Ein Rohstoff unterwegs: Flöße auf der Oberweser – viel mehr als nur Nostalgie

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Alles im Griff: Claus Schellenberg am Floß-Ruder.

Aus Holz aus dem Reinhardswald fertigen die Weserflößer ihre historischen Wassergefährte. Damit erhalten sie ein uraltes Handwerk. 

Reinhardshagen. Die Flößerei ist ein uraltes Gewerbe, war in allen Teilen der Welt verbreitet und auch bis Anfang des 20. Jahrhunderts ein wesentlicher Baustein zur wirtschaftlichen und landeskulturellen Entwicklung in Deutschland. Auf praktisch allen dazu geeigneten Gewässern in unserem Land wurde geflößt. Die Wälder gingen auf Reisen. Und auch die Weser spielte in diesem Konzert eine wichtige Rolle, die in zahlreichen Büchern bestens belegt ist. Länger als auf anderen Flüssen fuhren hier noch gewerbliche Flöße bergab, das letzte im Jahr 1964.

Was ist das Besondere an der Flößerei? Es geht um Holz, und dieser nachwachsende Rohstoff (siehe INFO) transportiert sich selbst. Das ist einmalig. Und dass ohne Einsatz fremder Energie, was ebenso einmalig ist. Ein leuchtendes Vorbild für die heutige Klimadiskussion. Und bis zum Ausbau des Eisenbahnnetzes Mitte des 19. Jahrhunderts und dem Aufkommen des Schiffsverkehrs bot die Flößerei die einzige Möglichkeit, Großlasten zu transportieren.

Ensemble hochwertiger Naturlandschaften

Der als Oberweser bezeichnete Teil von Hann. Münden bis zur Porta Westfalica hat eine große Tradition. Mehrere bekannte waldreiche Mittelgebirge grenzen hier aneinander: der Habichtswald bei Kassel mit dem Weltkulturerbe Bergpark Wilhelmshöhe, der Kaufunger Wald mit dem angrenzenden Hohen Meißner, dem Reich von Frau Holle, der kleinere Bramwald auf der östlichen Weserseite, als Kleinod großer waldbaulicher Leistungen, der Solling als ruhmreiches Jagdrevier und Schwerpunkt forstlicher Forschung in Sachen Waldsterben und dann der Reinhardswald auf der Westseite des Flusses als „Schatzhaus der europäischen Wälder“ tituliert und gerne als Märchenland der Brüder Grimm vermarktet. Und selbst der Thüringer Wald mit seinen umfangreichen Nadelholzbeständen spielt durch die Werra in dieses Szenario hinein.

Von Reinhardshagen bis nach Bremen: 2008 begaben sich die Weserflößer erstmals auf große Fahrt.

Jedes dieser Mittelgebirge hat ein eigenes Profil. Insgesamt stellen sie aber innerhalb Deutschlands ein einmaliges Ensemble hochwertiger, attraktiver und schützenwerter Naturlandschaften dar. Der Reinhardswald in seinem größeren südlichen Teil feiert in diesem Jahr sein 1.000-jähriges Jubiläum. Bei den Feiern zu diesem Ereignis wird die fundamentale Bedeutung dieses Waldes und stellvertretend für die anderen Wälder als Lebensgrundlage der Menschen und als Fundament für die wirtschaftliche Entwicklung der Region hervorgehoben.

Auf ein Floß folgten viele weitere „letzte Flöße“

Die gewerbliche Flößerei ist beendet. Aber die emotionale Bindung zu dieser Technik hat überlebt. Überall wurden Erinnerungen wach, führte die Nostalgie zu einem Weiterleben dieses inzwischen immateriellen Welterbes. Von der Isar ist die Touristenflößerei allgemein bekannt, im Schwarzwald, im Frankenwald, in Thüringen und an der Saale gab es leistungsfähige Keimzellen zum Fortbestand des Flößerbewusstseins. Und an der Weser war es ähnlich.

1992 sollte ein Flößerdenkmal an der Werremündung in Bad Oeynhausen eingeweiht werden. Dazu plante man ein Floß, dass von Reinhardshagen zum Denkmal fährt. Das Holz kam aus dem Reinhardswald. Am Ziel wurden die Floßbauer von etwa 20.000 Gästen empfangen. Kurz danach wurde in Höxter die Deutsche Flößerei-Vereinigung gegründet, die einen gewaltigen Auftrieb der Flößereikultur initiiert hat. Auch an der Oberweser ging es weiter. Es ging immer wieder um das „letzte Floß“. Das Problem ist noch nicht gelöst, da mehrere Nostalgie- und Erinnerungsflöße organisiert wurden. Es kamen spektakuläre Fernsehflöße hinzu.

