Rätselhafte Leda aus der Kasseler Gemäldegalerie verzauberte Goethe und Göring

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Giovanni Pietro Rizzoli, genannt Giampietrino, schuf das Werk der „Knienden Leda mit ihren Kindern“ zwischen 1520 und 1540.

Sie wurde einst eingemauert und übermalt, begeisterte Goethe genauso wie Göring: Das Gemälde der Leda mit ihren Kindern, von Leonardo da Vinci entworfen und von seinem Schüler Giampietrino vollendet, ist ein Meisterwerk voller Rätsel. Sogar mit Infrarot- und Röntgenstrahlen wurde das Bild untersucht (Foto). Die Gemäldegalerie Alte Meister in Schloss Wilhelmshöhe präsentiert unter der Überschrift „Der Leda Code” eine Sonderausstellung.

Kassel.  Leonardo da Vinci, dessen 500. Todestag sich 2019 jährt, ist neben Michelangelo der Inbegriff eines Universalgenies – Maler, Bildhauer, Architekt und Erfinder, ein ruheloser Geist voll ungebändigter Kreativität, den es selten nur an einem Ort hielt. Häufig brachten erst seine Schüler das zu Ende, was er erdacht hatte. Die Gemäldegalerie Alte Meister verdankt ihm eines ihrer wichtigsten Gemälde: Leda mit ihren Kindern, von Leonardo entworfen und von seinem Schüler Giampietrino vollendet.

Als das Bild nach Kassel kam, löste es eine regelrechte Leonardo-Euphorie aus. Johann Wolfgang von Goethe brach vor diesem Gemälde in Jubel aus, die Kurfürstin von Hessen-Kassel kopierte es begeistert und die Brüder Riepenhausen inspirierte es zu neuen Werken. Bis in die Romane Thomas Manns hinterließ dieses Meisterwerk seine Spuren, und wurde zugleich Zankapfel der Mächtigen, von Napoleon bis Hermann Göring. Die Ausstellung (bis 2. Februar 2020) spürt diesem Werk nach, seinem Entstehen aus dem Geist Leonardos und der Geschichte seiner zahlreichen Besitzer ebenso wie seinen prominenten Betrachtern.

Besitzer und Bewunderer

Die hohe künstlerische Bedeutung der Kasseler Leda lässt sich an ihren illustren Besitzern und Bewunderern nachvollziehen, wie dies erstmals in dieser Sonderschau geschehen soll. Nachdem das um 1510 bis 1520 für einen unbekannten Auftraggeber entstandene Gemälde zwei Jahrhunderte im Dunkeln verschwunden war, wurde es von den Agenten Landgraf Wilhelms VIII. 1750 in einer Pariser Privatsammlung entdeckt und sechs Jahre später für die Kasseler Sammlungen angekauft.

Zum damaligen Zeitpunkt war die sinnliche Leda bereits von einem unbekannten Maler als Caritas züchtig angekleidet und ein Kind und die Eierschalen übermalt worden. Als eigenhändiges Werk Leonardo da Vincis wurde es als Herzstück der Sammlung gemeinsam mit einer damals ebenfalls Leonardo zugeschriebenen Heiligen Familie und einer Raphael zugeschriebenen Madonna mit Kind im sogenannten Grünen Kabinett des Kasseler Bellevueschlosses präsentiert.

Bewundert und zum „Diamanten der Kasseler Sammlung“ gekürt, verbrachte Goethe Stunden in ihrer Gegenwart und Maler wie die Brüder Riepenhausen verbreiteten ihr Antlitz in eigenen Kompositionen, insbesondere dem Gemälde Wer kauft Liebesgötter?, dessen Bilderfindung auf pompejanische Fresken zurückgeht. 

 Leda sollte nach nur 50 Jahren nach Frankreich zurückkehren – in einer Kiste, die vor der anrückenden napoleonischen Armee mit 47 weiteren Topstücken der Kasseler Gemäldesammlung in der Sababurg eingemauert, jedoch verraten wurde und von Napoleon für die Kaiserin in Malmaison vorgesehen war. Doch das geheimnisvolle Lächeln der Leda/Caritas fand in die Hände eines anderen Befehlshabers, des Generals Joseph Lagrange, Gouverneur von Hessen, der das Bild bald weiterverkaufte.

Über den belgischen Maler und Kunsthändler Pierre Joseph Lafontaine gelangte es in den Besitz des niederländischen Königs Wilhelm II. Verkaufsargument war neben der angeblichen Autorschaft Leonardos der Verweis auf eine royale Provenienz des Gemäldes, die mit den recht dilettantisch auf der Rückseite des Gemäldes eingeritzten Initialen „FR“ samt Königskrone, Hinweis auf den kunstsinnigen französischen König Franz I., suggeriert werden sollte. Die im Zuge der Ausstellung durchgeführten Forschungen enttarnen diesen Schachzug als billigen, aber effektiven Verkaufstrick.

Die intensiven Analysen der Kasseler Wissenschaftler, das Geheimnis hinter dem zarten Lächeln zu lüften, warfen nur neue Rätsel auf. So auch eine  Infrarotaufnahme der 1980er Jahre, die neben einer exakt mit der Leda übereinstimmenden Vorzeichnung eine zweite,  später verworfene Unterzeichnung der Anna Selbdritt ans Licht brachte, jenem berühmten Gemälde Leonardos, das sich heute im Louvre befindet.

Infolge fand sich die inzwischen wieder von ihrer Übermalung befreite Leda in der Den Haager Kunstsammlung des Königs und nach dessen Tod in Gesellschaft von Leonardos Chatsworth Studie in der Sammlung des Prinzen Frederik von Oranien-Nassau wieder, von wo sie durch Erbschaft nach Deutschland in den Besitz der Fürsten zu Wied wanderte. Forschungen zur Provenienz der Leda im 20. Jahrundert haben nun gezeigt, dass Hermann Göring durch Rückerwerbungsversuche der Kasseler Sammlungen auf das Gemälde aufmerksam wurde. Er ließ es sich von Gauleiter Erich Koch zum Geburtstag schenken und hängte es zu einem Führerporträt in sein großes Arbeitszimmer in Carinhall. Nach Veldenstein ausgelagert, konfiszierten es die Amerikaner und brachten es zum Central Collecting Point nach München.

Dank der unermüdlichen Schreiben des damaligen Kasseler Direktors Hans Vogel konnte die Leda 1962 schließlich für die Kasseler Sammlungen zurückerworben werden, dann bereits unter der Leitung von Georg Gronau.

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