenn man nicht eingreifen kann. Das betrifft weniger die Verwaltung als die parteipolitischen Auseinandersetzungen in Hof-geismar. Diffamierungen, Beleidungen, Angriffe weit unter die Gürtellinie – einen Wahlkampf habe ich so noch nicht erlebt. Der Gipfel dieser Schmutzkampagnen ist das Zitieren aus alten, angeblich anonymen Briefen, die Unregelmäßigkeiten beim Bau meines privaten Einfamilienhauses unterstellen. Ich bin froh, hier darauf öffentlich antworten zu können: Jedes Gewerk war damals ausgeschrieben. Bis auf den Rohbau, der an eine auswärtige Firma ging, sind alle Aufträge an Hofgeismarer Unternehmen vergeben worden.

Geärgert hat mich auch, dass ich mich nicht sofort vor die Geschäftsführer der Beberbeck-Gesellschaft stellen konnte. Es ist ein Unding, den Beiden vorzuwerfen, dass sie für ihre Arbeit jeweils 700 Euro netto im Monat bekommen. Einer, der sich darüber am laut-stärksten und in jedes Mikro aufregt, wollte damals unbedingt selbst Geschäftsführer werden, Vorstellungen hinsichtlich seines Jahresgehaltes hatte er auch schon: über 100.000 Euro. Da entlarvt sich sein Geschrei hinsichtlich der 700 Euro doch als heuchlerisch.

Würden Sie Beberbeck noch einmal anpacken?

Sattler: (schmunzelt) Ja, etwas anders – ohne Film. Aber im Ernst: Ich würde es wieder machen! Natürlich musste  ich  Lehrgeld bezahlen, so ein Projekt gehört nicht zum Kerngeschäft eines Bürgermeisters. Aber als Amtschef habe ich eine Verpflichtung den Bürgern gegenüber, da geht es nicht nur um schöner Wohnen oder  Plätze eröffnen, sondern auch darum, Arbeitsplätze zu erhalten und  zu schaffen. Welche Chancen hat Hofgeismar hier? Abseits der Autobahn? Bei der Flexibilität des produzierenden Gewerbes? Da bleibt uns vor allem der touristische Bereich. Dann muss man eben mal den Mut aufbringen und etwas anstoßen. Wenn man nur auf die Zögerer und Zauderer im Parlament hört, kann man keine Stadt fit für die Zukunft machen. Ich bin der Hessischen Landesregierung jedenfalls sehr dankbar für die positive Begleitung des Projekts Beberbeck.

Nach Aussage eines hessischen Ministers würde das ja  längt stehen, wenn Ihnen nicht die Weltwirtschaftskrise dazwischen gekommen wäre.

Sattler: Das mag sein. Gesellschafter und Bürgermeister haben jetzt, März 2011, immer noch den Auftrag, das Projekt voranzutreiben. Das machen wir sehr ernst, ohne Hektik und ohne Pulverdampf. Wir wären doch töricht, jetzt potentielle Investoren nach Hause zu schicken, die Interesse zeigen. Und lassen Sie mich an dieser Stelle ganz deutlich sagen: Das Projekt Beberbeck ist nicht tot!

Die Betreibergesellschaft hat Insolvenz angemeldet, 3,5 Mio. Bürgschaft werden eventuell fällig.

Sattler: Die Anmeldung der Insolvenz war aus formaljuristischen Gründen notwenig. Und zum Thema Geld: Wir haben es ja nicht verpulvert oder für Luxusreisen und Freudenhäuser verprasst. Wir haben gearbeitet, Baurecht geschaffen, rund 800 Hektar Ackerland zu Bauland gemacht und dem Land damit eine schöne Wertschöpfung geschaffen.Und spielen wir doch mal den schlechtesten Fall durch, Beberbeck kommt nicht. Der Vorwurf, wir hätten die Stadt zu Grunde gerichtet, ist absoluter Blödsinn und billigste Panikmache. Der Bürger würde darunter nicht zu leiden haben. Es wird deswegen kein Schwimmbad dicht gemacht, keine Bibliothek geschlossen. Die Stadt stand finanziell noch nie so gut da, wie Ende 2010! Selbst wenn ich die 3,5 Mio. Euro Bürgschaft mit in den Etat nehme, haben wir immer noch die Hälfte weniger Schulden als bei meinem Amtsantritt.(Red.: 31.12.1996: 12,2 Mio. Euro; 31.12.2010: 2,4 Mio. Euro).Ich habe kein schlechtes Gewissen. Wir haben für kleines Geld eine Riesenleistung hingelegt. Wir haben für 3,5 Mio. Euro ein 400 Millionen-Euro – Projekt mit Planfestellungsverfahren etc. zur Baureife gebracht. Zum Vergleich: In Calden brauchte man 25 Mio. für ein 150-Millionen-Euro Projekt.

Stramm gespart in Hofgeismar

Trotzdem: 70 Mio. Euro investiert

Hofgeismar. Beberbeck, immer wieder Beberbeck. Heinrich Sattlers umstrittenes Tourismusprojekt lässt die stattlich Erfolgsbilanz des in dritter Amtszeit regierenden Bürgermeisters in den Hintergrund treten. Eine Tatsache, die ihn betrübt. Und die auch vom politischen Gegner anerkannt wird.  "Wenn der nicht mit Beberbeck angefangen hätte, würde man ihm in Hofgeismar nach seinen Amtszeiten ein Denkmal bauen", so ein führender Genosse.

In der Tat, die Bilanz Heinrich Sattlers kann sich sehen lassen: Als er in seine erste Amtszeit startete,  lagen 12,2 Mio. Euro Schulden auf der Stadt; Ende 2010 waren es noch 2,4 Mio. Euro. In drei Jahren – zum Ende seiner wohl letzten Amtsperiode – wäre Hofgeismar Schuldenfrei. Vorausgesetzt, die Tilgung wird wie geplant fortgesetzt und die Beberbeck-Bürgschaft muss nicht eigelöst werden.  "Wir haben unsere Ausgaben immer konsequent an den Einnahmen orientiert und die Schulden jährlich um 1. Mio. gesenkt", so Verwaltungschef Heinrich Sattler.

Die Bürger haben von diesem strammen Sparen wenig mitbekommen, flossen doch im gleichen Zeitraum – nicht zuletzt dank diverser Fördertöpfe –  rund 70 Mio. Euro in städtische Investitionsmaßnahmen. Der Bau des Bad am Parks, die Einführung des Stadtbusses, die Modernisierung des  Stadions, die aufsuchende Jugendarbeit, die Umgehungsstraße B 83 (Ende 2012 fertig), die Pflege und Neuansiedlung von Unternehmen sind nur einige Stichworte.  Dazu kommen in den Ortsteilen u. a. der neue Dorfmittelpunkt in Hümme, der Hochwasserdamm in Hombressen oder die Heimatscheune und die Straßensanierung in Kelze.

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