Mit vier Pfoten gegen die Demenz

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Margarete S. freut sich, wenn die kleine Alma auf ihrem Schoss Platz nimmt.

Die Mischlingshunde Alma und Virgil zaubern ein Lächeln auf die Gesichter der Senioren

Hofgeismar. Mit ernster, fast strenger Miene sitzt Margarete S. zurück gelehnt auf einem bequemen Sessel, auf ihrem Schoss liegt eine braune Fleecedecke. Die dient eigentlich zum Wärmen, bietet aber auch eine prima Unterlage für einen kuschelbedürftigen Hund. Das weiß natürlich die knapp zweijährige Mischlingshündin Alma, springt umgehend hoch. Und noch während es sich das Tier auf der Decke bequem macht, tasten die Hände der 81-Jährigen nach dem Hund, ihre Gesichtszüge ent- spannen sich merklich und dann huscht ein Lächeln über ihr Gesicht, während sie Alma sanft über das Fell streichelt. „Es war Zufall, dass wir bemerkt haben, wie gut Hunde bei den Patienten in der Tagespflege ankommen“, erzählt Tamara Ochs, Chefin des in Hofgeismar ansässigen Pflegedienstes AHDO und der angeschlossenen Tagespflege sowie Besitzerin der beiden vierbeinigen „Mitarbeiterinnen“. Denn neben Alma ge-

hört auch die mittlerweile neunjährige Virgil mit zum Team. „Ja, trotz des Namens eine Hündin“, schmunzelt Tamara Ochs. „Als wir sie damals gekauft haben, wurde sie so genannt und wir haben es beibehalten.“ Beide Mischlinge lebten ursprünglich als Straßenhunde in Ungarn bzw. Rumänien, gelangten von hier in die Wau Mau Insel in Kassel, und kamen von dort - „zufälligerweise beide im Alter von rund eineinhalb Jahren“ - zu ihrer neuen Besitzerin.

Zufall war es auch, dass man in der Tagespflege bemerkte, wie gut Vierbeiner den überwiegend demenzkranken Besuchern tun können. „Irgendwann ist Virgil mal aus dem Büro ausgebüxt und mit in den Aufenthaltsraum gekommen“, erzählen die Mitarbeiterinnen. „Sofort gingen viele Hände nach unten, um die Hündin zu streicheln“. Verständigung auf tiefer emotionaler Ebene Kein Wunder: Auf viele Demenzkranke wirkt ein Hund wie ein Eisbrecher. Ziehen sich Menschen mit Demenz in ihre eigene Welt zurück und Pflegekräfte oder Angehörige finden kaum noch Zugang zu ihnen, können Tiere Vermittler sein, heißt es in der Fachliteratur. Hunde äußern ihre Zuneigung ganz direkt durch Schwanzwedeln, Anstupsen oder Anschmiegen. Sie reagieren auf Berührungen, Gesten, Augenkontakt und andere nonverbale Signale und erfassen Stimmungen und Gefühle intuitiv. Mensch und Tier verständigen sich auf einer tiefen emotionalen Ebene, die von der Krankheit nicht betroffen ist. Der Einsatz eines Tieres kann im Bereich der verschiedenen Leistungseinschränkungen von Demenzkranken sogar förderlich sein, sich positiv auf die motorischen Fähigkeiten des Patienten auswirken, sowie tröstend und entspannend wirken.

Erfahrungen, die man mit Virgil in den letzten Jahren auch beim Pflegedienst AHDO gemacht hat. Alma gehört seit 2019 zum Team. Sie hat sich sehr schnell eingelebt, ihre Scheu - vor allem vor Männern - abgelegt, und sich viel von der älteren Virgil abgeguckt. Beide Tiere besitzen ein ausgesprochen ruhiges Gemüt. „Sonst könnte man so etwas auch gar nicht machen“, betont Tamara Ochs und unterstreicht, dass es sich bei ihren Tieren nicht um ausgebildete Therapie- bzw. Demenz-Assistenzhunde handelt. Im Gegensatz zu ihren menschlichen Kolleginnen und Kollegen haben die Hunde keinen festgelegten Dienstplan. Im Büro sind sie zwar täglich, nicht aber in der Tagespflege. Hier kommen sie mit, wie es gerade passt, - natürlich nicht zu den Essenszeiten und meistens nachmittags.

Alma und Virgil „arbeiten“ nicht nur in der Tagespflege, sie sind auch bei Hausbesuchen dabei. „Natürlich nicht bei jedem unserer Patienten“, versichert AHDO-Mitarbeiterin Elke Bieschke, die - wie andere Kolleginnen auch - die Tiere des öfteren zu den Touren im Mittagsdienst mitnimmt. Sobald sie mit dem Autoschlüssel Richtung Tür geht, weichen ihr die Hunde nicht mehr von der Seite, bis sie hinten im Auto auf einer Decke ihre Plätze eingenommen haben. Die tierischen Mitarbeiterinnen genießen den Ausflug und die Streicheleinheiten bei den jeweiligen Stopps. Doch sie können auch wählerisch sein: „Virgil streikt bei einem bestimmten Kunden“, schmunzelt Elke Bieschke. „Die hundert Stufen hoch bis in seine Wohnung sind ihr doch zu viel, bei diesem Stopp bleibt sie lieber im Auto liegen.“

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