Eine ganze Region in persona

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Ziegenhain. Anneliese Heipel-Biedebach gilt als Botschafterin der Schwalm.

Ziegenhain. Die Region Schwalm ist weit über ihre nordhessischen Grenzen bekannt – vor allem aufgrund der auffallend prägnanten Tracht und der vielfältigen Weißstickerei. Doch kaum eine Person hat die Schwälmer Kultur und Tradition so in die Welt getragen wie Anneliese Heipel-Biedebach.

Die Ziegenhainerin, die in Obergrenzebach geboren und in Wasenberg aufgewachsen ist, galt viele Jahre als Botschafterin der Schwalm. Sie bereiste beinahe jedes europäische Land, um die dortige Kultur kennenzulernen und die heimische Kultur zu verbreiten. Für die Arbeitsgemeinschaft "Deutsche Märchenstraße" reiste Heipel-Biedebach insgesamt sechsmal nach Japan. Dort dekorierte sie ein Schwälmer Museum. Für die Hans-Staden-Stiftung flog sie 1988 nach Brasilien. Hier lernte sie Indianer kennen – und diese die Schwälmer Tracht. Nie kehrte Heipel-Biedebach ohne Mitbringsel zurück. "Noch heute interessiere ich mich für alles, was mal gewesen ist", sagt sie. Und das sieht man, denn ihr Wohnzimmer gleicht einem Museum. In ihrer privaten Sammlung befinden sich Fundstücke aus aller Welt, hauptsächlich aber kleine Schätze aus längst vergangenen Schwälmer Tagen. Neben Buntstickereien und Hochzeitschmuck besitzt Heipel-Biedebach unzählige alte Weißstickereien, die meisten von ihnen datiert. Darunter vor allem Bettüberwürfe, Kissen und Türschmucktücher.

In ihren Regalen stehen Porzellanfiguren, altes Kaffeegeschirr, Hinterglasmalereien und Spanschachteln, in denen früher Trachtenteile aufbewahrt wurden. Daneben viele wertvolle Bücher, verziert mit Schwälmer Abbildungen. Die 70-Jährige besitzt außerdem rund 100 Steindrucke und Holzschnitte. Aus Platzgründen kann sie längst nicht alle Gemälde aufhängen – so liegen sie im 220 Jahre alten Wohnzimmerschrank.

Drei echte Einzelstücke

Heipel-Biedebachs ganzer Stolz sind drei Unikate: ein Bettüberwurf, ein Kissen und ein Paar Schuhe. Der Bettüberwurf wurde im Jahr 1823 fertiggestellt. Früher kam der edle Stoff nur zu besonderen Anlässen zum Einsatz, etwa wenn hoher Besuch ins Haus stand oder an Feiertagen. "In so einer Decke steckt einjährige, intensive Handarbeit", sagt die Sammlerin ehrfürchtig. Der Kissenbezug ist inzwischen 193 Jahre alt. Beide Stickereien sind in Karl Rumpfs Buch "Eine deutsche Bauernkunst" aus dem Jahr 1943 abgedruckt – für jeden sichtbar. Doch die Originale kann nur Heipel-Biedebach sehen. Den größten ideellen Wert haben allerdings ihre Schwälmer Schnallen-Schuhe. "Um 1800 dürften sie entstanden sein", schätzt Heipel-Biedebach. Die Expertin hält die Schuhe für die ältesten Exemplare, die noch existieren. Immerhin habe sie kein vergleichbares Paar in den entsprechenden Museen gefunden. Ihre Leidenschaft für Sammelobjekte bezeichnet Heipel-Biedebach selbst als "angeborenes Leiden". Schon als kleines Kind habe sie sich für alles interessiert, was bunt und auffällig war.

Die Schwälmer Tradition sei ihr Leben. Doch ein wenig Wehmut schwinkt auch mit, wenn sie ihre liebsten Stücke zeigt: "Ich lebe 100 Jahre zu spät". Das sei auch der Grund für ihre vielen Reisen in ferne Länder, in denen noch einfachere Verhältnisse herrschen. So gastierte sie erst vor drei Wochen in Usbekistan. Und wer weiß, wo sie demnächst sein wird. Womöglich wieder weit weg von zu Hause – mit dem Herzen ist sie dann aber ganz sicher in der Schwalm.

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