Geld heilt keine Seelen

Hephata bittet ehemalige Heimkinder um EntschuldigungVon CHRISTINA WOLTERSTreysa. Schlge, sexuelle bergriffe und psychische Gewalt in der

Hephata bittet ehemalige Heimkinder um Entschuldigung

Von CHRISTINA WOLTERS

Treysa. Schlge, sexuelle bergriffe und psychische Gewalt in der Heimerziehung waren in den fnfziger bis siebziger Jahren an der Tagesordnung. Etwa 1.600 Kinder, die damals in Hephata lebten, waren tglich dieser Art der Erziehung ausgesetzt. 15 von ihnen erheben inzwischen schwerwiegende Vorwrfe gegen das Diakonie-Zentrum.

Jetzt folgt die spte Entschuldigung. Auf einer Pressekonferenz am vergangenen Montag erklren die Hephata-Direktoren Barbara Eschen und Peter Gbel-Braun: Wir, der Vorstand der Hephata-Diakonie und der Vorstand der Diakonischen Gemeinschaft Hephata, bitten alle, die als Kinder und Jugendliche damals in Hephata Leid an Leib und Seele erfahren haben, um Entschuldigung.

Glaubwrdige Vorwrfe

Die ehemaligen Heimkinder werfen ihren damaligen Erziehern unter anderem massive krperliche und sexuelle Gewalt vor. Diese Vorwrfe sind glaubwrdig, rumt Pfarrerin Barbara Eschen ein. Hephata bedauere die Vorflle zutiefst. Seit November vergangenen Jahres sucht der Diakonie-Vorstand den Kontakt zu ehemaligen Heimkindern, um das Kapitel ihrer Vergangenheit aufzuarbeiten. In vielen Fllen leiden die Betroffenen noch heute unter der Entwurzelung durch die Zeit im Heim, stellen sich Fragen nach der eigenen Identitt, erklrt Peter Gbel-Braun. Er selbst fhrt die Gesprche mit denjenigen, die den Weg nach Hephata finden. Gbel-Braun arbeitet seit ber 30 Jahren in Hephata, kennt die alten Bezeichnungen fr die verschiedenen Huser und ist oft im gleichen Alter wie die Betroffenen. Wir bieten auch Hilfe beim Auffinden von persnlichen Unterlagen oder bei der Aufklrung damaliger Verhltnisse, so Gbel-Braun weiter. Aus seinen Gesprchen wei er, dass Strafen an der Tagesordnung waren. Arrest und Ohrfeigen waren Standard, sagt Gbel-Braun. Beschmungen, das heit Bestrafung durch die Verletzung von Schamgefhlen, waren keine Seltenheit. Die Hephata Diakonie untersttzt darberhinaus die Arbeit des Runden Tisches Heimerziehung, der seit Ende 2008 unter dem Vorsitz von Antje Vollmer im Auftrag des Bundestages an der Aufarbeitung des Themas arbeitet. Daran ist auch Hephata durch Vertreter der Diakonie beteiligt. Der Vorstand besttigt, dass Hephata die entwrdigenden Lebensbedingungen der Heimerziehungspraxis teilweise hingenommen hat. Gewalt sei als Mittel zur Erziehung ausgebt worden, wodurch auch krperliche und sexuelle bergriffe unzureichend unterbunden wurden. Arbeitseinstze der Jugendlichen ohne Entlohnung zur Einsparung ffentlicher Kosten gab es ebenso, zitiert Barbara Eschen aus der Presseerklrung Hephatas.

Betroffene knnen jederzeit den Kontakt zu uns suchen, fordert Gbel-Braun auf. Das ist ber unsere Homepage, wenn gewnscht auch anonym mglich.

Kampf um Anerkennung

Gemeinsam mit dem Runden Tisch sucht Hephata nach Lsungen fr eine Anerkennung der Leiden der Betroffenen. Geld heilt keine Seelen, sagt Pfarrer Peter Gbel-Braun. Eschen: Aus Kontakten mit Betroffenen wissen wir, wie wichtig vielen von ihnen eine ffentliche Anerkennung und ein Bedauern ihrer Leiden ist. Ein ehemaliges Hephata-Heimkind, das uns seine persnliche Lebensgeschichte erzhlt hat, ist Thomas Hasper. Er rechnet nicht mehr mit einer finanziellen Anerkennung seiner Leiden. Elf Jahre hat der gebrtige Bremer in Hephata gelebt. Er hat mitangesehen und am eigenen Leibe erfahren, wie der Alltag in einem Heim ausgesehen hat. Er ist im Heim zur Schule gegangen, hat seine Ausbildung gemacht und insgesamt sieben Jahre lang dort gearbeitet. Aber kein einziges davon zhlt fr seine Rente. Nicht nur auf seine Vergangenheit, sondern auch auf seine Zukunft hat der Heimaufenthalt also Folgen.

I n der nchsten Ausgabe:

Ich war unhaltbar Treysa. Bereits kurz nach seiner Geburt 1954 landet Thomas Hasper im Kinderheim. 1959 kommt er ins Hessische Diakoniezentrum Hephata, weil er in seinem alten Heim unhaltbar war. Elf Jahre lang bis zu seinem 16. Lebensjahr bleibt der Junge mit der linksseitigen Parese, einer Lhmung des Beins, in Treysa. Lesen Sie in der nchsten Ausgabe des Schwlmer Boten Thomas Haspers Lebensgeschichte, beispielhaft fr viele Kinderschicksale in deutschen Heimen.

Lesen Sie dazu den Leserbrief "Nicht alles an der Tagesordnung" (klick!)

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