Homberg: Kreis will behinderte Kinder nicht in Wunsch-Förderschule transportieren

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Gespräch im Konferenzraum des MB-Media Verlages in Homberg: Die betroffenen Eltern schilderten Redaktionsleiter Karsten Knödl die Sachlage. Von links: Gertje Regehr (2. Vorsitzende des Elternbeirates), Isabelle Borek, Karsten Knödl und Fatma Özalp.

Eltern beschweren sich: "Unsere Atteste werden ignoriert. Und es wird mit zweierlei Maß gemessen."

Homberg. „Wenn’s nicht so traurig wäre, müsste man fast drüber lachen“, sagt Fatma Özalp mit einem krampfhaften Schmunzeln im Gesicht, „bei uns geht’s um 400 Meter.“ 400 fehlende Meter, die dafür sorgen, dass der behinderte Sohn von Fatma nicht von Borken aus mit dem vom Kreis organisierten Schulbus in die Anne-Frank-Schule nach Homberg fahren darf.

Fatma ist eine von drei Müttern, deren behinderte Kinder auf die Anne-Frank-Schule in Homberg gehen und die ein Problem mit dem Transport ihrer Kinder zur Schule haben. Die zweite Mutter ist Sandra Steuber aus Altmorschen und die dritte Isabelle Borek aus Ziegenhain.

Letztere sagt: „Wir haben uns – gemeinsam mit unseren Kindern – diese Schule ausgesucht, weil sie uns, beziehungsweise unseren Kindern, am besten gefallen hat.“ Das pädagogische Konzept der Homberger Förderschule sei das richtige für ihre Kinder. Und auch das Umfeld stimme – so sei beispielsweise das Areal dort weitläufig und die Schule habe ein freundliches Erscheinungsbild. „Da fühlt sich unser Sohn einfach wohl“, erzählt Fatma Özalp.

Gutachten ist vorhanden

In solchen Neunsitzern werden die Kinder auch in die Anne-Frank-Schule nach Homberg gefahren.

„Mehr sogar noch“, ergänzt Isabelle Borek, „es ist nicht nur so, dass uns die Anne-Frank-Schule in Homberg einfach nur ‘besser gefällt’. Vielmehr haben wir sogar ein ärztliches Gutachten, in dem die Ärzte eine Empfehlung für die Anne-Frank-Schule aussprechen!“ Problem: Özalps, Steubers und Boreks müssen ihre Kinder alle eigeninitiativ nach Homberg fahren – der Schulbus nimmt die Kinder nicht mit.

Gertje Regehr, Zweite Vorsitzende des Elternbeirats der Anne-Frank-Schule, erklärt: „Nach dem hessischen Schulgesetz müssten die Eltern ihre Kinder auf die nächstgelegene Förderschule schicken. Für Boreks wäre das Treysa, für Steubers Melsungen und für Özalps Fritzlar. Dorthin würde der Kreis die Kinder mit dem Schulbus transportieren.“ Aber alle Eltern sind sich darin einig, dass die Anne-Frank-Schule die bessere Schule für ihre Kinder ist. Und dafür nehmen sie sogar in Kauf, ihre Kinder selbst dorthin fahren zu müssen. „Was wir notgedrungen machen müssen – aber als ungerecht empfinden“, sagt Fatma Özalp.

Andere werden mitgenommen

Ungerecht deswegen, weil der Kreis ihnen etwas verwehre, was er anderen Eltern gestatte. So würden beispielsweise Kinder mit dem Schulbus nach Homberg gefahren, für die eine andere Förderschule erheblich näher liege. Fatma Özalp erzählt: „Der Schulbus fährt ja fast an unserem Haus vorbei. Dort sitzen dann Kinder drin, die von der Anne-Frank-Schule weiter entfernt wohnen als wir. Und unser Sohn wird nicht mitgenommen. Obwohl noch Plätze in dem Bus frei gewesen wären.“

Nach Aussage des Kreises sei das so, weil bei diesen Kindern noch das „alte Schulgesetz“ gelte. Beim Kreis stoßen die Eltern mit ihrem Anliegen, dass ihre Kinder doch auch mit dem Schulbus befördert werden mögen, bislang auf taube Ohren. „Man beruft sich auf das Hessische Schulgesetz und darauf, dass man alle gleich behandeln müsse“, erzählt Isabelle Borek, „doch genau das macht der Kreis ja eben nicht. Er gewährt anderen Kindern, die ähnlich weite Fahrstrecken haben, den Schulbustransport – unseren aber nicht.“

Was die Eltern auch nicht verstehen: „Frau Bahr, die seinerzeit beim Kreis für Schulen zuständig war, hatte bei einer Elternbeiratssitzung im Oktober 2015 einmal gesagt, dass der Kreis die Kinder bei Vorlage eines ärztlichen Attestes auch zu einer anderen Schule als der nächstgelegenen fahren würde“, so Gertje Regehr, „davon will man dort heute aber nichts mehr wissen.“ Dabei gehe es ihnen gar nicht ums Geld. Borek: „In unserem Fall würden wir ja sogar die Distanz zwischen der Treysaer Förderschule und der Anne-Frank-Schule aus eigener Tasche bezahlen. Selbst das lehnt der Kreis ab.“

„Das ist keine Ermessenssache“

Mike Stämmler, beim Kreis Leiter des Fachbereichs 40 und für die Schulen zuständig, macht den betroffenen Familien wenig Hoffnung. „Die ‘Kilometergrenze’ ist nicht diskutierbar, das ist keine Ermessenssache“, so Stämmler, „im Gesetz steht, dass das Kind zur nächstgelegenen Förderschule gehen muss. Und dann ist das so. Wenn ich beispielsweise ab einem Einkommen von 8.000 Euro Steuern zahlen muss und 8.200 Euro verdiene, dann kann ich mit dem Finanzamt auch nicht darüber diskutieren, ob ich vielleicht doch von der Steuer befreit werden könnte.“

Und dass in Borken ein Schüler von noch weiter entfernt zur Anne-Frank-Schule gefahren wird, erklärt Stämmler so: „Der Junge hat einen Alt-Anspruch. Inzwischen ist ein anderes Gesetz in Kraft, das für die betroffenen Familien gilt.“ Das Angebot, dass die Familien die dem Kreis entstehenden zusätzlichen Kosten übernehmen würden, nimmt Stämmler zwar zur Kenntnis, bezweifelt aber, dass die Familien das finanziell stemmen können oder wollen. „Beim Personentransport können die Beträge auch leicht mal in die Tausende gehen“, so Stämmler.

Die Familien behalten sich indessen juristische Schritte vor. „Angesichts dessen, dass auch alle unsere bisherigen Anhörungstermine beim Kreis ohne zufriedenstellendes Ergebnis verliefen, bleibt uns jetzt kaum noch etwas anderes übrig, als die Sache unseren Anwälten zu übergeben“, sagt Fatma Özalp abschließend.

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