Ein Freispruch und viele Fragezeichen

Brutaler berfall in Krle konnte nicht restlos aufgeklrt werden - Staatsanwaltschaft prft Revision und BerufungVon ANDREAS BERN

Brutaler berfall in Krle konnte nicht restlos aufgeklrt werden - Staatsanwaltschaft prft Revision und Berufung

Von ANDREAS BERNHARD

Krle / Fritzlar.Ein Freispruch und viele Fragezeichen. Das stand am Ende eines sechsstndigen Prozesses vor dem Jugendschffengericht in Fritzlar, in dessen Verlauf alles ganz anders kam als erwartet.

Doch von vorn: Zwei Angeklagte standen vor Gericht. Ein 20-Jhriger aus Rhrenfurth und ein 16-Jhriger aus Krle. Der Vorwurf an sie lautete auf gefhrliche Krperverletzung, illegalen Waffenbesitz und ruberische Erpressung. Tatbestnde also, so betonte auch der vorsitzende Richter, Gerhard Lohr, die keineswegs Bagatelldelikte sind, sondern in einem Verfahren gegen Erwachsene mit ziemlicher Sicherheit eine mehrjhrige Haftstrafe nach sich gezogen htten.

Mit Schlgen geweckt

Zunchst schien auch alles wie gewnscht zu verlaufen. So rumte der ltere der beiden Angeklagten offen ein, dass er und sein Kompagnon beim Besuch einer Kirmesdisko und nach dem Genuss einiger Biere im vergangenen November verabredet hatten, dem Opfer einen unfreundlichen Besuch abzustatten. Grund sei die schlechte Zahlungsmoral des heute 19-Jhrigen gewesen. Ich habe ihm mal zehn Euro geliehen, so erklrte der Rhrenfurther, denen er mehrere Monate habe hinterherlaufen mssen. Das Geld bekam er schlielich zurck, doch die Wut auf das sptere Opfer blieb. Ein hnliches Motiv habe sein Mittter gehabt, so der Angeklagte, der neben seinem Verteidiger, Nils Weigand, sa. Dem habe der 19-Jhrige fnf Euro geschuldet. So sei man gegen 2 Uhr morgens gemeinsam zu dessen Wohnung in Krle gegangen. Im Gepck ein Brecheisen und einen Schlagring. Zunchst habe man die Haus- und Wohnungstren aufgebrochen, dann den Schlafenden mit gezielten Schlgen unsanft geweckt . Bereits von mehreren Hieben mit dem Schlagring und der Brechstange im Gesicht und am Krper getroffen, habe dieser schlielich zu seinem Geldbeutel gegriffen und alles, was darin war, herausgerckt. Rund sieben Euro seien es wohl gewesen, gab das Opfer im Gericht zu Protokoll. Doch auch danach wurde weiter auf ihn eingeprgelt. Das Opfer erlitt insbesondere Verletzungen im Bereich der Augen, so dass es nach dem brutalen berfall zur Behandlung in die Augenklinik nach Kassel gebracht wurde.

Spter, so der ltere Schlger, der derzeit eine Lehre bei B.Braun absolviert und gerade erst seinen Fhrerschein fr zehn Monate abgeben musste, habe er sich aber bei dem Opfer entschuldigt. Inzwischen gre man sich wieder.

berraschung im Gericht

So weit, so klar. Doch dann berraschte der zweite Angeklagte mit seiner Aussage, er habe an dem berfall berhaupt nicht teilgenommen, von der ganzen Sache garnichts mitbekommen, da er zu der Zeit im Haus der Groeltern geschlafen habe. Eine Aussage an der er auch festhielt, als der Richter betonte, es lohnt sich nicht so hoch zu pokern und in Aussicht stellte, dass ein Gestndnis sich positiv auf das Strafma auswirken werde.

Also mussten eiligst das Opfer selbst und zwei Zeugen herbei geschafft werden. Doch auch diese konnten wenig zur Erhellung der Anwesenden beitragen. Zwar sagte der verprgelte Schlosserlehrling aus, er habe den zweiten Angeklagten, der zum Tatzeitpunkt mit einer Skimaske ber dem Gesicht bekleidet war, an seiner Stimme und seiner Kleidung sicher erkannt, doch auf Nachfragen wirkte er dann immer unsicherer. Auch die Zeugen, die gegenber der Polizei noch angegeben hatten, der zweite Angeklagte habe die Tat ihnen gegenber eingerumt, rckten im Gerichtssaal von ihren ursprnglichen Einlassungen ab. Nein, gesagt habe es der damals 15-Jhrige der brigens weitlufig mit dem Opfer verwandt ist nicht. Aber es sei doch berall in Krle rumerzhlt worden, dass er der zweite Mann bei dem berfall gewesen sei.

Es begann ein mhseliges Nachfragen und Nachhaken in den Aussagen durch den Richter, die Staatsanwltin und die Verteidiger der Angeklagten, um zur Wahrheit durchzudringen. Vergeblich. Zuviele Ich-wei -nicht und Widersprche stellten sich den Fragenden in den Weg. Da half es auch nichts, dass Richter Lohr zwischenzeitlich der Kragen platzte.

Am Ende rumte das Opfer sogar ein, es habe eigentlich nur auf Druck seines Betreuers Anzeige erstattet und die Prgel habe er wohl auch irgendwie verdient gehabt.

Wie ein Todesurteil

In ihrem Pldoyer schenkte Staatsanwltin Kerstin Nedwed den Unschuldsbeteuerungen des jngeren Angeklagten keinen Glauben. Vllig unklar sei doch, weshalb sein Kumpan ihn sonst belasten solle. Deshalb sagte sie dem zweiten Angeklagten ins Gesicht: Ich bin berzeugt, dass sie dabei waren.

Dessen Verteidiger, Karl-Heinz Zimmermann sagte darauf hin: Ich muss mich zu etwas uern, was mir in 35 Berufsjahren noch nicht passiert ist. Auch er sei nicht immer von der Unschuld seines jungen Mandanten berzeugt gewesen. Doch jetzt wackelt vieles und einen Unschuldigen zu bestrafen, sei wie ein Todesurteil. Deshalb beantragte er einen Freispruch.

Richter Lohr und die beiden Schffen schlossen sich nach einer lngeren Beratung diesem Antrag in ihrem Urteil an. Im Zweifel fr den Angeklagten, so laute die Rechtsmaxime, betonte Lohr in seiner Begrndung. Viele Fragezeichen seien fr ihn aber geblieben.

Der zweite, gestndige Angeklagte habe kein Geld genommen, weshalb keine ruberische Erpressung vorliege, so das Gericht. Auch wegen seiner guten Sozialprognose wurde er lediglich zu zwei Wochen Dauerarrest verurteilt. Diese Zeit brauchen sie zum Nachdenken, gab ihm der erfahrene Lohr mit auf den Weg.

Fr ihn ist das Urteil rechtskrftig. Bei dem mit einem Freispruch bedachten Angeklagten behielt sich die Staatsanwaltschaft eine mgliche Berufung oder Revision vor. Sollte der 16-Jhrige tatschlich erneut angeklagt werden, msste der Prozess noch einmal aufgerollt werden. Vielleicht klrt sich dann das Rtsel des zweiten Tters.

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