Gewaltopfer Christoph Rickels bringt Schüler zum Nachdenken

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Christoph Rickels ist 80 Prozent schwerbehindert. Das sprechen fällt ihm schwer. Er macht aus seinen körperlichen Gebrechen kein Tabu.

Nachhaltiges Präventionsprojekt an der Gesamtschule Immenhausen.

Immenhausen. „1, 2, 3, kaputt. So einfach war es.“ Im Saal herrscht Betroffenheit in der Aula der Freiherrvom-Stein-Schule Immenhausen. Alle Schülerinnen und Schüler des Jahrgangs sieben sitzen dort. „Ich bin seit elf Jahren kaputt – wegen eines Momentes, gegen den ich nichts machen konnte“, berichtet Christoph Rickels. Er zeigt die Videoaufnahmen der Tat. Ins Koma geprügelt. Damals war er 20. „Ich war immer so ein kleiner Möchtegerngängster. Ich wollte immer der Boss sein.“

Christoph wollte zur Bundeswehr. Vor Beginn der Ausbildung ging er noch einmal feiern. „Ich hatte Mädels im Kopf und Party.“ Mit 17 war er Schulsprecher. Beliebt, sozial engagiert, sportlich. Er kannte keine Angst. Einer Schlägerei ging er im Zweifel nicht aus dem Weg. Dann passierte es. „Heute ist mein Kopf leer. Die Erinnerung ist weg.“ Doch es gibt Bilder einer Überwachungskamera. An der Bar spendiert er einer Frau ein Getränk. Deren Freund ist eifersüchtig und lauert Rickens vor der Disco auf. Die Faust kam unvermittelt an sein Kinn. Schon nach dem ersten Schlag bricht er bewusstlos zusammen. Der Angreifer schlägt nach. Eine sechsfache Gehirnblutung wird diagnostiziert. Die Ärzte legen ihn ins künstliche Koma. Als man ihn zurückholen will, klappt das nicht. Vier Monate bleibt er im Koma. Die Ärzte haben kaum noch Hoffnung. Einen Tag vor Heilig Abend wacht er auf. Den coolen Typen von vorher gibt es nicht mehr. Essen. Sprechen. Laufen. Alles muss er wieder lernen.

Der Täter wird zu zwei Jahren und zwei Monaten auf Bewährung verurteilt. Seit der Tat laufen Gerichtsverfahren für Schmerzensgeld. Keinen Cent gab es bisher. Engagement gegen Gewalt Die Folgen der Tat sind heute noch zu sehen. Christoph Rickels ist 80 Prozent schwerbehindert. Das sprechen fällt ihm schwer. Er macht aus seinen körperlichen Gebrechen kein Tabu. Er muss mit spastischen Zuckungen leben, zeigt, dass er den Arm nicht über den Kopf strecken kann. Rickels: „Mit 20 Jahren habe ich mit Windeln im Bett liegen müssen, konnte nicht reden und laufen. Doch ich habe gekämpft.“ Der erste Erfolg war ein Bericht in der Frauenzeitung „Brigitte“. Er ist in ganz Deutschland unterwegs um die Augen zu öffnen, dass Gewalt nicht cool ist. 2010 gründet er den Verein „First Togetherness“. Er will ein neues Miteinander fördern. 2015 wird er durch den Innen- und Justizminister zum „Botschaft für Demokratie und Toleranz“. Er erhält die Auszeichnung „Helden des Alltags“. Wurde zum Sommerfest des Bundespräsidenten empfangen. Rickels will nicht passiv bleiben. „Mein Schicksal ist traurig auf den ersten Blick. Alles wird nur wieder gut, wenn man kämpft.“ Auch wenn Christoph Rickels Mut machen will, er schildert hautnah seine Probleme. Krankenhausaufenthalte und juristische Streitigkeiten, bis heute keine Entschädigung durch die Versicherung. „Seit 12 Jahren passiert nur Scheiße. Ich würde jetzt gerne wieder weinen, um endlich loslassen zu können, aber ich kann nicht mehr weinen und das Gefühl herauszulassen“, erklärt Rickels. Warum Rickels die Arbeit in Schulen wichtig ist wird er gefragt. „Ich bin ein Kämpferschwein, ich will heute dafür sorgen, dass wir etwas verändern. Jeden zweiten Tag hört man von Missbrauch und Gewalt, weil die Welt immer bekloppter wird. Das ändert sich nicht, wenn wir nur zugucken. Es ändert sich nur, wenn wir Stopp sagen.“

Im Gespräch mit den Schülerinnen und Schülern findet er den richtigen Ton. Mit Blick auf drei cool auf den Stühlen sitzende Jungs sagt er: „Viele denken, dass Gewalt den coolen Macker aus ihnen macht. Doch Gewalt macht nur kaputt. Mehr nicht. Cool ist, wenn man anderen hilft. Helft den Schwächeren. Helft denen, die Hilfe brauchen, dann seit ihr Cool. Haltet andere von Gewalt ab.“ Besonders liegt Christoph Rickels am Herzen, dass sich junge Leute über die möglichen Folgen von Gewalt im Klaren sind. „Wenn ihr mal kurz davor seid, denkt kurz nach und denkt an mich, weil nur dieser eine kurze Moment kann euch und ihm alles kaputt machen.“ Niemals aufgeben. „Man muss für seine Ziele kämpfen.“ Ein Satz fällt bei ihm immer wieder. „Man erntet was man sät, dieser Satz ist sein Lebenselixier.“ Projekt 40/40 - Weg zum Wir „Uns ist als Schule wichtig, dass wir Schülerinnen und Schülern auch durch solche Vorträge an Themen wie Gewaltprävention heranführen“, begründet der stellvertretende Schulleiter, Fredy Zech, die Einladung an Christoph Rickels. Möglich wurde der informative Tag durch das Projekt „40/40 – Weg zum Wir“ eine von Christoph Rickels und Ernesto Plantera gegründete Initiative, die in 40 Schulen und 40 Schulwochen die Auswirkungen von Gewalt vor Augen führt und für das Thema sensibilisieren will. Unterstützt wird diese Idee von Firmen im Landkreis Kassel. Fredy Zech hofft, dass die Schülerinnen und Schüler erkennen, dass ein kleines Handeln, große Folgen haben kann und man Konflikte nicht mit Gewalt lösen kann. „Die Botschaft muss sein, dass Gewalt keine Lösung ist“, so Zech. Er hat den Eindruck, dass die Schülerinnen und Schüler durch den Vortrag beeindruckt waren und Lehren ziehen. „Ich möchte, dass sie anders aus der Aula gehen, als sie reingekommen sind. Das ist gelungen glaube ich“.

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