Alwin Wagner über die aktuellen Enthüllungen zu ehemaligen westdeutschen Doping-Praktiken

+
Alwin Wagner heute – fotografiert von seiner Tochter Johanna beim diesjährigen Frühlingstrainingslager der MT-Leichtathleten in Rimini.

Der Melsunger Ex-Weltklasse Diskuswerfer sagt: „Wie sollte ich eine Chance gegen die gedopte Konkurrenz haben?“

Melsungen. Jahrzehntelang verfiel man in Deutschland West der Illusion, dass im Hochleistungssport der 60er, 70er, 80er und 90er Jahre nur der „böse Osten“ gedopt habe. Doch langsam setzt ein Umdenken ein. Man fängt an, die betrügerische Vergangenheit aufzuarbeiten. So hat beispielsweise der Pharmazeut Simon Krivec im Rahmen seiner Doktorarbeit zahlreiche Top-Leichtathleten der früheren Bundesrepublik zu Anabolika-Einnahme befragt. Und 31 Spitzensportler haben zugegeben, zum Teil über Jahre anabole Steroide eingenommen zu haben (die ARD Sportschau berichtete am 25. März).

Auch im Schwalm-Eder-Kreis lebt ein ehemaliger Top-Athlet, der gedopt hat: Alwin Wagner. Allerdings hat der einstige Weltklasse-Diskuswerfer aus Melsungen schon 1981, quasi auf dem Höhepunkt seiner sportliche Karriere, gesagt, dass er unerlaubte Mittel genommen habe. Wir haben mit Wagner, der heute Jugendtrainer bei der MT Melsungen ist, gesprochen:

 

Was antworten Sie, wenn Ihre Zöglinge Sie fragen, warum Sie damals gedopt haben?

Wagner:Ich wurde vom Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) bis zur EM 1978 zu keiner internationalen Meisterschaft oder zu den Olympischen Spielen vorgeschlagen und konnte deshalb trotz Normerfüllung nie starten. Man begründete diese Nicht-Nominierung damit, dass ich keine Medaillenchance hätte. Wie sollte ich damals auch eine Chance gegen die übermächtige gedopte Konkurrenz aus dem Ausland haben?

Man wusste, dass Athleten aus der DDR, der Sowjetunion – eigentlich aus dem gesamten Ostblock – über ein staatlich verordnetes Dopingsystem verfügten, Man wusste auch, dass die Schweden, Italiener und vor allem die US-Amerikaner dopten, was das Zeug hielt. Auch in der BRD war Doping nicht unbekannt. Aus Gesprächen hörte ich immer wieder heraus, dass von den Top-Ten im Kugelstoßen und Diskuswerfen fast alle in das Anabolika-Doping involviert waren und dass die westdeutsche Sportmedizin dieses Doping unterstützte.

Alwin Wagner kurz vor seinem 29. Geburtstag. Das Foto entstand beim 7. Leichtathletik-Europacup-A-Finale , das am 4. und 5. August 1979 im Stadio Comunale von Turin (Italien) stattfand.

Obwohl ich bis 1977 mit Doping nichts im Sinn hatte, gehörte ich dennoch zu den drei besten Diskuswerfern in Deutschland. Für die Experten und den damaligen Bundestrainer galt ich als das größte Talent, denn ich verfügte über eine gute Koordination, war schnellkräftig und sprungstark. Mit einem Körpergewicht um 95 kg konnte ich den Diskus über 60 Meter werfen und erzielte meine Bestleistung 1976 in Zürich beim Länderkampf gegen die Schweiz mit 61,88 Meter. Weil ich nicht zu den Europameisterschaften und zu den Olympischen Spielen nominiert wurde, wollte ich am Ende des Jahres 1976 mit dem Diskuswerfen aufhören.

Da verführte mich der neue Bundestrainer für uns Diskuswerfer mit den Worten: „Wenn du diese Pillen für einige Zeit schluckst, wirst du deine Diskuswurfleistung um fast zehn Prozent steigern. Mit 65 Metern gehörst du dann zu den Top-Ten in der Welt und erhältst Einladungen zu den internationalen Sportfesten, die gut bezahlt werden. Du bekommst einen gut dotierten Ausrüstervertrag von einer Schuhfirma, die Sporthilfe wird deine finanzielle Förderung erhöhen und auch dein Verein wird den finanziellen Zuschuss mehr als verdoppeln. Vor allem wirst du zu den Olympischen Spielen und zu den internationalen Meisterschaften nominiert werden. Doping widerspricht dem Fairplay sowie der Chancengleichheit, aber in dieser Zeit waren alle Weltklasse-Werfer mit Anabolika verseucht, und ohne Doping war eine Chancengleichheit und ein Fairplay nicht gegeben. Der Trainer hatte mich mit seinen Worten überzeugt und ich griff zu.

