Desinfektionsmittel selbst herstellen- Sinnvoll oder brandgefährlich?

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Apotheker Jürgen Allmeroth würde gern Desinfektionsmittel herstellen und verkaufen. Doch derzeit scheitert es an Lieferengpässen für Isopropanol und Ethanol. Foto: Privat

Desinfektionsmittel ist mittlerweile Mangelware. Und das wird sich wohl auch nicht so schnell ändern, denn es fehlt der Alkohol, der zur Herstellung benötigt wird. Und selbst, wer noch welchen hat, sollte nicht auf eigene Faust Desinfektionsmittel anmischen, warnt der Kreis.

Schwalm-Eder. Desinfektionsmittel ist seit längerer Zeit Mangelware. Und Nachschub kaum in Sicht. „Wir haben noch knapp einen halben Liter Desinfektionsmittel für den Eigengebrauch“, berichtet Jügen Allmeroth von der Herz-Apotheke in Frielendorf.

Einer der Hauptgründe, warum auch in Apotheken derzeit kein Desinfektionsmittel zu bekommen ist: Alkoholmangel. „Weil derzeit kein Isopropanol lieferbar ist, können wir auch kein Desinfektionsmittel herstellen“, sagt Allmeroth und ergänzt, „selbst wenn wir wollen und inzwischen auch wieder dürfen, können wir nichts tun.“

Seit einigen Jahren hätten Apotheken kein Desinfektionsmittel aus Isopropanol mehr herstellen dürfen, denn die Herstellung unterlag der Biozid-Verordnung und setzte eine entsprechende Zulassung voraus, erläutert der Apotheker. Damit habe die Herstellung von Desinfektionsmitteln allein in Händen großer Firmen gelegen.

„Trotz Präzisionswagen und anderen technisch ausgereiften Prüfgeräten hatte man uns mit der Biozid-Verordnung die Fähigkeit abgesprochen, aus reinem vollprozentigen Alkohol, 70 prozentigen Alkohol herzustellen“, so Allmeroth weiter. Eine Prozedur, die für Apotheker früher völlig selbstverständlich gewesen sei. „Und jetzt, wo Not am Mann ist, sollen wir es richten“, kommentiert der Frielendorfer Apotheker die aktuelle Situation.

Als Reaktion auf die fortschreitende Corona-Krise, hat die Bundesstelle für Chemikalien in Abstimmung mit dem Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit Apotheken die Erlaubnis erteilt – zunächst bis Ende August befristet – auch ohne eine entsprechende Zulassung Desinfektionsmittel herzustellen und zu verkaufen.

Doch mangels Grundstoff Isopropanol können die Apotheken jetzt auch nicht weiterhelfen. Selbst auf Ethanol als alternativen Grundstoff könne man nicht umsteigen, so der Fachmann. Zwar können Apotheken diesen derzeit sogar zollfrei erhalten, doch auch hier sei bei den Lieferanten nichts zu bekommen.

Auf Ethanol als Hauptgrundstoff für Desinfektionsmittel setzt eine seit Tagen im Internet kursierende Anleitung. Angelehnt ist sie an ein von der WHO veröffentlichtes Rezept das zur Herstellung von Desinfektionsmitteln für medizinische Zwecke in entlegenen Gegenden ohne Infrastruktur gedacht ist.

Der Apotheker steht der Anleitung eher skeptisch gegenüber. Um eine Desinfektionswirkung zu erzielen, brauche man 70 prozentigen Alkohol, alles andere sei unerheblich, so der Fachmann. Wer nicht bereits daran scheitert, überhaupt hochprozentigen Ethanol zu bekommen, werde als Laie ohne entsprechende Messbecher Probleme haben, die Mengen korrekt abzumessen. „Wer dennoch nicht auf eine Desinfektion von Oberflächen, wie zum Beispiel Türklinken in der jetzigen Situation verzichten möchte, dem empfehle ich als Alternative mit Wasser verdünnten Brennspiritus zu benutzen“, so Allmeroth. Für die Händedesinfektion sei dieses Mittel aber ungeeignet, warnt der Fachmann.

Deutlich kritischer gegenüber den im Netz kursierenden Anleitungen zur „Selbstversorgung“ äußert sich der Schwalm-Eder-Kreis. Pressesprecher Stephan Bürger teilt auf Nachfrage mit: „Sowohl Kreisbrandinspektorin Tanja Dittmar als auch der Leiter des Gesundheitsamtes, Dr. Uli Klinge, raten dringend davon ab selbst Desinfektionsmittel herzustellen. Wir empfehlen, dringend die Finger davon zu lassen. Es gibt umfangreiche und sehr sinnvolle Arbeitsschutzvorschriften. Diese können im privaten Umfeld sicher nicht umfänglich eingehalten werden. Es besteht vielmehr die Gefahr, dass schädliche Dämpfe oder eine explosionsfähige Atmosphäre entstehen“.

Stattdessen empfiehlt der Kreis richtiges und regelmäßiges Händewaschen und sich möglichst nicht an den Kopf, bzw. in das Gesicht zu fassen.

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