Dorf schnappt Dieb: Spektakuläre Verfolgunsjagd in Büchenwerra

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Büchenwerra. Eigentlich ist es ein besonders ruhiger Sonntag im auch sonst nicht gerade aufregenden Örtchen  Büchenwerra. Der heißeste Tag des J

Büchenwerra. Eigentlich ist es ein besonders ruhiger Sonntag im auch sonst nicht gerade aufregenden Örtchen  Büchenwerra. Der heißeste Tag des Jahres. Im stillen Fuldatal misst das Thermometer flirrende 37 Grad Celsius.

Lena Hartung ist zusammen mit einer Kassiererin alleine im Gasthaus ihrer Eltern. Die sind kurz zuvor nach Hause gegangen, um sich etwas auszuruhen. Kein Problem, denkt die 16-Jährige. Nix los,  nur eine Handvoll Gäste hat es sich auf den Bierbänken vor dem Haus unter den Sonnenschirmen gemütlich gemacht.

Hilfe, hilfe

Doch dann zerreißt plötzlich ein Schrei die träge Stille. "Hilfe, hilfe", hört Lena die Rufe der Kassiererin.  Sofort lässt sie alles stehen und liegen und rennt hinaus. Ein junger kräftiger Mann, der eben noch unter den Gästen saß, hat die Kassiererin beiseite geschubst und sich das prall gefüllte Portemonai geschnappt. Sein Fluchtfahrzeug, ein Fahrrad, lehnt griffbereit an der Hauswand.

Hier könnte die Geschichte enden. Der Dieb flüchtet, die Polizei wird informiert, Zeugen werden befragt, danach ruht alles in den Akten. Eine Polizeimeldung in wenigen Sätzen wäre alles, was bleibt. Doch diese Geschichte entwickelt sich anders. Und zwar so, dass es auch heute noch, zwei Wochen später, im Dorf kein anderes Thema gibt.

Die Verfolgungsjagd beginnt

"Ohne nachzudenken, bin ich sofort hinter ihm her", erzählt Lena. Das Fahrrad lässt der völlig überraschte Räuber stehen, stattdessen flüchtet er zu Fuß. Quer durch die Gärten der Häuser geht die Verfolgungsjagd, über Zäune und Holztüren. Lena dem Mann immer dicht auf den Fersen.

Der Räuber ist groß, muskulös und durchtrainiert. Lena dagegen ist klein  und unsportlich. Es ist ein unfairer Kampf. "Bleib stehen", ruft sie, doch der Flüchtende läuft unbeirrt weiter.  Das Wechselgeld wirft er auf den Boden, es belastet ihn nur. Lena beißt die Zähne zusammen und rennt weiter.

Durch die Schreie ist inzwischen das halbe Dorf auf den Beinen. Schnell spricht sich herum was passiert ist. Aufregung macht sich breit. Die Verfolger organisieren sich.  Autos und Mopeds werden gestartet. Motoren heulen auf. Lenas Vater schwingt sich auf sein Quad. Die Kassiererin, die den Mann wiedererkennen soll, auf dem Sozius. Man will dem Flüchtenden den Weg abschneiden. Doch wo ist er?

Mit Lena im Rücken, die ihm keuchend weiter auf den Fersen ist, flüchtet er in den nahegelegenen Wald.  "Da habe ich ihn dann aus den Augen verloren", erzählt sie.

Über ihr Handy ruft sie den Vater an. Beschreibt, wo sie den Flüchtenden zuletzt gesehen hat. Weitere Dorfbewohner stoßen schnell dazu. Der Älteste ist schon fast 60 Jahre alt und hat sich mit einer Latte bewaffnet. Zusammen durchkämmen sie den Wald. Inzwischen ist auch die Polizei alarmiert.

Befehl: ausziehen

Plötzlich springt der in die Enge getriebene Dieb hinter einem Gebüsch hervor. "Der war unheimlich fit", sagt Lena fast schon bewundernd. Mit großen Schritten läuft er aus dem Wald und über ein gerade abgeerntetes Feld auf die Fulda zu. Die Verfolger sind hinter ihm. Unter ihnen ist auch Günter Roth.

Der stellvertretende Wehrführer von Büchenwerra ist ein unerschrockener  Typ. Als der Täter in den Fluß springt und auf das andere Ufer zustrebt,  springt Roth neben Lena hinterher. Doch der Abstand wird schnell größer. Beide sind sich inzwischen sicher: Der Mann kennt sich in der Gegend aus. Denn nicht nur die inzwischen aus Kassel eingetroffenen Polizeiwagen, sondern auch alle anderen Autos können ihm hier nicht folgen.

Nur mit einem hat der Flüchtende nicht gerechnet: Mit der Entschlossenheit von Lenas Vater. Der steuert gedankenschnell sein schmales Quad mit Vollgas über die nahegelegene Fahrradbrücke, schneidet ihm den Weg ab  und kann den Räuber auf der anderen Fuldaseite stellen.

Da er nichts dabei hat, um den Mann zu fesseln bis die Polizei eintrifft, befiehlt er ihm, sich bis auf die Unterhose auszuziehen.  Der Täter gehorcht, doch bei der ersten sich bietenden Gelegenheit springt er erneut auf und rennt in Richtung Grebenau. Hier lebt er, wie sich später heraus stellt, hier kennt er sich aus. Sein Ziel ist eine Scheune.

Letztes Versteck

Sein letztes Versteck. Es wird umstellt. Die Dorfbewohner  und sechs Polizisten machen ein erneutes Entkommen unmöglich. Erst jetzt, nach über zwei Stunden wilder Jagd, gibt der Räuber auf und lässt sich vor den Augen umstehenden Dorfbewohner festnehmen. Doch nur 50 Euro finden sich in seiner nassen Unterhose. Den Rest der Beute hat er unterwegs weggeworfen. Lena wird die 800 Euro und das Portemonnaie später auf dem Feld finden.

Jetzt, zwei Wochen später, sitzen Lena und Günter zusammen im Gasthaus. Sie haben die Geschichte erzählt. Lena sagt, sie habe seitdem Knie-schmerzen und müsse mal zum Arzt. Doch irgendwie hat sie auch Heldenstatus. Günter zeigt stolz die Fotos von der Festnahme auf seinem Handy.

Beide wirken sehr glücklich. "So etwas kann eigentlich nur in Büchenwerra passieren", sagt Günter zum Abschied. Lena nickt und fügt hinzu: Ja, hier sind wir alle wie eine große Familie."

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