Boom bietet Chancen für Behinderte

Im Gespräch über neue Perspektiven für Nordhessen (von links): Professor Dr. Georg Ludwig Braun, Aufsichtsratschef B .Braun Melsungen und Ehrenpräsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Michael Conzelmann, Kaufmännischer Vorstand der bdks, Pfarrer Joachim Bertelmann, Vorstandsvorsitzender der bdks und Walther Lohmeier, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Kassel-Marburg
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Im Gespräch über neue Perspektiven für Nordhessen (von links): Professor Dr. Georg Ludwig Braun, Aufsichtsratschef B .Braun Melsungen und Ehrenpräsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Michael Conzelmann, Kaufmännischer Vorstand der bdks, Pfarrer Joachim Bertelmann, Vorstandsvorsitzender der bdks und Walther Lohmeier, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Kassel-Marburg

Baunatal / Melsungen. B.Braun-Boss Ludwig Georg Braun setzt sich für mehr Inklusion in Betrieben ein.

Baunatal. Die boomende Wirtschaftsregion Nordhessen bietet auch neue Chancen für Menschen mit Behinderungen, die bisher vom normalen Arbeitsalltag der Betriebe ausgeschlossen sind. "Wir haben langfristig die Perspektive, dass wir Vorreiter auf dem Gebiet der sozialen Inklusion werden können", sagte Professor Dr. Georg Ludwig Braun, Aufsichtsratschef des weltweit agierenden Medizintechnik-Unternehmens B .Braun Melsungen und Ehrenpräsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, am Wochenende beim dritten Jahresforum der bdks - Baunataler Diakonie Kassel in Baunatal vor rund 120 Gästen aus den Spitzenpositionen von Wirtschaft, Politik, Kirchen und Sozialverbänden der Region. Das Jahresforum bietet wichtigen Akteuren in der Region eine Plattform für Austausch und den Aufbau von Netzwerken. "Wir schaffen Perspektiven", so lautet das Motto der bdks, die in diesem Jahr 50. Geburtstag feiert,

Können Behinderte demnächst in B.Braun Tagungsstätte arbeiten?

Das Unternehmen B. Braun, das Prof. Braun 34 Jahre als Vorstandsvorsitzender geführt hat, ist ein wichtiger Partner und Arbeitgeber für die Werkstätten der bdks. Viele behinderte Menschen montieren für B. Braun Teile für technische Geräte, die überall auf der Welt helfen, Leben zu retten und das Los von Kranken zu erleichtern. Ein weiteres Arbeitsfeld könnte sich demnächst für behinderte Menschen der Werkstätten der bdks im neuen Tagungs- und Seminarzentrum von B. Braun im ehemaligen Kloster Haydau in Morschen eröffnen. Gespräche darüber werden bereits geführt.

Prof. Braun, der der Synode der evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck angehört und eine Vielzahl von Ehrenämtern hat, appellierte während des Jahresforums zugleich an die nordhessischen Unternehmer, mehr Eigeninitiative bei der Beschäftigung behinderter Menschen zu zeigen, gesellschaftliche Konzepte zu entwickeln und noch stärker als bisher soziale Verantwortung für Menschen mit Handicaps zu übernehmen - abseits von kurzfristigem Gewinnstreben und im Geist wirtschaftlicher Nachhaltigkeit. "Wir sollten Unternehmen ermutigen, freiwillig mehr zu tun", sagte er. Das könne für die Region eine Bereicherung sein und sogar einen Standortvorteil bedeuten. Inklusion sei auch eine Voraussetzung dafür, dass die Gesellschaft gesund bleibe.

Ludwig Georg Braun: Gute Erfahrung mit sozialem Engagement

Der mehrfach ausgezeichnete Unternehmer wies auf die sehr guten Erfahrungen hin, die B. Braun seit vielen Jahren mit sozialem Engagement, der Unterstützung benachteiligter Kinder und Jugendlicher sowie der Beschäftigung von behinderten Menschen gemacht habe. Letztere funktioniere gut, wenn behinderte Menschen in Arbeitsgemeinschaften von nichtbehinderten Mitarbeitern unterstützt würden. Diese Art der Zusammenarbeit verstärke zudem das freiwillige soziale Engagement im Betrieb. Auch wenn die behinderten Beschäftigten am Ende eines Tages erschöpft seien, empfänden sie das "als Glück, weil sie mit normalen Menschen zusammen sein können und deren Alltag teilen", sagte Prof. Braun.

Pfarrer Joachim Bertelmann, Vorstandsvorsitzender der bdks, schloss sich dem Appell von Prof. Braun an. Die bdks habe sich das Ziel gesetzt, innerhalb von drei Jahren 100 behinderte Menschen aus den Werkstätten in die freie Wirtschaft zu vermitteln. "Wir wollen ganz normale Arbeitsplätze bei Ihnen schaffen", rief er den anwesenden Unternehmern zu. Das Projekt sei gut angelaufen. Gleichzeitig dürfe die Wirtschaft aber auch nicht diejenigen behinderten Menschen vergessen, die wegen der Schwere ihres Handicaps diesen Sprung nicht schaffen können und weiter auf Aufträge für die Werkstätten der bdks angewiesen seien.

Bleierne Lustlosigkeit

Neben Prof. Braun sagte auch Walther Lohmeier, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Kassel-Marburg der bdks - Baunataler Diakonie Kassel seine volle Unterstützung zu. Er forderte eine Zukunftsperspektive für 2020. Bei dem großen wirtschaftlichen Aufschwung, den die Region infolge der Globalisierung in den vergangenen zehn Jahren genommen habe, dürfe man nicht die Probleme vergessen, die aufgrund der älter werdenden Bevölkerung und einer zunehmenden Zentralisierung auf die großen Städte auf Nordhessen zukommen. "Wenn wir nichts tun, wird sich die Abwanderung vom Land in die Stadt beschleunigen", sagte Lohmeier. Bad Karlshafen sei ein "erschütterndes Beispiel für das Ausbluten des ländlichen Raums. Die Rahmenbedingungen auf dem Land müssten gestärkt, die Mittelzentren aktiviert und Optionen geschaffen werden, junge Menschen an diese Region zu binden. Es sei bedauerlich, dass die Regionalreform im Raum Kassel nicht vorankomme. "Ich spüre da eine bleierne Lustlosigkeit", sagte Lohmeier. Wenn alle Akteure – wie die bdks - eine Perspektive entwickelten, gebe es Riesenchancen für die Region.

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