Bad Emstaler trägt am liebsten Frauenkleider

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Jörg Hüttenberger möchte mit seinem Schritt in die Öffentlichkeit aufklären und anderen Cross-Dressern Mut machen

Cross-Dresser Jörg Hüttenberger ist immer in Rock oder Kleid unterwegs.

Bad Emstal. Wann ist ein Mann ein Mann? Eine Frage, mit der sich bereits Herbert Grönemeyer in seinem berühmten Song beschäftigte: „Männer haben Muskeln. Männer sind furchtbar stark. Männer können alles“. Aber können Männer auch Frauenkleider tragen? Jörg Hüttenberger beantwortet diese Frage mit ja. Er ist ein Mann. Einer, der das „Cross- Dressing” liebt, also gerne Frauenkleidung trägt. Lange hat der Emstaler seine Neigung unterdrückt. Doch er will sich nicht länger verstecken – und mit seinem Schritt in die Öffentlichkeit auch anderen Cross-Dressern Mut machen.

Wie treffen uns in einer Gaststätte in Bad Emstal. Der 57-Jährige sitzt bereits an einem Tisch. Was als erstes ins Auge fällt: das strahlende Lächeln, der schwarze Hut, das blaue T-Shirt, Bartstoppeln. Erst dann registriert man die üppig beringten Finger, lackierte Nägel, große Ohrringe. Der kräftige Händedruck zur Begrüßung beweist, dass dieser Mann im Handwerk beschäftigt ist.

Jörg Hüttenberger wohnt in Bad Emstal und fällt auf, wenn er durch die Straßengeht. Er ist knapp 1,80 Meter groß, kräftig gebaut, trägt Schuhe mit hohen Absätzen, einen Minirock und hat die Nägel rot lackiert. Ein Kerl in Stöckelschuhen mit einer tiefen Stimme. Er ist trotz seiner Frauenkleider als Mann erkennbar, was ihm sehr wichtig ist. Weil er sich als Mann wahrnimmt – „als heterosexueller Mann“ wie er betont, der sich wohler fühlt, wenn er Frauenkleider trägt. „Ich bevorzuge als Mann Kleidung und Accessoires, die sonst eher Frauen anziehen“. Stolz, ein Mann zu sein Jörg Hüttenberger ist ein sogenannter Cross-Dresser. Er möchte aufklären; vor allem darüber, was Cross-Dresser nicht sind. Keine Transsexuellen, die sich im falschen Körper gefangen fühlen. Und keine Transvestiten, die als Frauen erkannt werden wollen. „Beim Cross-Dresser kann man ruhig sehen, dass er ein Mann ist”, sagt Hüttenberger und streicht sich demonstrativ über die dunklen Stoppeln seines Dreitagebarts. „Ich bin unwahrscheinlich gerne ein Mann. Ich möchte einfach nur tragen dürfen, was ich will!”

Mit einer Show-Einlage hat sein Auftreten nichts zu tun. Frauenkleider sind für ihn kein Kostüm mehr, sondern ein Lebensstil. Er wirkt authentisch, trägt seine feminine Kleidung mit einer Selbstverständlichkeit, die keinen Raum für Zweifel an seiner Entscheidung lässt. Mittlerweile kennt man ihn nicht anders. Die Leute sind eher verwundert, wenn er mal ein Hemd mit einer einfachen Arbeitshose kombiniert. „Wer mich und meinen Kleidungsstil kennt, ist überrascht, wenn ich anders aussehe, als es mittlerweile von mir erwartet wird“, meint der gelernte Zimmermann. Seine Neigung auszuleben war für Hüttenberger lange undenkbar. Bereits mit circa 12 bis 13 Jahren hat er sie entdeckt; zog heimlich im Keller des elterlichen Hauses Röcke an und bewunderte sich im Spiegel. Was folgte, war ein „ganz normale Lebensweg“: Schulabschluss, Lehre als Zimmermann, seine Nicole kennen und lieben lernen, über zwei Jahrzehnte mit ihr glücklich sein dürfen - alles ohne Röcke oder Kleider anzuziehen. „Gedacht habe ich manchmal schon daran, aber das war zu der Zeit irgendwie nicht wichtig“, erzählt er.

Das änderte sich im Juni des vergangenen Jahres, als seine Frau überraschend an einem Herzinfarkt starb. Auch jetzt noch muss Jörg Hüttenberger die Tränen unterdrücken, wenn er sich an diese Zeit erinnert. Im Angesicht des Schicksalsschlages beschloss er, sein Leben zu ändern, im darauf folgenden September kaufte er sich sein erstes Kleid. Seit rund einem dreiviertel Jahr trägt er fast ausschließlich Röcke und Kleider, „bei mir im Schrank gibt es nichts anderes mehr“. Eine Ausnahme macht er nur bei der Arbeit als Dachdecker; „sonst gucken mir bei dem Arbeitsplatz doch alle unter den Rock“, lächelt der 57-Jährige. „Das gibt sich wieder!“ Nicht allen gefiel der Stilwechsel, wobei der Kommentar seiner Mutter noch am harmlosesten ausfiel: „Das gibt sich in ein paar Wochen wieder, mein Junge“, beschreibt Jörg Hüttenberger ihre Reaktion. Ganz anders dagegen ein, zwei Emstaler, die ihn bei den Behörden u. a. als „nicht zurechnungsfähig, arbeits- und verwahrlost“ denunzierten. Der Cross-Dresser bekam eine Ladung vors Amtsgericht, musste sich dort erklären und konnte die Sache richtig stellen. „Die Akte wird geschlossen“, so der Emstaler.

Doch immer noch können manche Menschen seine Andersartigkeit nicht akzeptieren. Vor knapp zwei Wochen gab es bei ihm nach einer anonymen Anzeige eine Hausdurchsuchung. Vorwurf: Illegaler Waffenbesitz. Immerhin kamen die Beamten nicht ganz umsonst, sie fanden im Stall ein komplett verrostetes Luftgewehr, das seinem lange verstorbenen Vater gehört hatte. Die Reaktionen auf den Cross-Dresser sind vielfältig. Viele sind interessiert, andere verwundert, manche lehnen sein Auftreten ab. Dass er mit seinem außergewöhnlichen Kleidungsstil Blicke auf sich zieht, ist ihm durchaus bewusst, dennoch bleibt er sich treu. „Ich bin nicht ängstlich“, meint er. Doch natürlich trifft er auf viele Vorurteile: „Peinlich, pervers – das sind Attribute, die uns Männern in Frauenkleidern anhaften wie Schminke”, weiß Jörg Hüttenberger. „Und es gibt viel Unwissenheit.” Was der 57-jährige Emstaler mit seinem Auftreten ein wenig ändern will.

Trotz aller Widrigkeiten, die seiner Entscheidung folgten, bereut Jörg Hüttenberger den Schritt „in ein neues Leben“ nicht; er hat sich seinen Humor und seinen Optimismus bewahrt, strahlt Freundlichkeit und eine positive Energie aus. Er ist wieder in die Kirche eingetreten, besucht den Gottesdienst. Nach der Arbeit kann man ihn oft als DJ Hütti in Kasseler Discos antreffen, er tanzt dort des öfteren an der Stange und ist auch im Altkreis Wolfhagen als Stimmungsgarant bekannt. Wie zur Bestätigung kommt der Wirt an den Tisch und zeigt ein kürzlich mit dem Mobilphone aufgenommenes verwackeltes Video: Hinten im Saal der Gaststätte mischt DJ Hütti eine Geburtstagsparty auf.

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