93-jährige Hersfelderin verteilt Essen an Bedürftige

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Sie hilft den Menschen, für die ein Wocheneinkauf im Supermarkt zum Luxuserlebnis geworden ist: Die 93-jährige Elfriede Liers arbeitet ehrenamtlich bei der Tafel in Bad Hersfeld.

Bis ins hohe Alter aktiv: Elfriede Liers ist 93 und engagiert sich bei der Tafel Bad Hersfeld. Hier sorgt sie jede Woche dafür, dass Menschen etwas zu Essen bekommen, die sich einen Einkauf im Supermarkt nicht leisten können.

Bad Hersfeld. Die 93-jährige Elfriede Liers steht mit einer orangefarbenen Fleecejacke bekleidet in einem alten Bahnhofsgebäude, in dem die Tafel Bad Hersfeld seit 2006 ihr Lager bezogen hat. Um sie herum Kisten und Kartons mit Lebensmitteln, die von den Supermärkten nicht mehr verkauft werden können, aber zu schade sind, um sie direkt zu entsorgen. Von Bananen, Erdbeeren, Tomaten und Salat geht es über Brötchen und Kuchen bis zu Käse, Milch und anderen Lebensmitteln, die gekühlt werden müssen.

„Wenn einem das geschenkt wird, dass man geistig und gesundheitlich fit ist, sollte man das nutzen“, sagt die Hersfelderin, die vor wenigen Wochen noch selbst 600 Kilometer mit dem Auto von Bad Hersfeld in die Schweiz gefahren ist. Sie und ihre Kollegen sorgen dafür, dass die Kunden der Tafel zur Ausgabezeit volle Körbe und Regale vorfinden.

Seit 13 Jahren engagiert sich die 93-Jährige bei der Tafel Bad Hersfeld und gehört damit zu den Mitarbeitern der erste Stunde. „Ich arbeite gerne bei der Tafel, da ich hier etwas tolles für Menschen tun kann, denen es nicht so gut geht“, sagt Liers und erinnert sich an die Anfangszeit: „Als wir angefangen haben, war ich manchmal ganz alleine hier, und jetzt herrscht hier richtig Betrieb.“ Ihr Blick fällt dabei in den Sortierraum, in dem ihre Kollegen die eben gelieferten Lebensmittel wie Obst und Gemüse begutachten und eifrig sortieren. Entweder in das Lager oder in den Abfall.

Zur gleichen Zeit öffnet sich die Haustür im Minutentakt und vier Fahrer tragen weitere mit Lebensmitteln beladene Kisten hinein, deren Inhalt schon nach kurzer Zeit im Sortierraum in Augenschein genommen wird. Eine Kiste Bananen fällt an diesem Morgen direkt auf. „Die können wir nicht mehr nehmen“, ist die einstimmige Meinung. „Die Bananen sind überreif“, sagt eine Mitarbeiterin des 22-köpfigen Teams und zeigt auf die Kiste voller Bananen deren Schalen aufgeplatzt sind.

„In den letzten 13 Jahren hat sich vor Ort ein tolles Team gebildet. Damit die Arbeit geschafft werden kann, muss die Zusammenarbeit zwischen den Lieferanten, den Supermärkten und uns Hand in Hand gehen“, erklärt Liers. Doch den Wunsch, anderen Menschen zu helfen, hat Liers nicht erst seit 2006. Bereits 1986 besuchte sie als Grüne Dame im Klinikum Bad Hersfeld Patienten auf unterschiedlichen Stationen, half ihnen bei täglichen Besorgungen, nahm ihnen durch persönliche Gespräche die Angst vor einer bevorstehenden Operation oder hörte in schwierigen Zeiten einfach zu. 30 Jahre engagierte sie sich im Klinikum, bevor sie ihren Kittel als Grüne Dame im Jahr 2016 an den Haken hing.

Elfriede Liers (3. v. li.) und ihre Kollegen sorgen wöchentlich dafür, dass rund 400 bis 500 Menschen aus Bad Hersfeld und Umgebung etwas zu Essen haben.

Eine stressige Zeit für die Hauswirtschaftsmeisterin und ihre Kollegen sei das Jahr 2015 gewesen. In diesem Jahr stieg die Zahl an Asylbewerbern auf 1,3 Millionen, was auch in Bad Hersfeld spürbar gewesen sei. „Die Sprachbarriere war ein großes Problem“, sagt Liers rückblickend und zieht das Fazit: „Für die Ausgabe muss man einen starken Charakter haben. Ansonsten kann einen der Stress bei der Ausgabe zu sehr mitnehmen.“

Doch von solchen Erlebnissen lässt sich die 93-Jährige ebenso wenig zum Aufhören bringen, wie durch gesundheitliche Probleme. „Vor einigen Monaten hatte ich einen Oberschenkelhalsbruch, und das erste was ich gesagt habe war ‚Wenn ich wieder fit bin, gehe ich wieder zur Tafel’.“

Die Tafel in der Kurstadt unterscheide sich in der Arbeitsweise von den übrigen Tafeln im Land. „Oft gibt es bei Tafeln vorgefertigte Tüten mit Lebensmitteln, in denen von allem etwas drin ist. Bei uns können sich die Kunden das aus den Regalen aussuchen, was sie gerne haben möchten“, erklärt die Leiterin der Tafel, Silvia Hemel.

„Für viele Menschen ist es nach wie vor schwer, zur Tafel zu gehen. Deshalb haben unsere Kunden die Möglichkeit, sich für zwei Euro pro Person eine eigene Tüte zusammenstellen zu lassen. Das selbstständige Entscheiden hilft vielen, mit der eigenen Situation besser zurecht zu kommen“, beschreibt Hemel die Mentalität der Kunden. Dennoch müsse manchmal hart durchgegriffen werden, damit die Lebensmittel für alle reichen. „Denn auch der letzte Kunde hätte vielleicht gerne noch ein paar Brötchen“, erklärt Hemel die Situation.

Wöchentlich nutzen 400 bis 500 Personen das Angebot der Hersfelder Tafel. Einen Zuwachs erleben Hemel und ihr insgesamt 70-köpfiges Team bei Rentnern und Senioren, die immer häufiger auf die Hilfe der Tafel zurückgreifen müssten, was die Geburtsdaten der Neuanmeldungen bestätigten. Elfriede Liers hat das Glück auf der anderen Seite der Ausgabe zu stehen und anderen Menschen helfen zu können. An ein Aufhören im Ehrenamt verschwendet die 93-Jährige keinen Gedanken. „Ich mache die Arbeit bei der Tafel gerne und das nicht, weil ich Zuhause nichts mit mir anzufangen wüsste, sondern um anderen zu helfen“, sagt die Hersfelderin.

EXTRA INFO

Die mehr als 940 gemeinnützigen Tafeln in Deutschland sammeln überschüssige Lebensmittel und verteilen sie an bedürftige Menschen. Die Lebensmittelausgabe ist das Kerngeschäft der Tafeln und regional unterschiedlich organisiert. Nach Angaben des Dachverbands der Tafeln sei 2019 innerhalb eines Jahres die Anzahl der Menschen, die die Angebote der Tafeln nutzen, um zehn Prozent gestiegen. Aktuell kommen 1,65 Millionen Menschen regelmäßig zu den Tafeln. Besonders bei Senioren, die Rente oder Grundsicherung im Alter beziehen, ist der Anstieg mit 20 Prozent dramatisch. Niedrige Renten sind damit nach Langzeitarbeitslosigkeit der zweithäufigste Grund eine Tafel aufzusuchen.

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