 

Schämen Sie sich gelegentlich, damals gedopt zu haben? Oder haben sie sich schon einmal dafür geschämt? Oder bereuen Sie es?

Wagner:Hätte ich mich geschämt, wäre ich nicht an die Öffentlichkeit gegangen und hätte bis heute – wie fast alle der damaligen Spitzenathleten – geschwiegen. Ich wurde nie bei den Kontrollen überführt, obwohl ich sehr viele Kontrollen über mich ergehen lassen musste. Sicher, es war nicht leicht zuzugeben, dass man gedopt und damit manipuliert, gelogen und betrogen hatte. Aber ich stehe zu meiner Dopingvergangenheit und habe in mehreren Büchern an der Aufarbeitung der bundesdeutschen Dopingvergangenheit mitgearbeitet. Am 28. Juni beschäftigt sich auch der Sportausschuss des Deutschen Bundestages in Berlin mit dem Thema „Anabolika-Doping in der westdeutschen Leichtathletik“. Ich wurde als Zeitzeuge geladen und werde dort den Bundestagsabgeordneten Rede und Antwort stehen.

 

Sind Sie auf irgendjemanden wütend? Möglicherweise auf Ihren damaligen Trainer oder auf Funktionäre? Oder auf sich selbst?

Wagner:Wütend bin ich auf niemanden, denn jeder Athlet ist allein dafür verantwortlich, ob er zu Dopingmitteln greift. Aber ich bin von den damaligen und auch heutigen Funktionären des Deutschen Leichtathletik-Verbandes enttäuscht. Ich fiel bei ihnen in Ungnade, weil ich die Wahrheit sagte und auf das Doping-Problem in Deutschland hinwies. Ich musste dafür meinen Kopf hinhalten. Zwar nicht mehr so wörtlich wie im Mittelalter, wo die Unglücksboten getötet wurden, aber doch wenigstens emotional. Ich werde zum Teil heute noch von einigen Personen nicht beachtet.

 

Wenn Sie eine zweite Chance bekämen: Würden Sie heute irgendetwas anders machen, als Sie es damals gemacht haben?

Wagner:Auf jeden Fall. Spitzensportler sind Vorbilder und Leitfiguren, nach denen sich manchmal andere Menschen richten. Aber diese Sportler denken nicht an ihre Zukunft. Sie sind zwar Helden der Gegenwart, doch wenn sie abtreten, ist ihr Absturz umso tiefer und der Preis des Erfolges umso höher. Ein Preis, den sie vor allem mit ihrer Gesundheit bezahlen.

Viele Hochleistungssportler nehmen um des Siegeswillens die größten gesundheitlichen Risiken auf sich. Jedes Arzneimittel hat auch Nebenwirkungen, die auf dem Beipackzettel verzeichnet sein müssen, um aufzuklären und zu warnen. Weil der Leistungssportler aber eine vielfach höhere Dosis einnimmt, als bei einer medizinischen Anwendung vorgesehen ist, werden diese Nebenwirkungen noch verstärkt, so dass die Schäden in seinem Körper oft irreparabel sind. Das bedeutet, dass der Athlet am Ende seiner Karriere einen teilweise zerstörten Körper hat und die entstandenen Beeinträchtigungen meistens bis zum Lebensende fortbestehen. Außerdem nimmt er mit der Einnahme von Dopingmitteln billigend in Kauf, dass er noch viele Jahre nach seiner Karriere schwere, gesundheitliche Folgeschäden bekommen kann. Frauen, die sich dopten, brachten behinderte Kinder zur Welt, andere bekamen Depressionen. Bei einigen meiner Freunde aus dem Werferlager blieb viele Jahre nach ihrem Karriereende plötzlich das Herz stehen, obwohl es keine Anzeichen für einen plötzlichen Herztod gab. Andere starben an der heimtückischen Krankheit „Krebs“.

Als man mich zur Einnahme von Dopingmitteln verführte, wurde ich nicht über die Nebenwirkungen und Risiken dieser „Teufels-Pillen“ aufgeklärt. Ich sah in den ersten Jahren nie einen Beipackzettel, weil ich die Pillen direkt vom Trainer und vom Arzt bekam. Ich vertraute einen Professor in Freiburg, der für fast alle damaligen Spitzensportler ein Guru, ein Meister war und dessen Klinik sich für die Créme de la Créme des deutschen Sports immer mehr als Wallfahrtsort herauskristallisierte. Dort gaben sich Olympiasieger, Welt- und Europameister die Klinke in die Hand. Aber auch Funktionäre und Politiker konnte man dort begegnen.

