„Es wird getrickst!“

Doktorarbeit stellt Flughafenprojekt in FrageVon JAN H. NEUMANNLandkreis. Die Bruchlandung fr den geplanten Ausbau des Regionalflu

Doktorarbeit stellt Flughafenprojekt in Frage

Von JAN H. NEUMANN

Landkreis. Die Bruchlandung fr den geplanten Ausbau des Regionalflughafens Kassel-Calden scheint vorprogrammiert. Denn bislang rumt keiner der bundesweit zahlreichen Experten dem Projekt echte Chancen ein. Neuestes Beispiel: eine an der Universitt der Bundeswehr Mnchen entstandene Doktorarbeit. Ihr Verfasser, Hauptmann und Dr.-Ing. Ulrich Hp, hat sich darin dem Thema Flughafenausbau gewidmet, anhand der Flughfen Frankfurt-Hahn, Kassel-Calden, Leipzig/Halle, Frankfurt Rhein Main, Wien-Schwechat, Zrich-Kloten, Madrid-Barajas und London Heathrow. Sein Resme: Calden ist als Negativ-Beispiel brig geblieben. Im Gesprch mit LAND & LEUTE erluterte der Wissenschaftler seine Kritik.

Im Speziellen hat Hp, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut fr Verkehrswesen und Raumplanung der BW-Uni, in seiner Arbeit die bei den Ausbauvorhaben zum Zuge gekommenen Bewertungsverfahren fr Planungsvarianten von Start- und Landebahnen untersucht. Sprich: Inwieweit die Begrndung fr die jeweiligen Projekte einer wissenschaftlichen berprfung standhlt mithin schlssig und tragfhig ist. Bei den meisten Kandidaten, so Hp, stimmen die Zahlen, etwa fr den Ausbau des Flughafens Frankfurt-Hahn: Die knnen das selbst bezahlen. Denn sie haben bereits definitive Angebote von Fluggesellschaften vorliegen, die ihre Flugzeuge auch vor Ort stationieren wollen.

Im Gegensatz zu Calden. Dort knne man bisher lediglich auf lngst vergangene Zeiten verweisen (1970-75 sowie 1988-92), als der Flugplatz kurzfristig fr Linien- und Charterflge genutzt wurde. Aktuelle Nutzungsinteressenten gibt es nicht. Hp: Und wenn man kein kalkulierbares Budget nennen kann, das man zur Verfgung hat, ist das immer schlecht.

Das Projekt Calden legt damit den Vergleich mit dem Ausbau des Flughafens Schwerin nahe, so der ausgebildete Luftlandepionier, der gerade seinen Pilotenschein plant. In Schwerin sei die Landebahn mit 3.000 Metern sogar wesentlich lnger, dennoch habe kaum jemand Interesse daran, von hier aus zu fliegen. Trotz massiver Frdermanahmen. Seit 1994 flossen bereits mehr als 36 Millionen Euro an Landesfrdermitteln, heit es dazu im Internet-Lexikon Wikipedia. Wirkungslos, mit vernichtenden Bilanzen. Etwa in der Saison 2005: Ganze 4.600 Passagiere nutzten den als ,Baltic Airport Mecklenburg firmierenden Flughafen.

Was ihn jedoch insbesondere am Projekt Calden stre, so Ulrich Hp, sei dessen zielgerichtete Bewertung: Da wird von Ausbau gesprochen, doch der Bestand soll in Wirklichkeit kaum genutzt werden. Nach den mir vorliegenden Plnen wird das definitiv ein vllig neuer Flugplatz. Hp weiter: Wenn ich mich jedoch vorher gerade aufgrund der baulichen Substanz fr den Ausbau dieses Flughafens entschieden habe, hat das mit logischer Begrndung nicht mehr viel zu tun.

Eine logische Begrndung vermisst der Verkehrswesen-Experte u.a. auch fr die anvisierten Startbahnlnge von 2.500 Meter: Da wird nirgends ein Bedarfsnachweis gefhrt. Wie bei anderen kritischen Punkten: Wo Schwachstellen in der Bewertung sind, wird getrickst. So hlt es Hp auch fr absolut unverantwortlich, den nahe gelegenen Regionalflughafen Paderborn bei allen Betrachtungen auen vor zu lassen. Vllig unter den Tisch falle ebenso das Problem der in der geplanten Flugschneise bereits bestehenden Windkraftanlagen. Ulrich Hp: Die ragen in die erforderliche Hindernisfreiflche hinein. Wenn sie zurckgebaut werden mssen, rechnen Fachleute mit zustzlichen Kosten in Hhe von etwa 16 Millionen Euro.

Ebenfalls nicht beachtet werde auch eine aus seiner Sicht durchaus realistische Ausbaumglichkeit: Wenn die bestehende Bahn auf 2.200 Meter verlngert wird, wre das zumindest fr den Lufttaxi-Verkehr von Geschftsleuten interessant, etwa mit der ,General Aviation. Mit modernen Boing 737-Maschinen sei sogar Mallorca erreichbar, sollte sich dafr eines Tages doch noch eine interessierte Fluglinie finden. Und die Gesamtkosten fr einen solchen abgespeckten Ausbau wrden nur bei grob einem Drittel der jetzt veranschlagten Kosten liegen.

Seine Prognose: Bleibt es bei der gegenwrtigen Planung, glaube ich nicht, dass die Investitionssumme je zurckfliet von Gewinnen ganz zu schweigen. Die absehbaren Betriebsverluste vom ,Bund der Steuerzahler 2005 auf jhrlich 4 Millionen Euro veranschlagt bleiben beim Steuerzahler hngen. Eines habe er indes bei seinen Untersuchungen auch gelernt: Wenn der politische Wille da ist, sind alle Planungen realisierbar....

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