Reinhardshägern stößt Naturpark-Titel bitter auf

Nordhessen üben Kritik an der plötzlichen Ausweisung des Reinhardswalds

Reinhardshagen. Albert Kauffeld (Unabhängige Wählergemeinschaft/UWG) kocht vor Wut. Der Kreistagsabgeordnete und stellvertretende Bürgermeister Reinhardshagen wird etwas lauter, als er über den Naturparktitel spricht, der noch in diesem Jahr an den Reinhardswald vergeben werden soll. Vor drei Wochen hat die Mündener Rundschau darüber berichtet, dass Hessens Umweltministerin Priska Hinz das Gebiet noch in diesem Jahr ausweisen lassen will. In den ersten Jahren sollen 450.000 Euro für den zwölften Naturpark Hessen bereit gestellt werden.

Priorität Naturschutz?

Kreistagsabgeordneter Albert Kauffeld (UWG).

Für Kauffeld ein schwacher Trost, der in keinem Verhältnis stehe: „Die Marke Naturpark wird in diesem Fall miss-braucht und ist Mittel zum Zweck, um Windkraftanlagen und Salzsee zu etablieren. Letztlich werden dadurch alle anderen Naturparke heruntergezogen. Der Schutz der Natur steht nicht mehr im Vordergrund, sondern der Ausverkauf, die Vermarktung. Das traurige daran ist, dass dies alles von regionalen Politikern sehenden Auges mitgetragen wird.“ Im Kreistag bezeichnete Kauffeld den Reinhardswald als „Schatzhaus der Europäischen Wälder“ und forderte die Mitglieder dazu auf das Gebiet weder zur Abfallentsorgung von Industrieabwässern, noch als Industriepark für Windkraftanlagen zu strapazieren. Man liege in Nordhessens Zipfel offenbar zu weit ab vom Schuss, habe wenig Lobby: „Der Kreistag darf auch gern einmal von den Mandatsträgern der Reinhardswaldkommunen lernen, die näher an den Bürger sind“, hatte Kauffeld den Abgeordneten unterbreitet. Auf hessischer Landesebene sieht er die Schwarz-Grüne Regierung als treibende Kraft, die über den RP Kassel als verlängerten Arm die Windkraftanlagen im Reinhardswald forcieren will: „Die CDU hat die Grünen dazu gebracht den Flughafen Kassel-Calden zu akzeptieren, als Gegenleistung sollen nun die Windräder her“, ist Kauffeld erzürnt.

,Plötzlich geht es’

Reinhardshagens Bürgermeister Fred Dettmar (UWG).

Auch Reinhardshagens Bürgermeister Fred Dettmar (UWG) sieht die plötzliche Titelvergabe kritisch: „Seit Jahren kämpfen wir dafür, dass der Reinhardswald ein Naturpark wird, lange bevor es die Diskussionen um Windkraftanlagen und Salzsee überhaupt gab. Damals hieß es, dass Hessen keinen zwölften Naturpark brauche. Heute soll es auf einmal kein Problem mehr sein. Für mich persönlich ist der Titel nichts Weiteres als ein Trostpflaster und ein Feigenblatt unter dem einschneidenden Dinge in der Natur versteckt werden sollen.“ Nicht ohne Grund sei man aus der Energiegenossenschaft Reinhardswald ausgetreten, die sich darum beworben hatte, die Windparkflächen bebauen und bewirtschaften zu dürfen. Damals habe man den Einfluss auf die zu bebauenden Flächen in Anbetracht der großen Konkurrenten schwinden sehen. Und auf dem Gahrenberg, so dicht an der Landesgrenze, wäre man neben dem Mündener Nachbarn nicht aktiv geworden, hätte andere Standorte bevorzugt. Doch es kam anders.

Hermann-Josef Rapp.

Hermann-Josef Rapp, pensionierter Forstbeamter und als „Stimme des Reinhardswaldes“ bekannt, hat lange für eine Ausweisung des Reinhardswaldes zum Naturpark gekämpft. Doch hatte er sich die Entstehung ein wenig anders vorgestellt: „Schon vor 30 Jahren wurde ich von Besuchern gefragt, warum diese einmalige Landschaft noch kein Naturpark ist. Wir haben hier so viel zu bieten und spielen landschaftlich in der Premiumliga mit. Damals hat die Überschneidung mit Jagdinteressen eine Ausweisung verhindert, wie ich vermute. Nach all den Jahren gibt es nun plötzlich frischen Wind, man hat uns den Naturpark praktisch aufgedrängt. Leider steht mehr die Vermarktung der Region im Vordergrund und nicht, wie es eigentlich sein sollte, der Schutz der Natur. Dabei ist sie das Kapital von dem die Region lebt und weiterhin profitieren kann. Die Menschen kommen hierher, weil sie das was sie suchen woanders nicht finden.“ Das Ganze habe auch eine finanzielle Komponente, denn ohne touristische Arbeitsgemeinschaften wie die TAG Märchenland, der Reinhardshagen nicht angehört, sei auch kein Geld vorhanden. Und ohne Geld gebe es wiederum keinen Einfluss: „Die Gemeinde ist dem Verein „Naturpark Reinhardswald e.V.“ natürlich beigetreten, aber wir sind kein zahlendes Mitglied und haben daher auch kein Stimmrecht.“ Dettmar betonte, dass das grundsätzlich in Ordnung sei, durch die Starke Anlehnung an den Tourismus, der gerade im oberen Wesertal sehr unterschiedlich strukturiert wäre, aber die Zusammenarbeit erschweren würde. So seien neben Reinhardshagen auch die Gemeinden Oberweser und Wahlsburg durch deren touristische Orientierung in den Solling Mitglieder des Vereins geworden, aber ebenfalls ohne Stimmrecht. Damit habe fast der komplette Osthang des Reinhardswaldes im neu gegründeten Verein keine Stimme. Ziel und Zweck einer solchen Gemeinschaft würden dadurch völlig verfehlt. Dabei müssten doch alle Anrainerkommunen eingebunden werden, um den Naturpark voranzubringen, so der Bürgermeister.

Die Zeit als Verbündeter

Den Windpark auf dem Gahrenberg doch noch zu verhindern halten Dettmar, Kauffeld und Rapp erst dann für möglich, wenn das Interesse an dem Standort schwindet. „Die Zeit könnte unserer Verbündeter sein, wenn irgendwann zu erkennen ist, dass die Anlagen nicht mehr profitabel genug sind oder die Nachfrage nach erneuerbarer Energiegewinnung abgeebt ist. Ob und wann das der Fall ist, kann aber keiner vorhersagen. Fakt ist, dass die Windräder auf den im Reinhardswald keinen entscheidenden Einfluss auf die Energiewende haben werden und deshalb völlig unnötig sind“, sagt Kauffeld. Man würde mit ihrem Bau lediglich ein einmaliges Landschaftsbild zerstören.

Rubriklistenbild: © Horn

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