Der Körper als Feind: Eine Expertin über Esstörungen bei Kindern und Jugendlichen

Sie essen einen halben Apfel pro Tag. Oder stopfen Unmengen in sich herein, um anschließend zu erbrechen. Etwa ein bis drei Prozent der Jugendlichen

Sie essen einen halben Apfel pro Tag. Oder stopfen Unmengen in sich herein, um anschließend zu erbrechen. Etwa ein bis drei Prozent der Jugendlichen zwischen 14 und 25 Jahren leiden an einer Essstörung wie Magersucht oder Bulimie. Betroffen sind überwiegend Mädchen und junge Frauen.Anlässlich des Forums für Kinder- und Jugendpsychiatrie mit dem Thema "Essstörungen" am 15. Mai in Kassel sprachen wir mit Dr. med. Mareike Schüler-Springorum, Direktorin der Vitos Klinik Bad Wilhelmshöhe, über gefährliche Schönheitsideale, hilflose Eltern und Wege aus der Essstörung.

Frau Dr. Schüler-Springorum, wenn mein Kind plötzlich weniger ist und auf die Figur achtet, muss ich mir Sorgen machen?Ja. Eine Essstörung entsteht nicht von heute auf morgen. Die Übergänge von einer eigenartigen Essweise zu einer krankhaften Störung sind fließend.

Wann sollten Eltern hellhörig werden?Wenn sich ihr Kind ständig  mit dem eigenen Gewicht  und Essen beschäftigt, Kalorien zählt, geringe oder gar keine Mahlzeiten zu sich nimmt oder exzessiv Sport betreibt, können das Hinweise auf eine Essstörung sein. Viele Magersüchtige bekochen ihre Eltern, finden aber selbst immer wieder Ausreden, selbst nicht mitessen zu müssen. Bei der Bulimie neigen die Betroffenen zu Essanfällen. Später erbrechen sie sich, um die Kalorien wieder loszuwerden. Häufig kommt es zu depressiven Symptomen, Stimmungsschwankungen und Gereiztheit. Sowohl bei der Magersucht  als auch bei der Ess-Brechsucht zeigen die Betroffenen meist keine Einsicht in ihre Problematik. Sie fühlen sich zu dick, selbst wenn sie bereits extrem untergewichtig sind.Welche Ursachen stecken hinter einer Essstörung?Das Essen bzw. Hungern ist nur Problemlöser. Essstörungen haben immer psychische Hintergründe. Das können  familiäre und persönliche Belastungsfaktoren wie chronische Konflikte, Ängste vor Verselbständigung oder der körperlichen Entwicklung in der Pubertät sein. Viele Mädchen haben Angst, plötzlich weibliche Rundungen zu bekommen, zur Frau  und damit erwachsen zu werden. Ich warne deshalb vor flapsigen Sprüchen wie "Mein Moppelchen".

Im Fernsehen oder in Zeitschriften sind fast alle Frauen  dünn und makellos. Sind die Medien Schuld an immer mehr essgestörten Jugendlichen?Die Medien allein für das  übertriebene Schönheitsideal verantwortlich zu machen, greift zu kurz. Das Hauptproblem ist unsere gesellschaftliche Einstellung. Nur wer schlank ist, gilt als schön, klug und erfolgreich. Das ist gefährlich. In arabischen Gesellschaften ist der runde Körper das Ideal. Da ist es ein Kompliment, wenn man hört: "Du bist aber dick geworden."

Welche Folgen haben Bulimie und Magersucht für die Betroffenen?Gravierende. Langfristig können die Organsysteme in Mitleidenschaft gezogen werden, es kommt zu Herz-Kreislaufbeschwerden, Haut-, Knochen- und Zahnveränderungen, Magen-Darmproblemen, hormonellen Veränderungen bis zum Ausbleiben der Regelblutung oder neurologischen Schädigungen. Auch die Osteoporosegefahr steigt.  Die Magersucht gehört mit einer Todesrate von zehn Prozent  zu den psychiatrischen Erkrankungen mit der höchsten Sterberate.

Was sollten Eltern tun, die ein essgestörtes Kind haben?Sich rechtzeitig professionelle Hilfe zu suchen. Ein erster Schritt kann die Vorstellung beim Hausarzt und Überweisung in die kinder- und jugendpsychiatrische Sprechstunde sein. Dort wird in einem ausführlichen Gespräch mit Betroffenen und Eltern geklärt, ob eine ambulante Behandlung ausreicht oder ob eine stationäre Behandlung notwendig ist.

Was raten Sie Eltern, damit es gar nicht erst so weit kommt?Sie müssen sich ihrer Modell-Funktion bewusst sein. Essen Sie gemeinsam, schaffen sie dafür eine angenehme Atmosphäre.  Ausgewogene Ernährung ist wichtig, aber man sollte die Kinder auch mal etwas Ungesundes  genießen lassen. Gleiches gilt für Bewegung: Sport ja, aber mit Spaß und nicht nur unter dem Leistungsaspekt. Am Wichtigsten aber ist es, seinem  Kind zu zeigen: Du bist toll und einzigartig, so wie du bist. Ein gesundes Selbstwertgefühl ist der beste Schutz vor einer Essstörung.

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