Betriebsübergabecoach Viola Müller-Hanke im Gespräch: „Nachfolgersuche ist eine Herausforderung“

Schlüsselübergabe Unternehmensnachfolge neuer Chef Schüssel
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Schlüsselübergabe an den neuen Chef: Rund 1200 Unternehmen werden nach Schätzungen des Schwalm-Eder-Kreises in den kommenden drei Jahren in die Hände eines Nachfolgers gelegt.

Viele Unternehmer machen sich über die Nachfolgeregelung keine Gedanken, so die Erfahrung von Wirtschaftsförderin Tatjana Grau-Becker. Mit dem Aktionstag am 21. Juni will der Kreis jetzt für das Thema „Unternehmensnachfolge“ sensibilisieren und die Unterstützungsprogramme, die der Kreis hierzu für Unternehmer und potenzielle Nachfolger bietet, vorstellen.

Schwalm-Eder. „Für den Schwalm-Eder-Kreis rechnen wir in den nächsten drei Jahren mit rund 1.200 Unternehmen, die in die Hände eines Nachfolgers gelegt werden“, sagt Tatjana Grau-Becker (Fachbereichsleiterin Wirtschaftsförderung Schwalm-Eder-Kreis). Das Thema „Unternehmensnachfolge“ habe im Schwalm-Eder-Kreis eine hohe Priorität, ergänzt Landrat Winfried Becker. Deshalb nimmt der Kreis in diesem Jahr erstmals am Aktionstag zur Unternehmensnachfolge am 21. Juni teil.

Viele Unternehmer machen sich über die Nachfolgeregelung keine Gedanken, so die Erfahrung von Wirtschaftsförderin Tatjana Grau-Becker. „Mit dem Aktionstag am 21. Juni wollen wir für das Thema sensibilisieren und die Unterstützungsprogramme, die der Kreis hierzu für Unternehmer und potenzielle Nachfolger bietet, vorstellen.“

Der Aktionstag soll Interesse für das Thema „Unternehmensnachfolge“ erzeugen. Unterschiedliche Akteure, darunter Unternehmenscoach Viola Müller-Hanke und Nachfolgecoach Simone Gerbig, werden Angebote rund um das Thema „Unternehmensnachfolge“ in der Region präsentieren, um auf das Thema aufmerksam zu machen und es voranzutreiben. „Mit unserer digitalen Veranstaltung wollen wir gemeinsam mit erfolgreichen Unternehmerinnen und Unternehmern sowie Expertinnen und Experten aufzeigen, wie eine Unternehmensnachfolge gelingen kann, wie sich Hürden überwinden lassen, wann der richtige Zeitpunkt ist, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen und wann es sich lohnt, die Übernahme eines etablierten Betriebs zu wagen,“ erklärt Viola Müller-Hanke.

In den vergangenen zweieinhalb Jahren hat sie als Betriebsübergabecoach des Schwalm-Eder-Kreises knapp 150 Unternehmen und Übernehmer im Übergabeprozess unterstützt. Im Interview mit uns spricht sie über die Herausforderungen und Unterstützungsmöglichkeiten bei der Unternehmensübergabe.

Frau Müller-Hanke, viele Familienunternehmen leiden unter einer unzureichend geplanten Nachfolge. Welche Herausforderungen sehen Sie dabei allgemein?

Bei der Übergabe eines Familienunternehmens gibt es unterschiedliche Herausforderungen: Offene Kommunikation, gegenseitige Wertschätzung und Vertrauen.

Eine offene Kommunikation ist wichtig, um frühzeitig die Unternehmensnachfolge innerhalb der Familie zu thematisieren und wenn ggf. kein Familienmitglied bereit ist die Nachfolge zu übernehmen, innerhalb der Mitarbeiterschaft oder außerhalb des Unternehmens einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin zu suchen.

Gegenseitige Wertschätzung für das Lebenswerk des Übergebers und Vertrauen in die Fähigkeiten des Nachfolgers oder der Nachfolgerin, erleichtern das „Loslassen“ im Übergabeprozess.

Betriebsübergabecoach Viola Müller-Hanke

Welche Fähigkeiten zeichnen einen idealen Nachfolger aus?

Eine Nachfolgerin oder ein Nachfolger sollte fachlich, betriebswirtschaftlich und persönlich geeignet sein, ein Unternehmen zu übernehmen. Die Schwerpunkte und Gewichtungen dieser Fähigkeiten ergeben sich aus dem Unternehmen, das sie oder er übernehmen möchte. Wer nicht kommunikativ ist, sollte sich überlegen, ob der Einzelhandel das Richtige ist?! Ein handwerklich begabter Schreiner sollte Kenntnisse über seine betriebswirtschaftlichen Zahlen haben, muss aber nicht die Buchführung selbst machen.

Neben den fachlichen und betriebswirtschaftlichen Kenntnissen sollte eine potentielle Nachfolgerin oder ein potentieller Nachfolger persönliche Fähigkeiten, wie z.B. Entscheidungsfreudigkeit und Widerstandsfähigkeit (Resilienz) haben.

Gibt es den idealen Zeitplan für eine erfolgreiche Unternehmensnachfolge?

