Alle Dokumente gefälscht: Falscher Arzt steht in Kassel vor Gericht

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Mit gefälschten Urkunden und Zeugnissen verschaffte sich Saad A. mehrere Anstellungen als Arzt in nordhessischen Kliniken und Praxen, bis ihn eine Pflegerin der Melsunger Asklepios Klinik enttarnte. Doch er bleibt dabei: "Ich bin Arzt."

Region. Der Prozess eines kuriosen Falles ist vor Kurzem am Landgericht Kassel vor der 11. Strafkammer gestartet. Ein falscher Arzt muss sich unter anderem wegen Betruges, versuchter Körperverletzung und Urkundenfälschung vor Gericht verantworten. Bereits die Verlesung der Anklageschrift durch Staatsanwalt Martin Gerhard dauerte mehrere Minuten und vermittelte den Eindruck: An dem „Arzt“ ist nur wenig echt. Der gebürtige Libyer soll sich in der Zeit von Oktober 2017 bis Mai 2018 „eine Anstellung als Arzt durch Vorlage gefälschter Urkunden erschlichen haben“ und das mehrfach, wie es in der Anklageschrift heißt. Dies soll gefälschte Zulassungen, Promotionsurkunden, Zeugnisse, Aufenthaltsberechtigungen und Sprachkursteilnahmen umfassen, die der Angeklagte, Saad Ehmaida A., für seine Bewerbungen bei Praxen und Kliniken genutzt haben soll.

Angeklagter fleht um Vergebung

Bereits wenige Augenblicke nach den ersten Fragen des Vorsitzenden Richters, Gert Rinninsland, sprang der 37-jährige Angeklagte von seinem Sitz auf und flehte um Vergebung, wobei er aufgeregt gen Himmel gestikulierte. „Ich schwöre bei Gott: Frau und Kinder brauchen Vater“, so der Vater von drei Kindern, der bereits aufgrund ähnlicher Vergehen eine zweieinhalbjährige Haftstrafe verbüßt.

Richter Gert Rinninsland sitzt der Verhandlung vor und befragt im Rahmen des Prozesses 29 Zeugen.

Richter Rinninsland arbeitete sich von Anklagepunkt zu Anklagepunkt und fragte unter anderem nach den gefälschten Approbations- und Anerkennungsurkunden – sowohl aus Thüringen, als auch aus Hessen – und deren tatsächlicher Herkunft. Die Urkunden habe der gebürtige Libyer von einem Russen für 250 Euro gekauft. Auf Nachfragen zur genauen Person des Russen, konnte der Angeklagte nichts weiter sagen: „Ich bin ein Jahr im Gefängnis und habe alles vergessen.“

Vor dem Kasseler Landgericht muss sich der 37-jährige Libyer wegen zahlreicher Straftaten verantworten. Hierzu zählen unter anderem Urkundenfälschung, Körperverletzung und das Erschleichen von Sozialleistungen.

Aufgrund mehrfacher Bewerbungsversuche fand der Angeklagte schließlich im November 2017 eine Anstellung als Arzt in einer Kasseler Praxis. Hier arbeitete er bis Mitte Januar 2018. Während der Arbeit in der Arztpraxis soll es nach Informationen der Staatsanwaltschaft zu einer gefährlichen Situation gekommen sein. Der 37-Jährige soll bei der Behandlung eines Säuglings ein Medikament verschrieben haben, das ausschließlich für ältere Kinder zugelassen sei. Für Kleinkinder sei das Medikament durchaus schädlich. Zur Verabreichung des schädlichen Medikaments kam es jedoch nicht, da die Mutter von einer Nachbarin auf die Ungereimtheit aufmerksam gemacht worden sei. Auf die Frage des Richters, warum er gerade diese Medikament verschrieben habe, sagte er Angeklagte: „Ich will keine Kinder behandeln. Dafür gibt es Kinderärzte. Ich habe es unterschrieben, aber nur, weil mein Chef es mir sagte.“ Während der Zeit in der Praxis verdiente er rund 4.500 Euro. Nachdem er im März und April 2018 bei einem Personalservice arbeitete, bei dem er knapp 17.000 Euro verdiente, trat er im Mai eine Arztstelle in der Melsunger Asklepios Klinik an. Um eingestellt zu werden, fälschte der gebürtige Libyer – neben verschiedenen Urkunden und Zeugnissen – seinen Aufenthaltstitel, da er zu diesem Zeitpunkt bereits ausreisepflichtig war.

Angeklagter fliegt bei Bluttransfusion auf

Während seiner Zeit in der Melsunger Klinik soll es im Rahmen einer Blutübertragung zu einem schwerwiegenden Behandlungsfehler gekommen sein. Statt den Beutel ordnungsgemäß zu entlüften, wollte der 37-Jährige die Transfusion direkt starten. Eine aufmerksame Krankenpflegerin bemerkte den Fehler und verhinderte Schlimmeres. Auf die Frage des Richters, wie es zu dem Fehler kommen konnte, sagte der Angeklagte: „Es war kein Fehler. Ich habe es immer so gemacht. Kein Problem bei bisherigen Patienten. Und Chef (Anm. d. Red.: Anrede des Richters), ich schwöre bei Gott, die Schwester ist eine Rassistin.“

Mann zeigt keine Einsicht

Auch wenn Saad Ehmaida A. wegen seines Auftretens als falscher Arzt vor Gericht steht, einsichtig ist er in dieser Hinsicht nicht. „Ich habe eine Woche unbezahltes Praktikum gemacht und der Arzt hat gesagt, du kannst hier arbeiten. Wenn ein Arzt das sagt, dann ist man Arzt. Also bin ich trotzdem Arzt“, so das Verständnis des Angeklagten.

Der Prozess wird am morgigen Mittwoch, 17. Juli, sowie am Dienstag, 23. Juli, und Mittwoch, 24. Juli, in Kassel fortgesetzt. Insgesamt sind 29 Zeugen geladen.

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