„Einmal Millionär und zurück“ – wie Gerhard Köcher ein Puten-Imperium aufbaute und wieder verlor

1 von 14
Gerhard Köcher mit Marion Egen, der damaligen Ehefrau von Husky Uli Egen.
2 von 14
Das Bild stammt aus dem Jahr 1993. Damals sponserte Gerhard Köcher (re.) die Kassel Huskies. „80.000 Mark hat mich das gekostet“, so Köcher. Im Trikot der Huskies ist hier Köchers Ehefrau Gudrun „Gunni“ zu sehen, von der er heute getrennt lebt, aber zu der er – nach eigener Aussage – noch ein gutes Verhältnis hat. Und links Uli Egen, der bis 1993 für die Huskies spielte und dann deren Manager wurde.
3 von 14
Blick auf die einstigen Köcher-Gebäude. Links sieht man die Villa mit dem Tennisplatz. In den Gebäuden rechts daneben wurden die Puten geschlachtet und das Putenfleisch verarbeitet. Und in den Hallen rechts davon wurden die Puten gezüchtet – in der Halle ganz rechts sogar auf zwei Etagen.
4 von 14
Hmmmm, lecker... so sah in der 90er Jahren die Auslage in einer Köcher-Puten-Filiale aus.
5 von 14
Gerhard Köcher heute. Er lehnt am Netzpfosten seines Tennisplatzes, auf dem er sich früher auch Duelle mit dem Bundestagsabgeordneten Bernd Siebert geliefert hat.
6 von 14
Im Hintergrund die Köcher-Villa mit dem Reet-gedeckten Dach.
7 von 14
Auch die Holzbrücke über den Teich hat schon mal bessere Zeiten gesehen.
8 von 14
Fein säuberlich hat Gerhard Köcher seinen Werdegang dokumentiert.

30 Millionen DM Jahresumsatz, siebenstellige Bilanzgewinne, eine Reetdach-Villa mit einem Tennisplatz im Garten und einen Porsche in der Garage, so sah das Leben des Gudensbergers früher aus...

Gudensberg. Der Tennisplatz hat auch schon bessere Zeiten gesehen. Jetzt ist er völlig vermost, Laub liegt entlang des Zaunes und am vergilbten Netz. An dessen Pfosten lehnt Gerhard Köcher und erzählt: „Früher haben wir hier viel gespielt. Mit Bernd Siebert* beispielsweise. Das war ein Spaß.“ Früher. Das war so vor rund 30 Jahren. „Damals, da war die Welt noch in Ordnung“ – aus den Mündern vieler Menschen eine Floskel, wenn Gerhard Köcher diesen Satz sagt, trifft er für ihn den Nagel auf den Kopf.

Gerhard Köcher war einst ein nordhessischer Vorzeigeunternehmer, ein Self-Made-Millionär, dessen Geschichte so ein bisschen an den amerikanischen Traum erinnert: Vom Tellerwäscher zum Millionär. Bei Köcher war es vom Bauernsohn zum Puten-Köcher. Köcher erzählt: „In den besten Zeiten hatten wir über 50 Filialen – von Stuttgart bis nach Bremen. Die teuerste war in Gelsenkirchen, da haben wir 12.500 Mark Miete pro Monat bezahlt. Teurer war es in Kassel auf der Königsstraße auch nicht.“

Geschlachtet wurde in der Waschküche

Gerhard Köcher stammt aus der Landwirtschaft. Seine Eltern hatten einen Bauernhof in der Metzer Straße in Gudensberg. Dort wuchs der heute 72-Jährige mit zwei älteren Brüdern auf. Nach kaufmännischer Ausbildung bei Raiffeisen ging Köcher zum Bundesgrenzschutz. „Schon dort habe ich mich für Puten interessiert, habe Bücher über deren Zucht und Haltung gelesen“, erzählt Köcher, „mein Bruder hatte die Idee aus Amerika mitgebracht.“ Und dann ging’s los. Auf dem elterlichen Hof wurden die ersten Putenküken großgezogen – bis zur Schlachtreife. Geschlachtet wurde in der Waschküche „bis einer vom Veterinäramt kam und die Hände überm Kopf zusammengeschlagen hat“, sagt Köcher heute schmunzelnd, „also habe ich 30.000 Mark in die Hand genommen und Schmidt’s August die Metzgerei abgekauft. Das war so um 1970 rum.“

32 Millionen Mark Umsatz

Aber auch dort wurde es bald zu eng. Köcher: „Deshalb haben wir 1975 gebaut, auf der anderen Seite der Autobahn, nördlich des heutigen Plukon-Gebäudes.“ Dort entstanden mehrere Hallen, für Zucht der Puten, für Schlachtung und Verarbeitung. „Alle Produkte, die man aus Schweinefleisch machen konnte, machten wir aus Putenfleisch“, sagt Köcher zurückblickend, „wir wuchsen und wuchsen und wuchsen.“ 1992 lag der Umsatz bei 32 Millionen DM. Zehnmal in Folge legten man der Bank einen siebenstelligen Bilanzgewinn vor. Köcher: „Einmal sagte mein Banker, dass es eine solche Bilanz in seinem Hause noch nie gegeben habe.“ Die Folge: In der Garage der Reetdach-Villa stand ein Porsche, in deren Garten wurde ein Tennisplatz gebaut und der Name „Köcher“ stand auf dem Trikot der Kassel Huskies.

