Doppelmord im Dorf: Warum die Adoptiveltern 1997 sterben musste 

Knapp eineinhalb Jahre dauerte es bis zur Verurteilung aller fünf Beteiligter am Kasseler Landgericht. Die Adoptivtöchter wurden 1998 von der Zivilkammer des Kasseler Landgerichts für erbunwürdig erklärt. 
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Knapp eineinhalb Jahre dauerte es bis zur Verurteilung aller fünf Beteiligter am Kasseler Landgericht. Die Adoptivtöchter wurden 1998 von der Zivilkammer des Kasseler Landgerichts für erbunwürdig erklärt. 

True Crime, also wahre Verbrechen, sind momentan in aller Munde. Doch der Tod als Trend? Da muss man mit Fingerspitzengefühl agieren, wenn man alte Verbrechen aus der Region aufrollen und in Erinnerung rufen möchte. Immer mit Blick auf die Opfer, die zu Schaden kamen, aber auch mit dem auf die Täter, die das Recht haben, nach abgegoltener Strafe ein neues Leben anzufangen. So haben wir bei den meisten Artikeln dieser Serie die Namen aller Beteiligten geändert.
Wir möchten an die spektakulärsten Straftaten in der Region erinnern – und dabei Wissenswertes rund um das Thema Strafverfolgung und die Fälle mitgeben. Denn die menschlichen Abgründe gibt es auch bei uns in Nordhessen. Manche Fälle sind gelöst, einige wenige sind nach wie vor offen. Doch wir alle wissen: Mord verjährt nicht und vielleicht ergibt sich ja noch eine heiße Spur.

Morschen. Der Mörder lauert im Dunklen und ist ein völlig Unbekannter – so zumindest wirkt es oft in TV-Krimis oder Kriminalromanen. Doch die Realität sieht anders aus. 25,2 Prozent der Opfer von Mord, Totschlag oder Tötung auf Verlangen in Deutschland hatten im Jahr 2019 eine persönliche oder verwandtschaftliche Beziehung (Ehe, Partnerschaft oder familiäre Beziehung) zum Tatverdächtigen. Bei 30,9 Prozent bestand ein freundschaftliches oder bekanntschaftliches Verhältnis zwischen Opfer und Tatverdächtigen. Oftmals findet man den oder die Täter also im engen Umfeld der Opfer. So auch 1997 im Doppelmord-Fall in Morschen.

Was war geschehen?

Bekannten kam es komisch vor, dass das Ehepaar S.* seit einiger Zeit nicht mehr im Dorf anzutreffen war und auch Telefonanrufe nicht entgegennahm. Sie fanden schließlich am Sonntag, 15. Juni 1997, die grausig zugerichteten Leichen im Wohnhaus der Familie S. Wie „bei einer Hinrichtung“ – so wird ein Polizeibeamte damals zitiert – wurde beiden Opfern die Kehle durchgeschnitten. Das Haus schien durchwühlt worden zu sein. Alles deutete auf einen Raubmord hin, doch teurer Schmuck, der offen zu finden ist, wurde von den Tätern liegen gelassen. Lediglich Bargeld in Höhe von 4.000 Mark fehlt. Den Ermittlern kommen jedoch Zweifel, denn das Haus war zum einen mit Überwachungskameras, Signalgebern und Alarmanlage gesichert, zum anderen war Frau S. bloß leicht gekleidet angezogen und hätte in diesem Aufzug Fremden niemals die Tür geöffnet. So rücken die beiden Adoptivtöchter Jenny* (20) und Isabell* (16) in den Fokus der Ermittlungen, mit denen es immer wieder Streit gegeben haben soll. Beide können jedoch Alibis vorweisen, die auch bestätigt werden.

Weitere Ermittlungen ergeben, dass Isabell in der Schule ankündigte, dass ihren Eltern ‚etwas passieren würde‘ und auch der Verlobte von Jenny Florian* (23) kündigte unter seinen Bundeswehr-Kollegen an, dass eine Tat an seinen Schwiegereltern in spe bevorstünde. Ernstgenommen hat die Andeutungen damals niemand. Unter dem wachsenden Druck erfährt die Polizei schließlich von der jüngeren Adoptivtochter Isabell, was geschehen war.

