Fleischindustrie in Verruf: Nordhessens Metzger demonstrieren gegen Tönnies

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Fleischermeister Uwe Köhler auf Hofgeismar stellt klar: „Wir schlachten selber!“

Deutschlands Fleischindustrie steckt in der Coronafalle. Billiglöhne und unhygienische Zustände kommen ans Tageslicht. Das ist die Chance der regionalen Fleischer, die für ihre meisterlichen Produkte Mittwoch in Hofgeismar und Wolfhagen demonstrieren und werben wollen.

Hofgeismar. Durch ganz Europa werden Schweine transportiert, zu zehntausenden täglich bei Tönnies in Gütersloh geschlachtet. Genau dort hat jetzt der Coronavirus zugeschlagen. Nordhessens Schlachter wehren sich mit einer Demo gegen die Machenschaften der Fleischindustrie. „Vierzigtausend Tiere werden täglich bei Tönnies geschlachtet. Die Tiere kommen aus Deutschland, Belgien, Dänemark, Polen. Werden durch halb Europa transportiert. Damit haben wir nichts zu tun. Wir schlachten viertausend Tiere im Jahr und alle sind unmittelbar aus der Region“, ärgert sich Fleischermeister Uwe Köhler aus Hofgeismar maßlos.

Die Zustände in so einen gigantischen Schlachthof sind aus seiner Sicht katastrophal. „Für die Mitarbeiter aus Osteuropa sind die Löhne unter aller Sau. Wem das nicht passt, der kann wieder abhauen. Mir hat ein Mitarbeiter dort gesagt: Wir entlassen täglich fünfzig Leute und 150 stehen schon wieder vor der Tür.“ Auch die Unterbringung sei ein Desaster. Wenn man mit sechs bis acht Mann ein Zimmer teile, sei Hygiene nicht zu gewährleisten. „Kein Wunder, dass der Coronavirus dort so zugeschlagen hat.“

Unter dem Motto „Wir Fleischer schlachten selber“, wollen die Betriebe aus dem Landkreis Kassel am heutigen Mittwoch demonstrieren. „Wir fahren mit unseren Fahrzeugen ab 14.30 Uhr durch Hofgeismar und anschließend auch durch Wolfhagen“, schildert Köhler die Planung. „Wir waren viel zu lange ruhig. Dabei sorgen wir für Wertschöpfung aus der Region, für die Region. Das Tierwohl steht bei uns seit jeher ganz oben auf unserer Agenda“, ärgert er sich darüber, dass die Gefahr besteht, mit Tönnies in einen Topf geschmissen zu werden.

Dabei sei bei den Fleischern in Nordhessen alles ganz anders. „Wir haben keine Werksverträge, sondern zahlen unseren Mitarbeitern ein auskömmliches Gehalt, so dass sie in anständigen Wohnungen und Häusern leben können“, betont er. Und Katharina Koch von der Landfleischerei Koch aus Calden ergänzt beim Gedanken an den Fleischgiganten Tönnies kopfschüttelnd: „In unseren mittelständischen Familienunternehmen brauchen wir qualifizierte Mitarbeiter für anspruchsvolle Tätigkeiten. Mitarbeiter, die ihr Handwerk verstehen. Deswegen hat bei uns auch die Ausbildung so einen hohen Stellenwert. Wir arbeiten im Handwerk gemeinsam in kleinen Teams, in denen alle Teammitglieder wissen, was zu tun ist. Deren enge Bindung an unseren Familienbetrieb zeigt sich nicht zuletzt daran, dass viele unserer Mitarbeiter sehr lange bei uns bleiben. Manche verbringen den größten Teil ihres Berufslebens in unserem Unternehmen. Ein Grund dafür ist sicher auch, dass wir für gute Arbeit auch anständige Löhne zahlen, von denen man hier gut leben kann.“

Aus regionaler Produktion: Gita Köhler präsentiert ihren Kunden erstklassige Fleisch- und Wurstspezialitäten.

Faire Preise für die Bauern, Liebe zum Produkt. Das zeichne den nordhessischen Fleischer aus. „Bei unseren bäuerlichen Lieferanten leben die Schweine länger und besser. Wir brauchen ja gerade für unser Spitzenprodukt „Ahle Wurscht“ größere Schweine. Und dafür zahlen wir auch vernünftig“, wirbt Uwe Köhler für seine Kollegen. „Vielleicht ist das jetzt mal eine gute Situation, um die Verbraucher auf die Lage in der Fleischindustrie hinzuweisen. „Da kommen die Ferkel schon aus Spanien. Das kann doch alles nicht mehr wahr sein.“

Deshalb wollen die Fleischer auf die Barrikaden gehen, fühlen sich von der Politik nicht vernünftig behandelt. „Als die Corona-Krise begonnen hat, wurden Discounter und Supermärkte hofiert, wenn es um die Versorgung der Bevölkerung ging“, regt sich Köhler auf. „Von uns Fleischern oder von Bäckern war nie die Rede. Dabei liefern wir sogar aus und haben somit kurze Transportwege. Das ist schon in normalen Zeiten ein großer Vorteil. Wir tragen dazu bei, die Krise zu überstehen.“

Lesen Sie zum Thema einen Briefwechsel von EXTRA TIP-Chefredakteur Rainer Hahne.

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