Erstmals zu sehen: Fotoausstellung „Der Stall vor meiner Tür – Nordhessen im Wandel“

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Im Dialog (v.l.): Bürgermeister Ralf Pfeiffer (Bad Emstal), BI-Sprecher Andreas Grede, Bürgermeister Michael Köhler (Bad Zwesten).

Bürgerinitiative Chattengau gegen Massentierhaltung hatte zur Vernissage in Bürgertreff nach Niedenstein eingeladen – Ausstellung zeigt Stallanlagen im Schwalm-Eder-Kreis.

Niedenstein. Engagierte Menschen, Regionalpolitiker, Umweltgruppen, interessierte Bürgerinnen und Bürger waren gekommen. Die Veranstalter waren mit der Resonanz sehr zufrieden. Am Freitagabend hatte die Bürgerinitiative Chattengau gegen Massentierhaltung in den Bürgertreff nach Niedenstein zur Eröffnung ihrer Fotoausstellung geladen – und viele kamen. Es gab einiges zu sehen und Stoff für lebhafte Diskussionen. In mehr als einem Jahr hatte eine Arbeitsgruppe der BI Stallanlagen fotografisch dokumentiert und dabei auch versucht, die Kapazitäten der Großställe zu ermitteln. Es sind ca. 150 Ställe, die in den letzten zehn Jahren im Schwalm-Eder Kreis gebaut wurden.

Es ist eine bedenkliche Zahl, denn die Anlagen bleiben nicht ohne Folgen. Zuallerst möchte die Ausstellung natürlich auf das Leid der Tiere aufmerksam machen. 24 Hähnchen auf einem Quadratmeter Fläche, das kann nicht artgerecht sein, betont die BI. Und auch 16 Hähnchen auf der gleichen Fläche haben noch immer viel zu wenig Platz, auch wenn das von der sogenannten „Tierwohl-Initiative“ als positiv dargestellt wird.

Bilder von der Vernissage zur Ausstellung „Der Stall vor meiner Tür – Nordhessen im Wandel“

Auf den Ausstellungstafeln werden aber auch die schädlichen Auswirkungen der Massentierhaltung für die Menschen ausführlich erläutert. Die Klimabelastung lässt sich heute nicht mehr wegdiskutieren. Die Massen an Gülle wiederum belasten das Grundwasser. Immer mehr Quellen können nicht mehr als Trinkwasser verwendet werden, der Nitratgehalt wird dort deutlich überschritten.

Aber auch das „System Agrarindustrie“ wird illustriert: Futtermittel aus Lateinamerika, Regenwaldrodung für Agrarflächen, Überproduktion von Fleisch in Deutschland, Exporte nach Afrika und Asien. Die Globalisierung lässt grüßen. Und warum das alles?

In seiner Begrüßungsansprache zitierte BI-Sprecher Andreas Grede eine Bundesministerin: „Das Geld wird in unserem jetzigen System an ganz anderen Stellen gemacht auf Kosten vieler kleiner Bauernfamilien, der Nachhaltigkeit und zum Teil auf Kosten des Tierwohls. Es ist die aktuelle Landwirtschaftspolitik, die sich an den Bedürfnissen der Agrarkonzerne und Lebensmittelindustrie orientiert. Es ist das Unvermögen dieser Agrarpolitik, dass sich den Menschen im ländlichen Raum trotz Subventionen immer geringere Perspektiven bieten.“ Diese Worte stammen von Bundesumweltministerin Barbara Hendricks, vorgetragen vor wenigen Wochen vor einem Kreisbauernverband.

BI-Sprecher Grede wollte damit deutlich machen, dass es der Bürgerinitiative nicht darum gehe, einzelne Landwirte in Misskredit zu bringen. Vielmehr müsse der Verbraucher aufgeklärt werden. Die sogenannte „Tierwohl-Initiative“ sei dabei nur Augenwischerei. Tatsächlich wird auf einer Ausstellungstafel eindrucksvoll gezeigt, was alles möglich ist.

Begriffe wie „Premium“, „Top-Qualität“ oder auch „Spitzenklasse“ dürfen völlig frei verwendet werden. Auch sogenannte Qualitätssiegel gibt es über 1.000 verschiedene in Deutschland, sie können quasi frei erfunden werden! Dem Verbraucher werden idyllische Bildchen von Bauernhöfen gezeigt, in Wahrheit kommt das Fleisch aber aus Massentierställen.

Die Bürgerinitiative freute sich besonders über das Interesse bei Politik und Umweltschützern. Bürgermeister Michael Köhler aus Bad Zwesten und Bürgermeister Ralf Pfeiffer aus Bad Emstal, die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Kreistag Dr. Bettina Hoffman, der Niedensteiner Ortsvorstand Roger Kunigkeit konnten ebenso begrüßt werden wie Vertreter von Greenpeace aus Kassel.

Aus dem südlichen Zipfel des Schwalm-Eder Kreises war ein Gruppe von Betroffenen angereist. In Neukirchen-Seigertshausen ist – ebenso wie an zwei Standorten in Gudensberg – ein neuer Hähnchenmaststall geplant. Bürgerprotest formiert sich, denn eine solche Anlage mindert massiv die Wohnqualität bis hin zum Wert eines Eigenheims. BI-Sprecher Grede sicherte den Gästen tatkräftige Unterstützung beim Widerstand zu. Es gehe nicht an, dass die Mehrheit eines Ortes unter der vermeintlichen „Zukunftsinvestition“ eines Einzelnen leiden müsste.

Die Bürgerinitiative betont immer wieder eine Tatsache: Der Fleischkonsum ist in den letzten zehn Jahren in Deutschland rückläufig, die Fleischexporte aber haben sich verdreifacht! Auch in Nordhessen wird also für den Weltmarkt produziert, mit staatlicher Förderung (also Steuergeldern). Die Umweltbelastung bleibt in der Heimat, das Fleisch geht nach Afrika und Asien und macht dort lokale, bäuerliche Strukturen kaputt.

In der Ausstellung wird deshalb immer wieder der artgerechte Umgang mit Tieren und ein gemäßigter Fleischkonsum gefordert als erster Schritt. Man beruft sich dabei auch auf Zukunftsforscher: „Fleisch ist die Zigarette von morgen“ lautet eine These. Der Konsum wird deutlich zurückgehen, weil es so nicht weiter gehen kann und wird.

Die Ausstellung soll im Laufe des Jahres an verschiedenen Orten in Nordhessen (auch in Kassel) gezeigt werden. Nächster Termin ist in Fritzlar. Am Samstag, dem 25. März, ist die Ausstellung im Hardehäuser Hof (Kasseler Straße 22 B) von 10 bis 18 Uhr zu sehen. Der Eintritt ist frei. Weitere Informationen unter www.bi-chattengau.de und auf www.facebook.com/bi.chattengau.de

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