Der Bedarf ist hoch: Kreis sucht Pflegefamilien – Ehepaar berichtet über Erfahrungen aus 24 Jahren

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Wenn das Kindeswohl bei den leiblichen Eltern gefährdet ist, nehmen Jugendämter die Mädchen und Jungen aus ihren Familien und geben sie in die Obhut von Pflegeeltern. Eine wichtige, aber nicht immer einfache Aufgabe.

Wenn das Wohl eines Kindes gefährdet ist, nimmt das Jugendamt es in seine Obhut und vermittelt das Kind an Pflegefamilien. Eine verantwortungsvolle Aufgabe, die neben viel Glück auch Herausforderungen bringt.

Schwalm-Eder. Es sollte wohl einfach nicht sein. Fast drei Jahrzehnte ist es her, dass sich Bernd und Karin T. (Namen von der Redaktion geändert) das Ja-Wort gegeben haben. Auf das Eheversprechen sollte auch möglichst zeitnah das erste Kind folgen. Doch dieser Wunsch erfüllte sich für das Ehepaar nie – zumindest nicht auf natürlichem Weg. „Wir wollten immer ein Kind haben, das unser Leben bereichert. Nachdem feststand, dass wir keinen leiblichen Nachwuchs bekommen können, haben wir uns mit Adoption auseinandergesetzt“, erzählt Bernd T. im Gespräch mit unserer Zeitung.

Doch auch dieser Weg lief für das Ehepaar in eine Sackgasse. Das Problem: „Es gab einfach keine Kinder, die zur Adoption freigegeben waren“, erinnert sich Bernd T.. Über das Jugendamt des Schwalm-Eder-Kreises seien die beiden schließlich auf des Thema Pflegeelternschaft aufmerksam geworden. Es sollte der erste Schritt auf dem langersehnten Weg ins Glück für Karin und Bernd T. sein: „Wir haben uns nach intensivem Kontakt mit dem Jugendamt für eine Langzeitpflege (siehe EXTRA-INFO) entschieden. Nur wenig später war unser erstes Pflegekind bei uns. Ein drei Wochen alter Junge. Es war Glück pur“, erzählt Karin T..

Elf Pflegekinder in 24 Jahren

Das war vor 24 Jahren. Bei Pflegesohn Nummer eins sollte es jedoch nicht bleiben. Im Laufe der Zeit wurde das Zuhause von Karin und Bernd T. auch zum Heim für weitere Kinder, deren leibliche Eltern ihnen dieses nicht bieten konnten. „Insgesamt haben wir fünf Kinder in Dauerpflege und sechs Kurzzeitpflegkinder bei uns gehabt. Aktuell leben drei bei uns“, sagt Karin T.. Vor allem die Kinder in Langzeitpflege stünden auch heute noch alle miteinander in Kontakt. „Sie brauchen sich alle gegenseitig, wie richtige Geschwister eben. Dass alle immer wieder nach Hause kommen, ist das größte Geschenk für uns“, sagt Karin T..

Kirsten Pfaff-Rohde, Jugendamt Schwalm-Eder.

Paare wie Karin und Bernd T. sind ein Segen für das Jugendamt, das bestätigt Kirsten Pfaff-Rohde, die beim Jugendamt Schwalm-Eder für den Bereich Adoptions- und Pflegekinderdienst zuständig ist. „Aktuell werden bei uns 170 Kinder in Pflegefamilien betreut. Der Bedarf ist jedoch deutlich höher“, sagt Pfaff-Rohde, die seit 33 Jahren im Job ist. Vor 15 Jahren seien es noch mehr Bewerber um eine Pflegschaft gewesen. Veränderte Lebenswelten aber auch finanzielle Gründe seien Hauptgründe dafür, dass für immer weniger Paare ein Pflegekind in Frage käme. „Heutzutage arbeiten oft beide Partner. Hinzu kommen steigende Wohnkosten. Kommt ein Kind hinzu, müssen Paare sich oft eine neue Wohnung suchen. Das kann sich nicht jeder leisten“, sagt Pfaff-Rohde.

Eltern werden kontinuierlich unterstützt

Dabei sei die emotionale Anbindung der Kinder an eine Familie sehr wichtig, um dem Nachwuchs Halt zu geben. „Wir versuchen natürlich immer Kinder so unterzubringen, dass sie in einem familienähnlichen Verbund leben können, anstatt zum Beispiel in einer Wohngruppe“, erklärt Marion Mai, die stellvertretende Fachbereichsleiterin im Jugendamt ist. Pfaff-Rohde und Mai wissen, dass Pflegeltern große Aufgaben auf sich nehmen, betonen aber auch, dass sie bei der Bewältigung nicht allein gelassen werden: „Wir bieten eine kontinuierliche Begleitung und sind sehr gut vernetzt, sei es mit Ärzten, Psychologen oder Kitas und Schulen.“

Marion Mai, stellv. Fachbereichsleiterin Jugendamt Schwalm-Eder.