So lief es ab

In einem Kasseler Einkaufszentrum lernen Jenny und Florian Tina* kennen und schon nach kurzer Zeit fragen sie diese, ob sie nicht jemanden kenne, der einen Mord begehen würde. Zum nächsten Treffen bringt Tina also ihren Freund Paul* mit, der erzählt, schon einmal ‚einen Zuhälter umgenietet zu haben‘. Zwei Prozent des Vermögens sollen an die beiden Täter gehen und der Plan entsteht.

Sonntagmittag verlässt Isabell das Haus und deponiert den Schlüssel in der Zeitungsbox – im Bewusstsein, dass ihre Eltern später ermordet werden sollen. Bei McDonalds in Guxhagen kommt es dann zum Zusammentreffen von den Auftragsmördern mit Jenny und Florian. Eine vom Täter gewünschte unauffällige Hose wird übergeben und der Plan soll nun in die Tat umgesetzt werden. Doch es gibt Probleme mit dem Schlüssel, so dass die beiden Täter schließlich eine Panne vortäuschen und zum Telefonieren ins Haus gelassen werden. Mit einem 12 Zentimeter langen Messer schneidet Paul erst Herr, dann Frau S. die Kehle durch. Während dessen sitzen die Geschwister und der Verlobte in einer Gaststätte in der Nähe des Tatorts. Später täuscht Isabell Bauchschmerzen vor und wird ins Krankenhaus gebracht. Jenny und ihr Verlobter warten im Raucherzimmer und erhalten schließlich die Nachricht der Täter, dass es geklappt habe, aber eine Sauerei gegeben habe.

Die Verurteilung

Knapp eineinhalb Jahre dauerte es bis zur Verurteilung aller fünf Beteiligter am Kasseler Landgericht. Die ältere Adoptivtochter Jenny erhielt die Höchststrafe von zehn Jahren Jugendhaft, die jüngere Adoptivtochter Isabell sieben Jahre und zehn Monate Jugendhaft. Als einzige der fünf Angeklagten hatte sie kein Geständnis abgelegt. Beide Angeklagte hätten es auf das millionenschwere Erbe abgesehen. Das Gericht sah es damals als erwiesen an, dass beide Schwestern, gemeinsam mit dem Verlobten Florian, zweimal versucht hatten, die Eltern mit Ratten- und Pflanzengift zu töten. Als dieser Plan scheiterte, entstand die Idee der Auftragsmörder, die man schließlich in Tina und Paul fand. Tina, die ein Geständnis abgelegt hatte, erhielt für die Beteiligung an der Tat sieben Jahre Jugendhaft. Der Verlobte von Jenny Florian erhielt wegen seiner aktiven Mithilfe des Mordes lebenslange Haft ohne besondere Schwere der Schuld. Er hatte das Gift besorgt, welches Isabell dann erfolglos in Kuchen gemischt hatte. Der Haupttäter Paul wurde wegen besonderer schwere der Schuld zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt. Somit kommt er auch nach den 15 Jahren Haft nicht aus dem Gefängnis heraus. Beide Adoptivtöchter wurden 1998 von der Zivilkammer des Kasseler Landgerichts für erbunwürdig erklärt. Das Erbe floss somit an Verwandte der Toten.

*Wir haben die Namen aller Beteiligten und der rechtskräftig verurteilten Täter geändert, um die Resozialisierung nicht zu gefährden und die Persönlichkeitsrechte zu wahren.

EXTRA INFO: Was bedeutet Mord?

Ab wann handelt es sich um einen Mord?
Seit 1941 wird der Mord im Paragraph 211 in Absatz 2 daher durch verschiedene Merkmale beschrieben, die allesamt die Verwerflichkeit, die Gefährlichkeit sowie das Missverhältnis von Mittel und Zweck zum Ausdruck bringen. Dazu zählen: Mordlust, Befriedigung des Geschlechtstriebes, Habgier, sonstige niedrige Beweggründe, Heimtücke, Grausamkeit, gemeingefährliche Mittel, Ermöglichung einer anderen Straftat, Verdeckung einer anderen Straftat und Verwerfliche Absicht.

Wie wird ein Mord geahndet?
Wer einen Mord begeht, erhält eine lebenslange Freiheitsstrafe. Ein geringeres Strafmaß ist nicht vorgesehen.

Kann ein Mord verjähren?
Nein. Gemäß § 78 Absatz 2 StGB verjährt die Straftat Mord in Deutschland niemals. Dies gilt seit dem Jahr 1979. (Quelle: anwalt.org)

Den 1. Teil der „Verbrechen, die uns erschütterten“-Reihe über Monika S., deren Tod bis heute ungeklärt ist, lesen Sie hier.

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