Hessen ist bald schweinefreies Land

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Wetterbedingt musste der Mähdrescher eine Pause machen: (v. li.) Reinhard Schulte-Ebbert, Geschäftsführer Kreisbauernverband Kassel, Landwirt Thomas Rose, Ernst Winfried Döhne, stellverttretender Vorsitzender Kreisbauernverband, Karsten Schmal, Präsident des Hessischen Bauernverbandes sowie Fabian und Evelyn Rose.

Tierbestände gehen dramatisch zurück; hessische Landwirte kritisieren EU-Politik und Verordnungsflut.

Zierenberg. Bei der Vorstellung der Ergebnisse der Getreideernte beschränkt sich der Hessische Bauernverband traditionell nicht nur darauf, über Gerste, Weizen und Hafer zu referieren. Die Veranstaltung ist immer auch eine gute Gelegenheit, der Öffentlichkeit nahezubringen, was den Bauern Sorgen bereitet. „Und das ist eine Menge!“, sagte der Präsident des Hessischen Bauernverbandes, Karsten Schmal, als er vergangene Woche auf dem Hof der Familie Rose in Zierenberg-Oberelsungen über die bislang vorliegenden Ergebnisse und den Verlauf der Getreide- und Rapsernte in Hessen informierte. Da wäre zum Beispiel das Freihandelsabkommen, an dem die zuständige EU-Kommission und die Mercosur-Staaten (Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay) rund 20 Jahre gebastelt haben und dessen Ratifizierung jetzt bevorsteht. „Lassen Sie es mich mit einem Schachbegriff umschreiben: zugunsten der Maschinen- und Autoindustrie hat die EU hier ein Bauernopfer gebracht.“ Denn in Zukunft dürfen jährlich zusätzlich 99.000 Tonnen Rindfleisch (bislang 200.000 Tonnen) sowie 180.000 Tonnen Geflügelfleisch und 190.000 Tonnen Zucker aus Südamerika importiert werden. Diese Importe würden heimische, nachhaltig produzierte Erzeugnisse verdrängen. Zudem werden die hohen europäischen Standards im Verbraucher- und Umweltschutz unterlaufen. EU lässt eigene Standards unter den Tisch fallen Karsten Schmal: „Gerade erst hat Brasilien rund 200 neue Pflanzenschutzmittel freigegeben. Darunter über 40, die in Europa keine Chance auf eine Zulassung hätten.“ Als Vizepräsident des Deutschen Bauernverbandes zitiert er noch einmal dessen Forderung: „Alle Lebensmittel und Agrarrohstoffe aus den Mercosur-Staaten müssen die in der EU geltenden Verbraucherschutz- und Nachhaltigkeitsstandards erfüllen.“ Was das Abkommen selbst betrifft, könnten die europäischen Bauern jetzt nur noch auf eine Ablehnung durch das EU-Parlament hoffen. Dramatischer Rückgang der Schweine und Kühebestände Von der europäischen Bühne zurück in die Bundesrepublik, denn auch hier registriert der Verband besorgniserregende Entwicklungen: „Wenn es so weiter geht, wird Hessen zum schweinefreien Land“, befürchtet Karsten Schmal. In der Zeit von 2010 bis 2016 ist die Zahl der Mastschweinhalter von 5300 auf 3200 Betriebe und damit um 40 Prozent gesunken. Die Zahl der Betriebe mit Zuchtsauenhaltung hat sich im gleichen Zeitraum sogar um 47 Prozent vermindert. Diese Entwicklung sei auch in den letzten drei Jahren verzeichnet worden. „Erschreckend! Vor allem vor dem Hintergrund, dass die Verbraucher vermehrt auf regionale Produkte setzen“, ergänzt Ernst Winfried Döhne, stellvertretender Vorsitzender des Kreisbauernverbandes Kassel. Die Landwirte sind sich einig: Hauptursache für den dramatischen Rückgang der hessischen Schweinehaltung seien unzulängliche agrarpolitische Rahmenbedingungen, die vor allem kleinen Betrieben zu schaffen machen. „Hier besteht ein dringender Handlungsbedarf, der von der EU-Ebene über die politisch Verantwortlichen in Berlin bis nach Wiesbaden reicht.“ Auch in der Milchviehaltung sind die hessischen Zahlen rückläufig, „aber längst nicht so dramatisch wie im Bereich der Schweinehaltung“. Ein Hauptgrund hier seien die Verschärfungen im Rahmen der Düngeverordnung. Die dafür notwendigen hohen Investitionen in Güllelagerraum und Ausbringungstechnik bewegen gerade kleine Landwirtschaftsbetriebe dazu, komplett aus der Milchviehaltung auszusteigen. „Immerhin gibt es einen erfreulichen Anstieg der Tierzahlen im Geflügelsektor“, fand der Hessische Bauernpräsident einen versöhnlichen Abschluss seines Vortrages.

Erntearbeiten sind in vollem Gange

Nachdem die Ernte des Weizens, der mehr als die Hälfte des hessischen Getreideanbaus einnnimmt, durch Regenfälle unterbrochen werden musste, laufen die Mähdrescher nun wieder. Einen Überblick über die aktuelle Getreideernte gaben jetzt der Präsident des Hessischen Bauernverbandes, Karsten Schmal, und der stellvertretende Vorsitzende des Kreisbauernverbandes Kassel, Ernst Winried Döhne, auf dem landwirtschaftlichen Hof der Familie Rose in Zierenberg-Oberelsungen. „Aufgrund der langanhaltenden extremen Trockenheit im vergangenen Jahr waren die Aussaatbedingungen schlecht“, so Karsten Schmal. Auch die Hitze und Trockenheit im Juni habe Spuren hinterlassen. Dazu kamen Hagelschäden, von denen die Gemeinden Wolfhagen und Gudensberg besonders betroffen waren. Trotzdem verzeichneten die Landwirte bei der Wintergeste gute Erträge - „die war bereits fertig, als die Hitze eintraf“; die Sommergeste litt stärker unter der Trockenheit. Beim Winterweizen, der mit Abstand wichtigsten Getreideart in Hessen, gibt es in diesem Jahr aufgrund der Witterungsbedingungen kleinere Körner und somit geringere Erträge. Abstriche müssen die Bauern auch beim Hafer und vor allem beim Winterraps machen. Mit den Klimabedingungen besser zurecht kamen Trititcale - eine Kreuzung aus Winterweizen und Wintenroggen - sowie Roggen. Hier sind gerinfügig höhere Erträge zu erwarten.

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