Dass es nicht immer einfach ist, haben auch Karin und Bernd T. erfahren müssen. „Eines muss interessierten Paaren immer klar sein. Jedes dieser Kinder bringt sein Päckchen mit. Auch wir mussten uns oft hinter unsere Kinder stellen, wenn etwa Anrufe aus der Kita oder Schule kamen. Bei Pflegekindern wird oft sensibler reagiert, wenn etwas mal nicht so normal läuft“, berichtet Karin T. Dennoch würden bei jederzeit wieder ein Kind bei sich aufnehmen. „Klar, es ist eine Aufgabe – aber eine sinnvolle. Man kann etwas unternehmen, dass ein Mensch durch Familie im Leben besser klarkommt“, erklären die erfahrenen Pflegeeltern.

EXTRA-INFO

Die verschiedenen Pflegemodelle

Bereitschaftspflege: Diese Kinder bleiben für eine begrenzte Zeit in einer Pflegefamilie. In der Regel sind es ältere Kinder oder Jugendliche. Das können einige Wochen, manchmal auch einige Monate sein. In dieser Zeit klärt das Jugendamt mit allen Beteiligten, ob das Kind zu seinen Eltern zurückkehren kann oder dauerhaft ein anderer Lebensmittelpunkt gefunden werden muss.

Kurzzeitpflege: Wie bei der Bereitschaftspflege, geht es um eine Pflege über einen begrenzten Zeitraum. Sei es, weil das Kind aus seiner Familie genommen werden musste, oder Eltern sich aufgrund von Krankheit temporär nicht kümmern können. In der Regel geht es bei diesem Modell um die Pflege von Säuglingen und Kleinkindern.

Langzeitpflege: Dieses Modell zielt auf die Pflege bis zur Volljährigkeit ab. Hier sollen Kinder ein familiäres Umfeld bekommen und möglichst auch emotionale Bindungen aufbauen. Der Kontakt zu den leiblichen Eltern soll hierbei jedoch nicht abgebrochen werden.

Informationen für Interessierte Paare gibt es bei Kirsten Pfaff-Rohde unter Tel. 05681-775568 oder kirsten.pfaff-rohde@schwalm-eder-kreis.de.

Kindeswohl: 12.500 Gefährdungseinschätzungen

Hessen. Kindeswohl: In Hessen wurden im Jahr 2018 knapp 12.500 Gefährdungseinschätzungen nach § 8a des Achten Buches Sozialgesetzbuch (SGB VIII – Kinder- und Jugendhilfe) durchgeführt. Wie das Hessische Statistische Landesamt mitteilt, waren dies 16 Prozent mehr als im Jahr 2017. Mädchen waren geringfügig häufiger von Gefährdungseinschätzungen betroffen als Jungen.

Als Ergebnis der durchgeführten Gefährdungseinschätzungen wurde bei 19 Prozent (2.373 Fälle) eine akute und bei 14 Prozent (1.724 Fälle) eine latente Kindeswohlgefährdung festgestellt. In 67 Prozent der Fälle lag keine Kindeswohlgefährdung vor. Bei gut der Hälfte der Fälle ohne Kindeswohlgefährdung bestand ein Hilfebedarf. Die Hälfte aller Gefährdungseinschätzungen betraf Kinder unter sieben Jahren.

Vernachlässigung häufigste Gefährdungsart 

Von den 4.097 Fällen, in denen eine akute oder latente Kindeswohlgefährdung festgestellt wurde, war mit 52 Prozent (2.140 Fälle) die Vernachlässigung die am häufigsten genannte Gefährdungsart, gefolgt von psychischen Misshandlungen mit 40 Prozent (1.626) und den körperlichen Misshandlungen mit 27 Prozent (1.091). Anzeichen sexueller Gewalt wurden in fünf Prozent der Fälle (200) festgestellt. Mehrfachnennungen waren möglich. Bei den akuten Kindeswohlgefährdungen spielten körperliche Misshandlungen mit 31 Prozent eine größere Rolle als bei latenten Gefährdungen (20 Prozent). Hingegen spielten die psychischen Misshandlungen bei den latenten Gefährdungseinschätzungen mit 43 Prozent eine größere Rolle als bei den akuten Gefährdungseinschätzungen (37 Prozent).

Mehr als ein Drittel aller betroffenen Kinder in Obhut

Als Folge der akuten Kindeswohlgefährdung wurden junge Menschen in 39 Prozent der 2.373 Fälle im Jahr 2018 in Obhut, d. h. aus der Familie, genommen. In knapp 16 Prozent wurde die bisherige Leistung fortgeführt, in 15 Prozent eine ambulante bzw. teilstationäre Hilfe zur Erziehung eingeleitet. In sechs Prozent erfolgte eine familienersetzende Hilfe zur Erziehung; hierzu zählen beispielsweise die Heimerziehung oder die Unterbringung in einer Pflegefamilie in Vollzeit.

Weitere Hilfsmaßnahmen, wie z. B. die Erziehungsberatungen und Maßnahmen der Kinder- und Jugendpsychiatrie, erreichten einen Anteil von 32 Prozent. In sechs Prozent wurde keine Hilfe neu eingeleitet. Mehrfachnennungen waren möglich. Die Konstellation der Familienverhältnisse spielte für die Gefährdungseinschätzungen eine große Rolle. In der Hälfte der Fälle lebte der junge Mensch bei einem alleinerziehenden Elternteil oder bei einem Elternteil mit neuem Partner.

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