Eine pauschale Aussage gibt es nicht, weil unterschiedliche Faktoren eine Rolle spielen. Gibt es bereits eine potentielle Nachfolgerin oder einen potentiellen Nachfolger? Muss sie oder er erst noch gesucht werden? Wie lange muss ich noch arbeiten, damit ich meine Altersbezüge bekomme? Das ist ein Auszug von einigen wichtigen Fragen.

Wir empfehlen, dass jede Unternehmerin bzw. jeder Unternehmer sich spätestens mit Mitte/Ende 50 die Frage stellen sollte, wie lange sie bzw. er noch arbeiten möchte. Wurde die Entscheidung getroffen, mit 65 Jahren aus dem Unternehmen auszusteigen, können/sollten die ersten vorbereitenden Schritte unternommen werden. Der aktive Übergabeprozess sollte drei bis fünf Jahre vor dem Ausscheiden erfolgen.

Wie herausfordernd ist eine Unternehmensübergabe in Corona-Zeiten?

Corona hinterlässt auch bei der Unternehmensübergabe seine Spuren. Zum einen bei den so wichtigen Beratungsgesprächen, die nicht in Präsenz stattfinden konnten und zum anderen bei der Bewertung eines Unternehmens und der Fremdfinanzierung einer Übernahme.

Einige Branchen verzeichnen durch die Coronakrise einen Umsatzzuwachs bzw. -verlust, der sich auf den Kaufpreis niederschlägt. Ob das nur eine kurzfristige Auswirkung ist, ist schwer abzuschätzen. Diese Marktverschiebungen können wiederum Auswirkungen auf einen Kredit haben, den eine potentielle Übernehmerin bzw. ein potentieller Übernehmer benötigt. Wir erleben es vermehrt, dass sich Übernahmefinanzierungen schwieriger gestalten.

Sollte man mit der Unternehmensübergabe ggf. abwarten bis die mittelfristigen Auswirkungen der Corona-Krise besser abzuschätzen sind?

Das würden wir nicht empfehlen, weil der Übergabeprozess sowieso einen längeren Zeitraum in Anspruch nimmt. Wir finden es wichtig den Fokus darauf zu legen, wie das Unternehmen auf die Corona-Krise reagiert hat und ob es Möglichkeiten gibt, sich für die Zukunft „krisensicherer“ aufzustellen, um es für eine Übernehmerin bzw. einen Übernehmer attraktiver zu gestalten.

Welchen Mehrwert bietet die Wirtschaftsförderung in Form der Begleitung durch den Betriebsübergabe- und Nachfolgecoach rund um die Unternehmensnachfolge?

Der thematische Schwerpunkt „Förderung von Unternehmensnachfolgen“ ist für unsere Region von besonders hoher Bedeutung. Deshalb haben wir ein tragfähiges und nachhaltiges Projekt konzipiert, welches das Ziel verfolgt, überdurchschnittlich viele Nachfolger: innen für übergabefähige nordhessische Unternehmen zu finden.

Getreu unserem Motto: „anschieben, bündeln, vereinfachen - ein wichtiger Schritt in Richtung Verbesserung der wirtschaftlichen Situation der Region“ wollen wir gemeinsam die weitreichenden Verflechtungen effizienter und effektiver für die Unternehmen und potentiellen Übernehmer: innen zusammenführen.

Das Angebot der serviceorientierten Dienstleistung in nächster Nähe zu den regional ansässigen Unternehmen ist eine wichtige Säule unserer Wirtschaftsförderung.

Wer Unterstützung braucht, soll nicht mehr lange Wege gehen müssen, sondern aus einer Hand alle Informationen und Hilfestellungen bekommen. Die Übergeber: innen und potentiellen Übernehmer: innen sollen so leicht, so rasch und so ortsnah wie möglich unmittelbaren Zugang zu allen Dienstleistungen erhalten, die für sie ein Gewicht haben. Darüber hinaus wird Unternehmensservice rationell angeboten und über Arbeitsteilung und Zusammenarbeit zwischen den Netzwerkpartnern eine praktische Bündelung der gemeinsamen Aufgaben im Interesse der Wirtschaft umgesetzt.

EXTRA-INFO

„Unternehmer:in werden - Unternehmer:in sein“ Unter diesem Motto steht die Online-Veranstaltung der Wirtschaftsförderung des Schwalm-Eder-Kreises zum Aktionstag Unternehmensnachfolge. Die rund 1 1/2 stündige Veranstaltung am Montag, 21. Juni, beginnt um 17.45 Uhr. Neben Kurzvorträgen von Viola Müller-Hanke, Betriebsübergabecoach Schwalm-Eder-Kreis und Simone Gerbig, Nachfolgecoach Schwalm-Eder-Kreis gibt die Veranstaltung anhand eines Praxisbeispiels einen Einblick, wie eine Betriebsübergabe erfolgreich ablaufen kann.

Im Anschluss können sich die Teilnehmer in virtuelle Gruppenräume über die Themenbereiche Finanzierung/Förderprogramme, Existenzgründung und Betriebsnachfolge informieren und austauschen.

Anmeldung per E-Mail unter info@betriebsuebergabecoach.de.

Weitere Einblicke in das Thema „Unternehmensnachfolge“ gewährt der Landkreis bereits in dieser Woche über seine Social-Media-Accounts bei Facebook und Instagram.

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