„Wir haben die Entwicklung einfach verpennt“

Bis es dann – gegen Ende der 90er Jahre – plötzlich langsam bergab ging. „Das war die Zeit, als die Discounter so richtig zu boomen anfingen“, so Köcher, „unser Problem war, dass der Kunde zunehmend nicht mehr in zwei Läden ging, um Putenfleisch zu kaufen – er versorgte sich im Discounter damit.“ Eine Entwicklung, von der Köcher heute sagt: „Die haben wir verpennt. Wir hätten uns damals zweigleisig aufstellen müssen. Die Hälfte unserer Läden auflösen und ansonsten den Lebensmitteleinzelhandel und die Discounter beliefern, das wär’s gewesen.“

1998 Teilkonkurs, 2000 insolvent

Hat man aber nicht. „Keiner hat diese Entwicklung kommen sehen“, sagt Köcher heute, „auch die Banken nicht. Das soll aber gar kein Vorwurf sein. Die Banker haben sich mir gegenüber immer fair verhalten.“ 1998 dann der vorläufige Tiefpunkt: Teilkonkurs. Geflügel-Manager Rüdiger Menzefricke übernahm, konnte das Unternehmen aber auch nicht retten. Im Frühjahr 2000 eröffnete das Amtsgericht Kassel das Insolvenzverfahren. „Der Betrieb hatte keine Chance“, sagte die Insolvenzverwalterin Barbara Höhmann damals, und kritisierte die Geldgeber. Köcher: „Damit hatte ich aber schon nichts mehr zu tun.“

Früher Porsche, heute Polo

Inzwischen sind rund 20 Jahre vergangen. Untätig war Köcher seitdem nie. Bis 2014 gab es noch die Frizzi Tiernahrung GmbH, deren Geschäftsführer er war, und heute hilft er hier und dort mal aus. Das Wichtigste ist aber: Trotz des Konkurses hat Köcher seine Lebensfreude und seinen Humor nicht verloren: „Früher Porsche heute Polo, sag ich nur.“ Die lebhaften Augen blitzen, wenn er in der Villa sitzt, alte Zeitungartikel zeigt und dazu Geschichten erzählt. Das wird sich vermutlich auch nicht ändern, wenn er das Haus in zwei Jahren verlassen muss – die Villa geht dann an Plukon und Köcher zieht in eine Wohnung nach Gudensberg. „Wie ein Freund einst zu mir sagte: ‘Jetzt weißt Du, wie’s an der Basis aussieht’“, so Köcher abschließend.

*Anm. der Redaktion: Bernd Siebert ist ehemaliger CDU-Bundestagsabgeordneter aus Gudensberg

Mehr zum Thema

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

Zack, weg ist die Kohle

Beim Einkaufen Portemonnaie geklaut: Opfer berichtet – Polizei gibt Sicherheitstipps
Zack, weg ist die Kohle

Gudensberg: Carin Gruddas „Blau Miau“ ist umgezogen

Skulptur der Gudensberger Künstlerin steht jetzt nicht mehr an der Bushaltestelle am Rathaus sondern am Ortsrand auf dem Firmengelände von Rudolph Logistik.
Gudensberg: Carin Gruddas „Blau Miau“ ist umgezogen

Gemeinschaftsprojekt mit Herz: Radspaßveranstaltung am Sonntag in Homberg, Frielendorf und Borken

Zum ersten Mal präsentieren Homberg, Borken und Frielendorf gemeinsam "Radspaß mit Herz" - einer ganz besonderen Radtour mit Herz.
Gemeinschaftsprojekt mit Herz: Radspaßveranstaltung am Sonntag in Homberg, Frielendorf und Borken

Perspektive im Berufsleben: 17. Ausbildungsbörse Schwalm-Eder am Samstag, 24. August, in Borken

Auf zwei Etagen im Bürgerhaus (Parkhotel) und im vergrößerten Ausstellungsgelände können sich Schüler, Eltern und alle anderen Interessierten über Ausbildungsberufe, …
Perspektive im Berufsleben: 17. Ausbildungsbörse Schwalm-Eder am Samstag, 24. August, in Borken

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.