100.000 Euro verschenkt: Kirche verkauft nicht an Höchstbietenden

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Ostheimer Kirche will Hof nicht an Meistbietenden verkaufen und verzichtet auf ca. 100.000 Euro - und in Beiseförth sammelt man Spenden für die Kirche

Von KARSTEN KNÖDL und JOANNA WIEWIORSKA

Malsfeld-Ostheim. "Geld scheint die Kirche nicht nötig zu haben. Das ist zumindest mein Eindruck", sagt Ralf Ganß. Der studierte Landwirt und gelernte Fleischer wohnt in Beiseförth – in Ostheim führt er einen landwirtschaftlichen Betrieb mit 60 Schweinen und 20 Rindern. Dazu hat der 48-Jährige sieben Schlepper, will auch Futtergetreide anbauen. "Der Platz ist knapp, ich möchte in Ostheim investieren und natürlich wachsen", erklärt Ganß. Also plant er, einen alten Hof und etwas Land, nur wenige Meter von seinem Betrieb entfernt, zu kaufen. Doch die Kirche macht ihm einen fetten Strich durch die Rechnung. Ganß darf nicht.

Ganß bot 260.000 Euro

Als "Fräulein" Botte Anfang 2014 stirbt, hinterlässt sie ihren alten Hof gegenüber der Hochlandhalle. Die Rentnerin ist alleinstehend, hat keine Kinder – und keine Erben. So vermacht sie ihren denkmalgeschützten Hof der Kirche. Diese soll Grund und Gebäude an einen ortsansässigen Landwirt verkaufen. Daraufhin lässt die Kirche die Erbschaft schätzen, schreibt alle Ostheimer Landwirte an und bietet denen den Botte-Hof zum Kauf an. Alle? Nicht Ralf Ganß. Schließlich wohne er nicht in Ostheim, heißt es.

Der erfährt dennoch davon und bietet der Kirchengemeinde 260.000 Euro an. "Das sind 13.000 Euro mehr als der Schätzpreis", sagt Ganß. Wochen, Monate vergehen. Doch er hört nichts, und hört nichts, und hört nichts... Auf Anfragen bei Pfarrerin Gudrun Ostheim und bei der Testamentsvollstreckerin – der Melsunger Rechtsanwältin und Notarin Evemarie Stepahn-Ambacher – gibt es keine klaren Auskünfte. Nur Vertröstungen. "Es kam nie eine Reaktion. Irgendwann hieß es, ich würde mit meinem Betrieb zu viel Dreck machen, wenn ich z.B. Mist transportiere", schüttelt Ganß den Kopf. Auch wird ihm der Hof nicht angeboten, als es keine anderen Ostheimer Interessenten gibt. "Mir geht’s um diese Hinhalte-Taktik", betont Ganß.

Für 179.000 Euro im Internet

Nicht schlecht staunt der Landwirt wenig später, als er den Hof auf der Website von König Immobilien entdeckt. Verkaufspreis: 179.000 Euro. Ganß: "Ich bin sofort hin und habe einen Reservierungsvertrag unterschrieben. In dem Augenblick hatte ich ja gerade 81.000 Euro gespart. Und die Kirche diese verschenkt." Den Hof bekommt er trotzdem nicht. "Man missgönnt mir das wohl und will nicht, dass ich in Ostheim expandiere", vermutet der 48-Jährige. "Schade."

Wir fragten bei König-Immobilien-Geschäftsführer Jürgen König nach: "Wir können nichts anderes machen, als das Angebot des Kunden weiterzugeben. Wenn dieser dann sagt, ‘den Käufer möchte ich nicht’, dann ist das dessen Sache. In diesem Fall ist es aber auch für uns nicht nachvollziehbar." Königs Einschätzung: Selbst die 179.000 Euro werde man jetzt nicht mehr erzielen können.

Schweigen und Widersprüche

Darüber, warum die Kirche Ralf Ganß den Hof nicht verkaufen möchte, hüllt sie sich gegenüber unserer Zeitung in Schweigen. "Herr Ganß hat uns nie ein schriftliches Angebot vorgelegt. Mehr darf ich dazu nicht sagen", sagt Pfarrerin Gudrun Ostheim in einem Telefongespräch. Außerdem habe er Fräulein Botte nicht gekannt. "Das stimmt nicht", sagt Ganß, "das lässt mich wie einen Schwätzer dastehen. Ich will ja handeln, kann aber nicht."

Übrigens: Ein geplantes Treffen von unserer Zeitung mit dem Kirchenvorstand ließ die Kirche platzen. Immerhin ließ sich die Nachlassverwalterin zu einer schriftlichen Stellungnahme hinreißen. Darin heißt es: "(...) die Erblasserin ist auch von dem Bild eines Landwirtes ausgegangen, so wie Landwirtschaft in der Vergangenheit betrieben wurde. Der Landwirt wohnt mit seiner Familie auf dem landwirtschaftlichen Anwesen und bearbeitet in der Nähe seines Betriebes die Nutzflächen." Ganß dazu: "Etwas realitätsfern das Ganze. Welcher Ostheimer Landwirt zieht denn mit seiner Familie auf den Botte-Hof, wenn er schon einen Hof hat?" Und: "Mittlerweile scheint es ja völlig egal, ob den Hof ein Ostheimer bekommt, so wie es im Testament vorgesehen war. Sonst würde man ihn ja nicht übers Internet zum Verkauf anbieten." Nur Ganß scheint keine Option zu sein.

Weiter heißt es, dass das Testament so auszulegen sei, dass der Hof auch nach Bottes Tod in Ordnung gehalten und nachhaltig unterhalten werden müsse. "Ach? Und dazu bin ich nicht in der Lage?", fragt Ganß verständnislos.

In Beiseförth bittet man um Spenden für die sanierungsbedürftige Kirche

­­Bei Ralf Ganß rufen solche Aussagen nur Achselzucken und Kopfschütteln hervor. Er lacht: "Das ist doch total kurios" – und hält uns in diesem Zusammenhang ein Schreiben vor die Nase, in dem die Nachbarkirchengemeinde Beiseförth zu Spenden aufruft. Für die Renovierung der Dorfkirche fehlt noch immer Geld. Ganß: "Was soll man dazu noch sagen­­?"

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