Mit abgerissenem Bein fast zwei Stunden hilflos in der Maschine

Piroschka und Robert Gotthar mit Söhnchen Kadoscha 8 Monate).
+
Piroschka und Robert Gotthar mit Söhnchen Kadoscha 8 Monate).

Dank Spenden aus Nordhessen: Prothese als Hochzeitsgeschen

Region. Sie sind unverzichtbare Helfer in Westeuropa - Saisonarbeitskräfte, ohne die in vielen landwirtschaftlichen Betrieben das Gemüse, Obst und Getreide kaum vom Feld zu holen wäre. Alleine für Deutschland vermittelt die Bundesagentur für Arbeit pro Jahr rund 300.000 Erntehelfer, die meisten von ihnen stammen aus Rumänien und Polen. Auch Robert Gotthar ist einer der jungen Männer, die regelmäßig nach Westeuropa kommen. Da es nach der Schule und der Ausbildung zum Automechaniker in Rumänien kaum Arbeit für ihn gibt, geht er in seinen zwanziger Jahren immer wieder ins Ausland, um Geld zu verdienen - nach Spanien, Deutschland und Dänemark. Spart das dort verdiente Geld eisern, um sich in seiner Heimat eine Existenz aufbauen zu können. Bis ihm das Schicksal einen brutalen Strich durch alle Pläne macht. Eineinhalb Stunden auf Hilfe gewartet Auf einem Bauernhof in Dänemark klettert Robert Gotthar zum Reinigen in den Trichter einer Maschine, in der Viehfutter zerkleinert bzw. gemischt wird. Aus bislang ungeklärten Gründen springt die Maschine an, zieht ihn hinein und trennt ein Bein unterhalb des Knies fast vollständig ab. Schwer verletzt schafft Robert es noch, die stark blutende Wunde mit seinem Gürtel abzubinden, dann verliert er das Bewusstsein. Gott sei Dank, möchte man fast sagen, denn es dauert rundeineinhalb Stunden, bis ihn Arbeitskollegen finden. Wochenlang liegt Robert anschließend im Krankenhaus, wird insgesamt sechs Mal operiert und hat nach Auskunft der dänischen Ärzte Glück, dass er überhaupt überlebt. Mit einer Interimsprothese ausgestattet, kämpft er sich durch die knapp einjährigen Reha-Maßnahmen, bevor er dann in seine Heimat zurückkehrt. Gut sechs Jahre liegen die schrecklichen Ereignisse mittlerweile zurück. „Ich wollte kein Mitleid, sondern arbeiten“, erzählt Robert Gotthar, der der ungarischen Minderheit im ehemaligen Siebenbürgen angehört. Bei einer Baufirma bekommt er einen Job, mit seiner Behelfsprothese klettert er auf Dächern und in Gräben herum, verlegte Wasserleitungen. Was einem pensionierten Lehrer aus Norddeutschland und dessen aus Siebenbürgen stammenden Ehefrau bei einem Besuch in deren Heimat auffällt. Das Paar sorgt mit Hilfe eines Orthopädiemeisters und der deutsch-ungarischen Gesellschaft dafür, dass Robert Gotthar eine bessere Prothese bekommt. Mit Eifer und Fleiß stürzt er sich wieder in seinen Job. Dank harter Arbeit und Sparen kann er sich ein kleines Häuschen in seinem Heimatdorf finanzieren. Und findet auch privat sein Glück: Vor knapp drei Jahren lernt er seine Piroschka kennen und lieben, sie heiraten und sind mittlerweile stolze Eltern von Söhnchen Kadoscha. Doch dann macht die Prothese, die maximalen Belastungen standhalten muss, nicht mehr mit - das Gelenk ist defekt. Damit weiter arbeiten? Kaum möglich. Im März dieses Jahres erfährt das Ehepaar Peter im Nachbarort von seinem Schicksal. Kinga und Sandor Peter, die ebenfalls zur ungarischen Minderheit gehören, arbeiten seit Jahren mit den Landwirten Ottmar Rudert und Güter Rüddenklau zusammen, sorgen dafür, dass die Spenden aus Nordhessen an die richtigen Empfänger kommen. „Wir kümmern uns drum“, sind sich alle Vier einig. Und in der Tat: Über den Christlichen Hilfsdienst Bad Hersfeld kommt man mit den Eschweger Orthopäden Aktiv-pro Stramer und Stahlberg in Kontakt. Die Firma Otto Bock in Duderstadt liefert eine spezielle Prothese für extreme Belastungen. Anpassung vom Eschweger Orthopädiemeister Dann packen die Peters den 36-Jährigen im April in ihr Auto und machen sich auf die Tour nach Hessen. Gewohnt und übernachtet wird bei Günter Rüddenklau in Westuffeln; in Eschwege passt Orthopädiemeister Michael Sawosch die Prothese in wenigen Tagen exakt an den Oberschenkel und die Maße von Robert Gotthar an .„Ich hatte Tränen in den Augen, als ich damit zum ersten Mal gelaufen bin“, erzählt der junge Mann. Damit nicht genug: er bekommt auch noch Ersatzteile für seine defekte Prothese, die er nun selbst reparieren will. Mit einem strahlenden Robert Gotthar geht es zurück Richtung Siebenbürgen. „Sagen Sie allen Menschen, die Geld- oder Sachspenden an Ottmar und Günter geben, dass ich - wie bestimmt auch alle anderen Empfänger in Rumänien - unendlich dankbar für ihre Hilfe bin.“

Hintergrund

Als der Unfall passierte, war Robert Gotthar bei einem Großbauern in Dänemark als Erntehelfer beschäftigt. Dänemark hat unter den Saisonarbeitern einen guten Ruf, da die Arbeitgeber dort als seriös gelten. Sein Bauer bat ihn nach Vertragsende, noch zwei Wochen drauf zu legen, genau in denen passierte dann der Unfall. Bezahlt wurden die Behandlungen von einer Organisation, die sich für Menschen ohne Krankenversicherungen einsetzt. Danach hatte Robert Gotthar keine weiteren Ansprüche mehr.

Mehr zum Thema

Das könnte Sie auch interessieren

Meist Gelesen

Mit Zuckerwasser gegen den ärgsten Hunger
Landkreis Kassel

Mit Zuckerwasser gegen den ärgsten Hunger

Jetzt spenden für den 13. Nordhessischen Hilfstransport nach Osteuropa.
Mit Zuckerwasser gegen den ärgsten Hunger
Falsche Polizeibeamte kontrollieren Autofahrer auf A 7 und stehlen Geld: Zeugen gesucht
Landkreis Kassel

Falsche Polizeibeamte kontrollieren Autofahrer auf A 7 und stehlen Geld: Zeugen gesucht

Als dem 44-jährigen Mann aus Köln die Kontrolle verdächtig erschien und er die Polizei verständigen wollte, nahmen die Täter Geld aus dem Auto des Opfers
Falsche Polizeibeamte kontrollieren Autofahrer auf A 7 und stehlen Geld: Zeugen gesucht

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.