Gericht will Gutachten über Amokschützen

Fritzlar / Deute. Weniger als eine Stunde dauerte der erste Verhandlungstermin gegen S., den Amokschützen von Deute. Der heute 47-jährige Fleischer

Fritzlar / Deute. Weniger als eine Stunde dauerte der erste Verhandlungstermin gegen S., den Amokschützen von Deute. Der heute 47-jährige Fleischer hatte im Abend des 8. Juli letzten Jahres einen beliebten Tankstellen-Imbiss an der B 254 betreten, sich zunächst ein Schnitzel bestellt und dann zwei Waffen gezückt.

Private Probleme

Mit denen bedrohte er zunächst Gäste und Angestellte, bevor er dann umsich schoss. Zum Glück wurde niemand verletzt. Nach der Tat ließ sich der Schütze von der herbeigerufenen Polizei widerstandslos festnehmen.

In der Verhandlung vor dem Amtgericht in Fritzlar machte S. seine damaligen Lebensumstände für die Tat verantwortlich. Er habe sich gerade in der Trennungsphase von seiner Ehefrau befunden, so berichtete er Strafrichterin Lahmann, außerdem habe er einen neue Arbeitsstelle angetreten, bei der er viel schneller als geplant auf sich allein gestellt sein sollte, was ihm zu schaffen gemacht habe. "Ich hab mich beschissen gefühlt, das Fass war voll", so der Beschuldigte zu seiner psychischen Verfassung vor dem verhängnisvollen Tag.

Großes Waffenarsenal

Der wiederum begann für ihn, nach eigener Aussage, mit ein paar Flaschen Bier und einer Flasche Wodka. Danach habe er noch eine Flasche Cognac gefunden. Gegessen habe er dagegen nichts. "Ich bin nicht zur Arbeit", so der Angeklagte, stattdessen habe er beschlossen sich umzubringen. Zu diesem Zweck lud der Sportschütze mit Waffenbesitzschein aus seinem umfangreichen Waffenarsenal ein Gewehr der Marke Heckler & Koch sowie eine halbautomatische Pistole der tschechischen Marke Ceska und über 150 Schuss Munition in eine Tasche und lud sie in sein Auto. Mit dem, so S., sei er völlig betrunken in ein Waldstück zwischen Dissen und Deute gefahren, um sich selbst zu erschießen. Doch dort angekommen habe ihn ein starker Hunger überkommen, weshalb er weiter fuhr zu dem ihm bekannten Imbiss in Deute.

Dort, so die vom Gericht zitierten Zeugenaussagen, zückte er plötzlich seine Waffen und rief "raus, alle raus", bevor er zu schießen begann. Auch die herbeigeeilte Senior-Chefin des Tankstellen-Imbiss konnte ihn nicht beruhigen. Auch sie bedrohte er nach Zeugenaussagen mit den Worten "mach’ dich hier raus, sonst erschieße ich dich". Ein von ihm danach abgefeuerter weiterer Schuss soll die Glastür hinter der Frau durchschlagen haben.

Keine Erinnerung

Doch an all dies konnte sich S. vor Gericht nicht mehr erinnern. "Ich habe einen totalen Filmriss", so betonte er, gab aber gleichzeitig an "bestimmt auf niemanden gezielt" zu haben. Eigentlich habe er auch gar nicht schießen wollen, so der Angeklagte. Auf die Frage der Richterin, warum er dann die Waffen mit in den Imbiss genommen habe?, konnte er jedoch keine Antwort geben.

Erst durch die eigenen Schüsse sei er quasi wach geworden, so berichtete S. vor Gericht und habe gedacht: "Ich bin im falschen Film." Danach habe er noch eine Zigarette geraucht und dann ohne Waffen den Imbiss verlassen, wo er von der Polizei verhaftet wurde.

Psychiatrisches Gutachten

Der Angeklagte und sein Verteidiger gaben dem Gericht zu verstehen, dass man alle Vorwürfe einräume. Trotzdem konnte Richterin Lahmann die Verhandlung nicht mit einem Urteil abschließen. "Aufgabe des Gerichts ist es den Sachverhalt möglichst vollständig aufzuklären", so die Richterin. Dies sei aufgrund der Erinnerungslücke des Beschuldigten und fehlender Zeugen vor Gericht aber nicht möglich. Insbesondere die Frage der Zurechnungsfähigkeit des 47-Jährigen zur Tatzeit blieb aus Sicht des Gerichts offen, da einige Zeugen berichtet hatten, dass der Angeklagte im Imbiss keine Ausfallserscheinungen gezeigt habe.

Klarheit darüber, ob eventuell bereits die psychische Verfassung von S. eine verminderte Schuldfähigkeit rechtfertigt, soll nun ein Gutachten bringen. Damit beauftragt werden soll das Psychiatrische Krankenhauses in Merxhausen. Dort ist S. bereits bekannt, denn direkt nach der Tat war er dort in Behandlung.

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