Tränen statt Erholung: Einstiges Verschickungskind erzählt von Kuraufenthalt

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Die Vorderseite einer Postkarte erinnert Helga K. noch an ihren sechswöchigen Aufenthalt im Kurheim in der Ortsgemeinde Steimel, bei dem sie Gewicht zulegen sollte.

Im Schwarzwald oder im Allgäu wurde zahlreichen Kur-Kindern bis in die 1980er Jahre hinein nicht die versprochene Erholung geboten – Sie wurden misshandelt. Bedenkliches hat auch Helga K. aus der Region im Kurheim erlebt.

Region. Auf den Nordsee-Inseln, im Schwarzwald oder im Allgäu sollten sie sich erholen: Unzählige Kinder sind nach dem Zweiten Weltkrieg bis weit in die 1980er Jahre hinein ‚verschickt‘ worden, um in Kinderkurheimen ihre Gesundheit zu stärken. Dass viele der Kinder während ihrer Aufenthalte allerdings misshandelt worden sind, zeigt insbesondere die Aufklärungsarbeit der bundesweiten „Initiative Verschickungskinder“.

Seit der Gründung Ende letzten Jahres durch Autorin Anja Röhl und weitere Betroffene, berichten immer mehr der einstigen „Verschickungskinder“ von ihren Erlebnissen. So auch Helga K. aus der Region, der die Erinnerungen an ihren sechswöchigen Kuraufenthalt im Westerwald zu persönlich sind und sie deswegen anonym bleiben möchte. „Mit sechs war ich sehr quirlig, sehr lebendig und ziemlich dünn“, sagt die heute 57-Jährige.

Aufgewachsen sei sie in einem behüteten, herzlichen Elternhaus. Bei einer Voruntersuchung zur Einschulung hat ein Arzt dann Helgas geringes Gewicht und ihre zierliche Erscheinung festgestellt und den Eltern empfohlen, ihre Tochter 1969 zur Gewichtszunahme in das knapp drei Stunden entfernte Steimel zu schicken. „Da wurde ja nicht mit uns geredet. Früher wurden Sachen gesagt und die mussten getan werden.“ Wie lange sie weg sein würde, habe Helga niemand gesagt, als sie gemeinsam mit weiteren Kindern aus der Region am Kasseler Hauptbahnhof in die Obhut einer fremden Frau gegeben wurde.

„Aus dem Zug sollten wir nicht Winken, wir hatten uns vorher von unseren Eltern zu verabschieden“, erinnert sich Helga K., der ebenfalls das Essen des Kurheims im Gedächtnis geblieben ist. Demnach habe es im großen Saal vornehmlich süße Speisen wie Milchreis, Grießbrei oder Pfannkuchen sowie auf Nachfrage unbegrenzten Nachschlag gegeben. „Wir hatten feste Sitzplätze und mussten immer aufessen. Dazu wurde man gezwungen“, schildert die 57-Jährige.

EXTRA INFO Erniedrigung statt Erholung

Seit Jahrzehnten deckt das SWR-Magazin „Report Mainz“ bundesweit Missstände in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft auf. So auch im vergangenen Jahr, als das Politmagazin über Verschickungskinder berichtet. Demnach lagen der Redaktion 250 Erlebnisberichte ehemaliger Kurkinder vor, die anstelle von Erholung von Drohungen, Schlägen und Erniedrigungen zeugen. Gequält wurden viele Kurkinder beispielsweise durch den Zwang, das eigene Erbrochene immer wieder essen zu müssen. Laut Report Mainz soll es von der Nordsee bis nach Bayern bundesweit zu derartigen Misshandlungen in den Kindererholungsheimen gekommen sein.

Nach eigener Auffassung sei Helga K. selbst „ganz gut durch den Alltag im Kurheim gekommen“. Doch auch, wenn sie einige schöne Erinnerungen mit ihrem Aufenthalt verbindet, hat Helga K. Bedenkliches beobachtet. Etwa ein Mädchen, das Mahlzeiten verweigert und sich aufgrund des Esszwangs in die Speisen übergeben habe und schließlich weiter habe essen müssen. „Manche saßen bis abends im Speisesaal und durften nicht raus“, erzählt Helga K. weiter.

Die Rückseite der Postkarte: Was die Kinder unter Aufsicht selbst schreiben sollten, war schriftlich vorgegeben und musste genau abgeschrieben werden.

Wer sich übergeben hatte, habe es grundsätzlich essen oder selbst wegwischen müssen. Ab und an seien der damals Sechsjährigen leere Sitzplätze beim Essen aufgefallen. „Dann sagten andere Kinder flapsig ‚Guck mal, die ist gerade eingesperrt‘.“ Unabhängig vom Bedürfnis habe jedes Kind vor dem obligatorischen Mittagsschlaf außerdem auf Toilette gehen müssen. Weinende Kinder habe man stundenlang mit dem Gesicht zur Wand in eine Ecke des Schlafraumes gestellt. Und abends sei den Kindern stets ein bitterer Trank verabreicht worden, von dem Helga K. schwindlig wurde und sie direkt einschlief.

Noch gut erinnert sich das einstige Verschickungskind an eine Situation, als sie sich zu unerlaubter Zeit erleichtert hat. „Dann musste ich barfuß, nur mit einem Höschen bekleidet, in der Ecke stehen und durfte mich erst anziehen, als alle anderen nach der Mittagsruhe aufgestanden waren.“ Das blieb nicht ohne gesundheitliche Folgen. Helga K. habe sich aufgrund des langen Stehens in der Kälte eine Mandelentzündung und Fieber zugezogen.

In einer Postkarte an Helgas Eltern schrieb das Personal zwar, dass die Sechsjährige krank sei, es ihr aber gut ginge. „Da habe ich rebelliert und gesagt ‚aber ihr lügt doch‘!“, meint Helga K. Nicht nur das Kontaktverbot zu den Eltern stimmt die 57-Jährige heute nachdenklich. Denn die wenigen Karten, die die Kinder schreiben durften, seien unter strenger Aufsicht durch das Abschreiben vorgegebener Inhalte angefertigt worden.

Im Juli dieses Jahres ist Helga K. noch einmal nach Steimel gefahren und hat das Gebäude und den Geruch der damals so lieb gewonnenen Waldbäume sofort wieder erkannt. Mit der Veröffentlichung ihrer Schilderungen, möchte die Frau aus der Region gleichzeitig einen Aufruf starten: „Ich würde gern wissen, wer in den Jahren 1969/70 auch von Kassel aus in dieses Heim geschickt wurde und erfahren, wie diejenigen ihren Aufenthalt empfunden haben“, erklärt Helga K., die zur Kontaktaufnahme die Mail-Adresse Kinderverschickung@gmx.de eingerichtet hat.

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