Nordhesse Jan Bade ist bundesweit gefragter Experte für Äpfel und Birnen

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Pomologie ist die Obstbaumkunde. Und Jan Bade ist einer ihrer kenntnisreichsten Vertreter in Deutschland.

Für Jan Bade aus Kaufungen ist Obst nicht nur Genuss, sondern auch Wissenschaft. Der bundesweit gefragte Experte bestimmt Apfel- und Birnensorten, berät zu Anbau und Schnitt und beschert widerstandsfähigen, alten Sorten neue Aufmerksamkeit.

Kaufungen.  Jan Bade sitzt an seinem Schreibtisch im Büro in der Kommune Niederkaufungen. Vor ihm Körbe mit Birnen. Er prüft Farbe und Form, Struktur der Schale und Beschaffenheit der Stiele. Mit tausendfach geübtem Schnitt halbiert er die Frucht, schnitzt einen Spalt ab und kostet ihn. Anschließend wendet er sich dem Kerngehäuse zu, vergleicht die dunklen Samen mit denen aus seiner Sammlung, die mehrere Aktenordner füllen. Manchmal weiß er schnell, mit welcher Sorte er es zu tun hat. „Und in seltenen Fällen komme ich nie drauf“, sagt Jan Bade. Aus zehn Kernen würden zehn neue Sorten entstehen. Da ist die Vielfalt unendlich. „Und ich kenne doch nur etwa 400“, sagt er.

 Jan Bade, der mit drei Mitstreitern die „Obstmanufaktur“ gegründet hat, ist einer der wenigen hauptberuflichen Pomologen in Deutschland. Gut 300 Apfel- und ebensoviele Birnbäume auf den Streuobstwiesen rund um Kaufungen bringen nicht nur Obstertrag sondern dienen auch als Forschungsobjekte. Das Wissen über Äpfel und Birnen ist bundesweit gefragt, auch Vortrags-Anfragen aus dem europäischen Ausland kommen. Aus einem Hobby sei der Beruf entstanden, für den es keine Ausbildung gibt. „Es ist ein Meister-Schüler-Verhältnis, bei dem das Wissen weitergegeben wird“, sagt Bade.

Für die Sortenerkennung sind Kerne und Gehäuse wichtige Faktoren. Eine umfangreiche Sammlung von Kernen gibt schnell Aufschluss über den Namen der Sorte.

Und dieses ist umfangreich: Neben der Sortenbestimmung ist der Obstbaumschnitt sowie dessen Vermittlung sein Betätigungsfeld. Und da gibt es viel Beratungsbedarf, auch Garten- und Landschaftsgärtner holen sich bei ihm Rat. „Der häufigste Fehler vieler Obstbaumbesitzer ist, den Baum künstlich klein zu halten, weil die eigene Leiter eben nur 3,40 Meter misst“, weiß Bade. Und wenn die Sorte eben ein großes Wurzelwachstum habe, „kann ich da oben wegschneiden soviel ich will – es wird dem Baum nicht gefallen und die Ernte wird nicht wie gewünscht ausfallen.“ Was viele zudem unterschätzen: „Auch Geschmack wird mit Schnitt gemacht“. Klar, verdeckt durch Laub und im unteren Teil des Baumes wachsend, bekommen die Früchte einfach nicht genug Sonne.

 Der Wunsch nach viel Ertrag und großen Früchten habe viele alte Obstsorten verdrängt. „Dabei weisen gerade die eine hohe Resistenz gegen Krankheiten auf“, sagt Bade. Doch wer ein Kilo Äpfel für 1,99 Euro im Supermarkt kaufen möchte, kann nicht viel Wert auf Nachhaltigkeit legen. „Da wird dann eben viel gespritzt“, klärt Bade auf. Um das zu umgehen, müsste „zwei Drittel des Standart-Sortiments aus den Baumschulen geworfen werden“, fordert Bade. Das hätten die vergangenen fünf Jahre gezeigt. Eine Resistenz gegen den Schorfpilz reinzubekommen sei schwierig, weil auch dieser sich weiterentwickele. Hinzu kommen die Anforderungen, die der Klimawandel gerade auch an den Obstbaum stellt. „Als ich vor 20 Jahren angefangen habe, war es meine Idee, Obstsorten für die nächsten Generationen zu erhalten. Heute sind wir in der Not uns von gewissen Standart-Sorten verabschieden zu müssen.“ Als Beispiel nennt er eine der sechs am häufigsten angebauten Apfelsorten weltweit, den Jona Gold, gezüchtet aus Golden Delicious“ und „Jonathan“. „Die sind, wie viele andere auch, nie auf Gesundheit gezüchtet worden.“, klärt Bade auf.

Während die jungen Bäumchen in jedem Baumarkt angeboten werden, seien die Raritäten, alte Sorten also, schwer zu bekommen. Um nach Ende der staatlich geführten „Muttergärten“ die Nachfrage nach sogenannten „Edelreiser“ zu bedienen, gründete Jan Bade zusammen mit anderen ein Netzwerk, dem 75 Sammlungen angehören. „Wir brauchen diese sichere Quelle für Sorten.“

Man merkt schnell: Jan Bade ist ein Apfel-Botschafter durch und durch. Voller Begeisterung –“ und auch ein bisschen Nerd“, wie er ergänzt. Die Wertschätzung für sein Wissen und seine Arbeit wächst. Und er selbst kann anscheinend nicht genug bekommen. Daher auch die intensive Beschäftigung mit der Birne, die sich zum Apfel gesellte. „Das ist die Königsfrucht: Die Geschmacksvielfalt ist riesig“, gerät Jan Bade ins Schwärmen, als er sich einen Birnenschnitz bei der Sortenbestimmung in den Mund schiebt. Die Birne sei allerdings eine kleine Diva, was Ernte und Lagerung angeht. Die verzeiht nicht so viel wie der Apfel – wahrscheinlich der Grund, weshalb sie im Handel eine eher untergeordnete Rolle spielt.

Seit August läuft bei Jan Bade die Sortenbestimmung, dank guter Kühlung geht die Saison bei ihm bis in den Januar. „Dann bin aber auch ich froh, wenn der Verrottungsprozess diese Arbeit für ein paar Monate unterbricht“, lacht Bade und greift zur nächsten Birne.

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