Bizarrer Fall erschütterte 2006 Region: Landwirt verfütterte Knecht an seine Schweine

Ans Licht kamen die Morde der Eltern nur, weil der Landwirt eine Beisetzung für seinen früheren Knecht vortäuschte.
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Ans Licht kamen die Morde der Eltern nur, weil der Landwirt eine Beisetzung für seinen früheren Knecht vortäuschte.

True Crime, also wahre Verbrechen, sind momentan in aller Munde. Doch der Tod als Trend? Da muss man mit Fingerspitzengefühl agieren, wenn man alte Verbrechen aus der Region aufrollen und in Erinnerung rufen möchte. Immer mit Blick auf die Opfer, die zu Schaden kamen, aber auch mit dem auf die Täter, die das Recht haben, nach abgegoltener Strafe ein neues Leben anzufangen. So haben wir bei den meisten Artikeln dieser Serie die Namen aller Beteiligten geändert.
Wir möchten an die spektakulärsten Straftaten in der Region erinnern – und dabei Wissenswertes rund um das Thema Strafverfolgung und die Fälle mitgeben. Denn die menschlichen Abgründe gibt es auch bei uns in Nordhessen. Manche Fälle sind gelöst, einige wenige sind nach wie vor offen. Doch wir alle wissen: Mord verjährt nicht und vielleicht ergibt sich ja noch eine heiße Spur.

Fritzlar. Man war verwundert über das Verschwinden des 73-jährigen Rentners Fritz B.* im Fritzlarer Ortsteil Haddamar Anfang 2005.
Schon einige Zeit hatte man ihn nicht mehr gesehen. Erst hieß es, er sei im Krankenhaus, später im Pflegeheim. Die Erklärungen lieferte der junge Landwirt Martin C.*, auf dessen Hof B. regelmäßig ein- und ausgegangen war. Erst als im Februar 2006 eine Beerdigung ohne Sterbedokumente stattfand, kam die Polizei dem damals 29-Jährigen auf die Spur.

Schweine fressen alles

Denn Martin C. führte die Beerdigung schließlich selbst durch – der Pfarrer war zum Zeitpunkt der Urnenbestattung im Urlaub. Der Vorsitzende des Friedhofausschusses schaltete daraufhin die Polizei ein, die Ermittlungen einleitete. Nachdem man Pflegeheime, Krankenhäuser, Versicherungen, den Hausarzt und die Wohnung des Rentners untersucht hatte, nahm man am 3. März 2006 C. fest. Ohne zu Zögern führte er die Beamten in seiner Scheune zu

zwei Plastiktüten, in denen sich die sterblichen Überreste des Rentners befinden. Laut Martin habe er ‚Ersatzopa‘ Fritz schon im Februar 2005 tot auf seinem Hof gefunden und aus der Geldnot heraus die Leiche des Mannes tiefgefroren, nach einigen Monaten dann zersägt und letzten Endes zu großen Teilen an seine Schweine verfüttert. Dies, so gibt C. in der Vernehmung zu, ‚sei eine Riesendummheit‘ gewesen. 13 Monate kassierte er die Rente des toten Freundes der Familie. Im Zuge der Ermittlungen gegen C. werden auch dessen Eltern exhumiert. Der Vater war 2000 im Stall von einer Kuh getreten und tödlich verletzt worden, die alkoholkranke Mutter 2004 an einer Leberzirrhose – so glaubte es man jedenfalls dank der Schilderungen des jungen Landwirts.

Doch bei der Obduktion der Leichen kommt heraus: der Vater war von hinten mit einem stumpfen Gegenstand erschlagen worden. Die Mutter wurde mit ‚äußerster Kraft‘ erwürgt, da Zungenbein und Kehlkopf gebrochen waren. Nun steht also nicht nur der mysteriöse Tod des Rentners im Raum, sondern auch der Mord an den Eltern.

Im April 2008 kommt es zum Prozess vor dem Kasseler Landgericht. Der Vorwurf lautete zweifacher Mord und Störung der Totenruhe. Ob Fritz B. natürlich verstarb, war nicht mehr festzustellen. Die Schweine hatten zu wenig übrig gelassen.

Auch vor Gericht gab Martin C. zu, dass er den Rentner zerstückelt und verfüttert hatte, er beharrte jedoch darauf, dass dieser einen natürlichen Todes gestorben sei. Der Bauer habe Schulden von rund 300.000 Euro angehäuft und daher dessen Rente weiterhin kassieren wollen. Die Anklage war der Überzeugung, dass die Schulden und die Schieflage des Hofes auch das Motiv für den Mord an der bettlägerigen Mutter war. So habe er ihr nicht gestehen müssen, dass das Lebenswerk des Vaters zerstört sei. Martin C. hatte ihr Milch und Eier aus dem Supermarkt als eigene Produkte verkauft, obwohl er schon lange keine Kühe oder Hühner mehr auf dem Hof hatte.

Der Landwirt bestreitet den Mord und gab an, der Mutter im Streit bloß an den Hals gefasst und sie geschüttelt zu haben. Eine fahrlässige Tötung räumte er somit ein. Auch bei dem Tod des Vaters bleibt er bei der Aussage, eine Kuh haben den Vater getreten. Ein Gutachter konnte die mögliche Version allerdings nicht bestätigen. Die Verteidigung forderte vier Jahre und neun Monate, da der Angeklagte durch das kurze Würgen der Mutter den Tod verursacht habe. Doch man blieb beim Unfalltod des Vaters.
Die Staatsanwaltschaft dagegen ist überzeugt, dass der Vater in den Stall gelockt und heimtückisch erschlagen wurde.

Am 29. April 2008 verurteilt das Gericht Martin C. zu lebenslange Freiheitsstrafe wegen heimtückischen Mordes in zwei Fällen und Störung der Totenruhe. Auch die besondere Schwere der Schuld wird festgestellt. Somit ist eine Entlassung nach 15 Jahren Haft unmöglich, da die Tat besonders verwerflich oder brutal war. Eine Revision gegen das Urteil scheiterte 2010.

*Wir haben die Namen aller Beteiligten und der rechtskräftig verurteilten Täter geändert, um die Resozialisierung nicht zu gefährden und die Persönlichkeitsrechte zu wahren.

EXTRA INFO: Störung der Totenruhe

„Wer unbefugt den Körper oder Teile des Körpers eines verstorbenen Menschen, eine tote Leibesfrucht, Teile einer solchen oder die Asche eines verstorbenen Menschen wegnimmt oder wer daran beschimpfenden Unfug verübt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft“ heißt es in § 168 des Strafgestzbuches (StGB).

Die Strafnorm des § 168 StGB (Störung der Totenruhe) dient zum einem dem Schutz des Pietätsgefühls der Angehörigen sowie dem der Gesellschaft. Zum anderen soll hierdurch das fortwirkende Persönlichkeitsrecht des Verstorbenen über den Tod hinaus (postmortales Persönlichkeitsrecht) geschützt werden.

Die Störung der Totenruhe – hierzu zählt zum Beispiel auch der Diebstahl einer Urne – wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft. Der Versuch ist strafbar. Die Straftat verjährt nach fünf Jahren. (Quelle: Juraforum.de)

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