Heute halte ich in Schulen und Vereinen Vorträge und weise Jugendliche auf die gefährlichen Nebenwirkungen des Dopings hin. Ich kläre auf und sensibilisiere, denn Doping gibt es nicht nur im Spitzensport.

Doping findet man auch in unserer Gesellschaft. Alkohol, Aufputsch- und Beruhigungsmittel sind längst gesellschaftsfähig und haben sich in unserer Leistungsgesellschaft etabliert. Außerdem rüttelt Doping auch an den Fundamenten gesellschaftlicher Werte, die uns durch den Sport vermittelt werden. Und diese Werte basieren auf der Achtung des Gegners und die Einhaltung der Wettkampfregeln.

 

Trifft es zu, wenn man Sie als einen der ersten deutschen Whistleblower – was Doping in Deutschland West angeht – bezeichnet?

Wagner:Ich war 1981 der erste aktive Sportler, der als Informant, heute sagt man „Whistleblower“, die Öffentlichkeit durch die Presse informierte. Aber damals interessierte sich niemand für dieses Thema. Die Jahre von 1970 bis 1990 werden deshalb als „Goldene Dekaden“ des ungestörten Dopings bezeichnet, weil diese von allen Seiten, auch politisch abgesichert waren.

 

Wie kam es damals dazu, dass Sie gesagt haben „Ich packe aus“

Wagner:Ich war viele Jahre lang Kapitän der deutschen Leichtathletik-Nationalmannschaft und während dieser Zeit auch Sprecher der Kugelstoßer, Speer-, Diskus- und Hammerwerfer. Nach den Olympischen Spielen 1980 in Moskau beschwerten sich viele Athleten bei mir, dass sie immer höhere Dosen an Anabolika schlucken müssten, um die nationalen Normen für die internationen Meisterschaften zu erreichen. Ich brachte dieses Anliegen bei einer Weihnachtsfeier der A-Kader-Athleten in Frankfurt im Beisein der DLV-Verantwortlichen und Trainer vor. Aber schon nach wenigen Worten entzog mir der damalige DLV-Präsident das Wort.

Daraufhin schrieb ich einen Brief an Willi Daume, den Vorsitzenden des Nationalen Olympischen Komitees und an Josef Neckermann, dem Vorsitzenden der Deutschen Sporthilfe. Ich schilderte darin die Doping-Problematik der deutschen Leichtathleten. Aber beide Briefe blieben unbeantwortet. Einige Zeit später ließ ich die Kopie des Briefes an Willi Daume einem Sportredakteur der Bild-Zeitung zukommen, der den Inhalt auszugsweise in der Bundesausgabe mit dem Titel „Diskuswerfer Wagner klagt an“ veröffentlichte.

Aber nach diesem Zeitungsbericht gab es keine Reaktionen. Weder die Politik, noch die Journalisten interessierten sich. Dafür bekam ich die Rache des DLV zu spüren. Zum einen wurde ich nicht mehr am Saisonende für die großen Reisen nach Südamerika, Afrika oder Asien berücksichtigt. Zum anderen wurde ich trotz sportlicher Qualifikation nicht für die Olympischen Spiele 1988 in Seoul nominiert. Man ließ zwei Athleten starten, die bei den deutschen Meisterschaften hinter mir platziert waren und um Olympia 88 keinen Wettkampf gegen mich gewinnen konnten. Ich durfte auch bei internationalen Sportfesten nicht starten, weil Weltmeister Riedel und Weltrekordhalter Schult unmittelbar vor dem Wettkampf mit einem Boykott drohten: „Wenn Alwin Wagner hier startet, werfen wir nicht!“ Die Verantwortlichen des DLV ließen diese Unsportlichkeit zu und reagierten nicht. Ich nehme an, sie freuten sich sogar über diese Maßnahmen.

 

Und: Welche Folgen/Konsequenzen hatte das für Sie?

Wagner:Der DLV drohte mir durch seinen Rechtswart ein Verbandsausschlussverfahren an und wollte mich dadurch mundtot machen. Aber ich ließ mich nicht einschüchtern und überreichte 1990 der Staatsanwaltschaft in Darmstadt meine Informationen und Aufzeichnungen über die Doping-Praktiken des Bundestrainers und des DLV-Verbandsarztes aus Freiburg. Der Bundestrainer, der nach der Wiedervereinigung den Olympiasieger und fünffachen Weltmeister Lars Riedel trainierte, beantragte beim Landgericht in Kassel mehrere einstweilige Verfügungen gegen mich. Ich durfte danach nicht mehr behaupten, dass er ein „Doping-Praktiker“ sei und dass er bei einem Länderkampf gegen die UdSSR 1978 das Ergebnis einer Doping-Kontrolle gefälscht habe.

