Felsberger Sportler halten NS-Verbrecher in Ehren

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Felsberg. Der Haupttäter eines Judenpogroms wurde in einer Vereinsfestschrift erneut gewürdigt

Felsberg. Es ist eine verzwickte Situation. Während sich die Stadtverordneten im nordhessischen Felsberg darauf vorbereiten, mit der Einweihung des "Robert-Weinstein-Platz" einem der ersten Todesopfer der Nazipogrome in Deutschland endlich ein gebührendes Andenken zu schaffen, ehrt der ortsansässige Turn- und Sportverein mit dem ehemaligen HJ-Führer und bekennenden Antisemit Max Wolfram ganz ungerührt den verurteilten Haupttäter der brutalen Ausschreitungen die zum Tode des jüdischen Kaufmanns führten.

Vom Nazi-Mob in den Tod getrieben

Zugegeben: Mit Robert Weinstein tat man sich nie leicht in Felsberg. Schließlich waren die damals an der Judenverfolgung beteiligten nach dem Ende des Nazi-Regimes schnell wieder angesehene Bürger. Jahrzehnte hat es denn auch gedauert, bis sich die Volksvertreter durchringen konnten, öffentlich an den in den Tod getriebenen zu erinnern. Erst jetzt, da keiner der damals Beteiligten mehr lebt. Doch dafür soll es besonders feierlich werden. Extra aus diesem Anlass, so ist es beschlossen, treffen sich die  Abgeordneten am 8. November am Untertor, um –  genau 75 Jahre nach seinem Tod – dem bisher unbenannten Platz  den Namen "Robert-Weinstein-Platz" zu geben.

Ehrenurkunde für den NS-Verbrecher

Ein symbolischer Akt. Doch die eigentliche Vergangenheitsbewältigung lässt weiterhin auf sich warten.  Wie sonst ist es zu erklären, dass der ortsansässige Turn- und Sportverein Eintracht 1863 Felsberg den verurteilten Haupttäter der Judenpogrome, Max Wolfram, erneut zu Ehren kommen lässt?

Unübersehbar prangt die 1973 an den nach dem Krieg zu drei Jahren Haft verurteilten NS-Verbrecher verliehene Ehrenurkunde des Vereins abermals in der vor wenigen Wochen erschienen Jubiläumsschrift zum 150-jährigen Jubiläum. Zu dessen Rolle in der Nazi-Zeit findet sich hingegen kein Wort.

Überreicht wurde die Ehrenurkunde übrigens vom damaligen Vereinsvorsitzenden Dr. Heinz Roepke. Jenem Arzt also, der  nach Aussage von Zeugen vom randalierenden Nazi-Mob am 8. November 1938 daran gehindert wurde den im Straßengraben liegenden Leichnam Weinsteins zu untersuchen. Roepke wusste also genau, wen er ehrt. Und viele andere mit ihm.

Keine Entschuldigung des Vereins

Schlimm genug. Doch auch die nachfolgenden Generationen im Verein haben offensichtlich nichts dazu gelernt. Nun allerdings beruft man sich auf die Gnade der späten Geburt. "Ich wusste bis vor kurzem nicht wer Max Wolfram ist", behauptet der heutige Vereinsvorsitzende und Verantwortliche für die Jubiläumsschrift Stefan Schmid. Erst nach dem Druck der Vereinsschrift sei er von außen auf die verhängnisvolle Rolle Wolframs in der Nazi-Zeit hingewiesen worden. Zwar habe man das Thema daraufhin im Vorstand besprochen. Jedoch ohne Ergebnis. "Es ist passiert", sagt Schmid, "und jetzt ist es wie es ist."

Immerhin: Noch im Oktober will sich der Vorstand erneut des Themas annehmen. Was dabei heraus kommt, wagt Schmid allerdings nicht zu sagen. Eine Entschuldigung ist das nicht.

Wer war Robert Weinstein?

Nach den "Biografischen Skizzen" des Historikers Kurt Schilde wurde Robert Weinstein 1883 in Felsberg geboren, besuchte hier die Schule und absolvierte eine Lehre. 1907 machte er sich in seiner Heimatstadt mit einem Textilwarengeschäft selbstständig. Im Jahr darauf heiratete er. Aus der Ehe gingen drei Söhne und eine Tochter hervor.

Robert Weinstein war vor 1933 vielfältig in der Felsberger Gesellschaft verankert. Als Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands  war er ab 1919 Mitglied der Stadtverordnetenversammlung und von 1921 bis 1924 sogar stellvertretender Stadtverordnetenvorsteher.

Neben seiner Parteitätigkeit gehörte er dem Reichsbund jüdischer Frontsoldaten aus dem Ersten Weltkrieg an. Zu seinen kommunalen Aktivitäten gehörten aber auch die erfolgreichen Bestrebungen zur Errichtung einer höheren Schule in Felsberg.

Im Sommer 1933, kurz nach der Machtübernahme der Nazionalsozialisten, wurde Weinstein von der SA abgeholt und "wie ein wildes Tier gehetzt". Danach litt der damals 50-Jährige an Herzbeschwerden.

Am 8. November 1938, dem Vortag der eigentlichen Reichspogromnacht, wurden Weinstein und seine Frau am Abend von einem Trupp Nazis, zu dem auch der HJ-Führer Max Wolfram gehörte, gewaltsam aus seinem Haus geholt und mit Tritten und Schlägen durch die Straße  gejagt. Dabei brach er zusammen und verstarb, vermutlich an akutem Herzversagen.Beerdigt wurde Robert Weinstein anschließend auf dem jüdischen Friedhof in Kassel-Bettenhausen.

Lesen Sie auch den Kommentar von Redakteur Andreas Bernhard

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