Flößer-Nachwuchs in das Handwerk eingeweiht

Da brauchten die alten Recken des Flößerhandwerks Unterstützung und stießen auf eine Gruppe floßbegeisterter Leute aus Reinhardshagen, die von den letzten echten Flößern in die Geheimnisse ihres Handwerks eingeweiht wurden. Eine wunderbare Situation mit positiven Folgen. 2008 landeten sie den großen Wurf und fuhren mit einem Floß von rund 100 Festmetern Fichtenholz aus dem Solling und dem Reinhardswald in den historischen Ausmaßen von Reinhardshagen nach Bremen. Bei der Ankunft in Bremen standen 15.000 Zuschauer am Ufer. 2009 ging es mit einem weiteren Floß zum „Blauen Band der Weser“ nach Minden.

Großer Flößertag im kommenden Jahr

2013 war ein Floß vom Startplatz Kassel anlässlich des Hessentags und dem Stadtjubiläum geplant. Das Holz dafür, prächtige Stämme, lagen schon gefällt im Reinhardwald. Dann wurde die Stadtschleuse in Kassel gesperrt und das Projekt fiel ins Wasser. Inzwischen hatten sich die Männer aus Reinhardshagen und Oberweser entschlossen, einen Verein zu gründen. So entstanden die Weserflößer Reinhardshagen e. V. 2016 ging es weiter.

Eine unvergleichliche Stimmung bei der Überfahrt.

Unter dem Motto „Regional ist nicht egal“ ging es erneut von Reinhardshagen bis nach Minden. In diesem Fall in der historischen Form vom Sonnenaufgang bis zum -untergang. Und die Geschichte ist noch lange nicht zu Ende. Die Weserflößer richten den Deutschen Flößertag 2020 in Reinhardshagen aus. „Eine große Herausforderung, da dieses jährliche Treffen, in diesem Jahr in der Schorfheide, im Jahr zuvor im Schwarzwald, bisher Veranstaltungen der Sonderklasse waren. Da müssen wir uns mächtig ins Zeug legen“, heißt es seitens des Vereins.

Die Weserflößer freuen sich über große Resonanz sowohl bei den Flößerfreunden aus dem ganzen Land aber auch aus der regionalen Bevölkerung. „Wir haben hier entlang der Weser unheimlich viel zu bieten und das möchten wir gern den Gästen zeigen“, so die Weserflößer. Mehr Informationen zu dem 33. deutschen Flößertag (vom 23.07. bis 26.07.2020) und dem gleichzeitig stattfindenden Floßbau unter www.weserfloesser.de.

INFO

Holz – ein einmaliger Rohstoff

Der Rohstoff Holz ist einmalig. Er wächst überall nach und zwar unter umweltfreundlichsten Bedingungen. Seine physikalischen Eigenschaften sind exzellent. Er lässt sich restlos verarbeiten und hochgradig recyclen – das unter dem Vorzeichen einer Kaskadentheorie sogar mehrfach. Und dieses Holz wächst im Wald, der seit mehr als 1.000 Jahren die Lebensgrundlage unserer Bevölkerung war.

Man bezeichnet diese Epoche nicht ohne Grund als „Holzzeit“, „Baumzeit“ oder „Waldzeit“ und viele Experten meinen, dass diese Phase weltweit noch nicht beendet ist. Es ging um einen Rohstoff , der zur Versorgung mit Wärme im Haus, bei der Metallverarbeitung, der Glasproduktion, dem Bierbrauen und Töpfern unverzichtbar war.

Beim Bau der Häuser, bei der Möblierung und als Arbeitsgrundlage für Stellmacher, Küfer, Drechsler und Schiffbauer war es ebenso. Und im Sommer wurden unvorstellbar große Mengen an Schafen, Rindvieh und Pferden in den Hutewäldern geweidet. Im Herbst zogen dann die Schweine zur Mast in den Wald.

Die komplette Beilage #Heimatwald gibt es hier.

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