Was am Ende übrig bleibt

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Schwarzenborn. Das Krematorium in Schwarzenborn öffnet seine Türen.

Schwarzenborn. Wie ein Monster, das sein Opfer mit seinem riesigen Maul verschlingt, fressen die Flammen den hölzernen Sarg, der langsam in den glühenden Schlund fährt. Über 850 Grad beträgt die Temperatur der Einäscherungsanlage, die Hitze ist auch in gut zehn Metern Entfernung zu spüren. Die Flammen schlagen wild um sich, färben das helle Holz im Bruchteil einer Sekunde schwarz. Das Tor schließt sich. Jetzt beginnt der Prozess des Verbrennens. Nach etwa einer Stunde ist alles vorbei. Das, was vorher ein massiver, hölzerner Sarg war, ist nur noch Asche. Auch der Mensch, der sich im Innern befand, ist vergangen.

Das Tor öffnet sich wieder. Der Blick fällt auf einen blanken Schädel. Die Flammen haben Haut und Haare abgefressen. Auch einige Knochenreste kann man in der glühenden Tiefe noch erkennen. Ein stählerner Arm fährt in die Öffnung hinein und schiebt die menschlichen Überreste nach hinten. Sie landen in einem Zwischenraum an der Seite der Einäscherungsanlage. Dort kratzt Christian Stabler sie zusammen. Sie fallen in einen Aschekasten. Der junge Mann hat früher als Lagerist in einer Firma gearbeitet. Mittlerweile ist er Betriebstechniker im Krematorium Schwarzenborn.

Das Krematorium ist auf dem neuesten Stand. Vor fünf Jahren gebaut, ist es von außen modern, die teils rot gestrichene, teils holzvertäfelte Fassede ein optischer Hingucker. Auch der Eingangsbereich des Krematoriums ist freundlich und hell. Keine Spur von einem gruseligen, dunklen Ort, wie man es möglicherweise vermuten könnte.

Verlässt man den Eingangsbereich und betritt die eigentliche Arbeitsstätte, die Besucher so nicht zu Gesicht bekommen, dann wird spätestens beim Anblick des großen Ofens klar, womit Geschäftsführer Dirk Brill und seine beiden Mitarbeiter ihren Lebensunterhalt verdienen. In einem angrenzenden Kühlraum fällt der Blick auf mehrere Särge. Die Verstorbenen, die sich darin befinden, warten alle darauf, dass ihre sterblichen Überreste zu Asche werden.

"Der Ofen ist so konzepiert, dass nur ein Sarg hineinpasst. So soll verhindert werden, dass Schindluder damit getrieben wird", erklärt Brill. Dass die Asche vertauscht wird, ist nicht möglich: "Jeder Verstorbene bekommt einen Identifikationsstein mit einer Einäscherungsnummer, der hitze- und feuerbeständig ist. Der Stein begleitet den Verstorbenen vom Verbrennungsvorgang bis in die Urne", so Brill.

Am Ende einer Einäscherung bleibt nicht viel übrig: "Drei bis fünf Kilo", erklärt der 37-Jährige. Die Asche, die dem Ofen entnommen wird, wird anschließend gemahlen. So passt sie besser in die Aschekapsel, die dann schließlich in der Urne ihren Platz findet. "Vor dem Mahlen entnehmen wir sichtbare und magnetische Metallteile. In die Kapsel kommen dann später Asche und alle Edelmetalle", erklärt Brill. Lediglich künstliche Gelenke seien zu groß. Sie würden gesammelt und zur Metallverwertung gebracht. Brill: "Der Erlös kommt gemeinnützigen Projekten zugute." Ist der Mensch eingeäschert, wird die Aschekapsel von einem Krematoriumsmitarbeiter an ihren Bestimmungsort gebracht. Das komme allerdings selten vor, wie Brill erklärt. Öfter würden Bestatter, die den Verstorbenen auch ins Krematorium gebracht haben, die Asche abholen. "In vielen Fällen versenden wir die Asche auch mit dem Lieferdienst. "DHL garantiert, dass keine Aschekapsel abhanden kommt", erklärt der Geschäftsführer.

Dirk Brill sieht sich als Dienstleister: Bestatter bringen Verstorbene zu ihm, er äschert sie ein und gibt sie wieder ab. Bedrückend findet er seinen Job nicht: "Man muss sich von gewissen Sachen frei machen. Am besten denkt man gar nicht darüber nach. Man muss die Arbeit als Abhandeln von Dingen betrachten, sonst wird man irgendwann verrückt." Und die Anzahl der Einäscherungen, so zeigt es die Erfahrung des 37-Jährigen, nimmt zu. Einen Grund dafür sieht Brill darin, dass sie mehr Möglichkeiten bieten. So sei nicht nur eine Beisetzung auf dem Friedhof, sondern auch im FriedWald oder gar eine Seebestattung möglich. Sogar zum Diamanten könne man sich pressen lassen.

Viele Menschen haben dennoch Vorbehalte, sich einäschern zu lassen. "Unbegründet", meint Brill. Denn bevor ein Mensch eingeäschert wird, müsse eine 48-stündige Frist nach dem Tod eingehalten werden. Außerdem müsse ein Leichenschauschein, eine Sterbeurkunde oder eine Freigabe der Staatsanwaltschaft vorliegen. Gesetzliche Vorgaben, die keinen Spielraum offen lassen.

Im Monat gibt es durchschnittlich 250 bis 300 Einäscherungen in Brills Krematorium. Das sind acht bis zehn pro Tag. Und während die Asche des letzten Verstorbenen gerade entnommen wurde, wird am anderen Ende der Einäscherungsanlage der nächste Tote samt Sarg von den Flammen verschlungen.

+++ EXTRA INFO +++

Wie funktioniert eine Einäscherungsanlage?

Die Einäscherungsanlage besteht aus mehreren Teilen. Der Ofen ist mit einer Filteranlage verbunden. Von dort gehen die Abgase in eine Reingasleitung. Dort wird gemessen, ob die vorgeschriebenen Werte eingehalten werden, bevor sie in den Schornstein abgeleitet werden. Die Anlage wird regelmäßig gewartet und repariert, damit sie zuverlässig funktioniert. Zudem gibt es einmal im Jahr eine Funktionsüberprüfung.

Die Einäscherungsanlage wird mit Gas betrieben. Mit der enormen Energie, die bei den Einäscherungen entsteht, wird das Krematorium geheizt.

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