Der Star im neuen Landesmuseum: Wissenschaftsstreit um ,ältesten Hessen’ beendet

Von ANDREAS BERNHARDLandkreis Kassel / Rhünda. Einst ging er mit einem Speer bewaffnet auf die Pirsch durch Nordhessen. Jetzt, rund 12.000 Jahre spä

Von ANDREAS BERNHARD

Landkreis Kassel / Rhünda. Einst ging er mit einem Speer bewaffnet auf die Pirsch durch Nordhessen. Jetzt, rund 12.000 Jahre später, sollen die Überreste  eines vor 55 Jahren bei Rhünda im Schwalm-Eder-Kreis entdeckten Eiszeitjägers aus zum Star des neugestalteten Landesmuseums in Kassel werden.

Fund nach Unwetter

"Der Schädel von Rhünda wird eine zentrale Rolle in der Präsentation des Landesmuseums einnehmen", betont Dr. Irina Görner, zuständig für Vor- und Frühgeschichte bei der Museumslandschaft Hessen Kassel (MHK). Nach den derzeit laufenden Umbauarbeiten, die 2013 abgeschlossen sein sollen, findet sich also endlich ein würdiger Platz für den Jahrhundertfund des ,ältesten Hessen’.

"Nach neuesten Erkenntnissen", so die Kasseler Archäologin, "dürfte der urzeitliche Jäger und Sammler in den letzten Tagen der Eiszeitgelebt haben". Nordhessen glich zu dieser Zeit der fast baumlosen sibirischen Tundra. Das Klima war sehr kalt, aber auch sehr trocken. Die wenigen Menschen lebten in kleinen Gruppen. Als Nomaden zogen sie umher, suchten Unterschlupf in Höhlen oder unter Felsvorsprüngen, immer auf der Suche nach Wildpferden, ihrer bevorzugten Beute.

Zu verdanken hat das Landesmuseum den wertvollen paläontologischen Fund dem vor wenigen Jahren gestorbenen Dorflehrer Eitel Glatzer. Nach einem Unwetter im Juni 1956, bei dem sich der kleine Bach Rhünda in einen reißenden Strom verwandelt hatte, wurde der Schädel vermutlich aus den oberhalb des Ortes Rhünda gelegenen Wäldern herabgespült und schließlich durch Zufall wenige Meter vom Dorf entfernt am Ufer entdeckt.

"Ein Mann aus dem Dorf kam herbeigeeilt", erzählt die heute 89-jährigen Witwe des vor einigen Jahren verstorbenen Finders, "und berichtete von einem Schädel". Lehrer Glatzer lief zum Fundort und erkannte sofort, dass es sich bei den menschlichen Überesten um etwas besonderes handeln musste. Er ließ den Schädel nach Marburg zum Prähistoriker und Antropologen Professor Eduard Jacobshagen bringen.

Der wiederum löste mit seiner Behauptung, bei dem Rhündaer Fund handele es sich um eine Neandertaler-Frau einen jahrelangen Wissenschaftsstreit aus. Dann wurde es still um den Jahrhundertfund.  Eine endgültige Datierung fand erst 2002 statt. Zum ersten mal wurden dabei Knochenproben aus dem Schädel untersucht.

Das Ergebnis: Es ist ein Mann und er lebte vor rund 12.000 Jahren. Somit ist gesichtert, dass der Schädel von Rhünda der bislang älteste Fund von Menschenknochen in Hessen ist.

Eine Erkenntnis, die auch die Witwe von Eitel Glatzer einen große Erleichterung verschafft. "Mein Mann hat die Forschungen um den Schädel bis zu seinem Lebensende verfolgt", berichtet sie. "Dass sein Fund nun den herausragenden Exponaten im neuen Landesmuseum gehören wird", da ist sie sicher, "hätte ihn bestimmt sehr gefreut".

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