Ein paar Wochen später, als vor der 3. Zivilkammer in Heidelberg eine weitere Verhandlung gegen ihn stattfand und das Gericht die anwesenden Zeugen unter Eid vernommen hätte, verzichtete er auf eine Hauptverhandlung, so dass seine einstweilige Verfügung verworfen wurde. Der Richter der 3. Zivilkammer des Heidelberger Landgerichts entschied in seinem Urteil, dass Karlheinz Steinmetz weiterhin als Doping-Experten bezeichnet werden darf und dass er eine Doping-Kontrolle gefälscht hatte.

 

Haben Sie Folgeschäden durch Doping erlitten? (körperliche, Imageschäden oder eventuell auch materielle/ökonomische Schäden)

Wagner:Es ist nicht nachweisbar, aber ich gehe davon aus, dass meine Darm- und Blasenkarzinome auf die Einnahme von Anabolika zurückzuführen sind.

 

Gibt es Leute, die heute nicht mit Ihnen reden, wegen Ihrer Enthüllungen?

Wagner:Da gibt es einige – leider. Da ist zunächst einmal der frühere Bundestrainer, der mich zum Anabolika-Doping verführte und der jetzt sauer ist, dass ich an die Öffentlichkeit ging. Da sind auch ehemalige Leistungssportler, von denen ich weiß, dass sie damals im hohen Maße gedopt, dieses aber immer wieder abstritten haben. Sie belügen noch heute ihre Kinder und Enkel und nehmen ihre Lebenslüge vielleicht sogar mit ins Grab.

 

Wie schätzen Sie die Lage heute ein? Sind die Athleten sauberer? Oder wird einfach nur „professioneller“ (sprich unauffälliger) gedopt?

Wagner:Bei einem Doping-Symposium in Nürnberg, zu dem ich auch eingeladen wurde, sagte der Heidelberger Zellbiologe Prof. Werner Franke, der absolute Experte in Dopingfragen: Wir müssen feststellen, dass das wissenschaftliche Doping im Spitzensport nicht mehr erkannt werden kann.“

Und die Botschaft, die Dr. Hellmut Mahler, Sachverständiger beim LKA Nordrhein-Westfalen, den Experten auf den Weg gab, war kaum weniger ernüchternd: „Clevere Doper sind nicht mehr zu entdecken, wenn sie neue oder unbekannte Designer-Doping-Stoffe einnehmen. Man weiß nicht mehr, nach was man suchen soll, denn es gibt ein Meer von möglichen Designer-Doping-Stoffen, Millionen denkbarer Verbindungen, die niemand kennen kann. Ohne Whistleblower hat man kaum noch eine Chance!“

Mehr zum Thema

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

Duo an der Gitarre: GuitArsManos treten im Engelsaal des Klosters Haydau auf

Das Gitarren-Duo GuitArsManos tritt am Sonntag im Kloster Haydau auf. Ihr Programm "Musikalische Weltreise mit Gitarre" sorgt für ein musikalisches Erlebnis
Duo an der Gitarre: GuitArsManos treten im Engelsaal des Klosters Haydau auf

Team der Haspel eröffnet Anmeldephase für vielseitiges Herbstprogramm

In den Herbstferien können Kinder und Jugendliche wieder an einem abwechslungsreichen Ferienprogramm teilnehmen, das das Team des Melsunger Jugendtreffs zusammengestellt …
Team der Haspel eröffnet Anmeldephase für vielseitiges Herbstprogramm

Abschluss der Umbauarbeiten am Feuerwehrhaus in Gudensberg-Maden

Nach zweieinhalb Jahren und über 3000 Arbeitsstunden zeigt sich das Feuerwehrhaus in Gudensberg-Maden im modernen Glanz.
Abschluss der Umbauarbeiten am Feuerwehrhaus in Gudensberg-Maden

Erstwaehler-Check zur Bundestagswahl an Schulen des Schwalm-Eder-Kreises

Anlässlich der Bundestagswahl am Sonntag wurden Erstwähler befragt, wie sie sich auf ihre erste Wahl vorbereiten.
Erstwaehler-Check zur Bundestagswahl an Schulen des Schwalm-Eder-Kreises

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.