„Fast alle ließen die Nazis gewähren“

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Der Historiker Ernst Klein über den NS-Terror gegen Juden in Nordhessen

Niedenstein. "Fast alle ließen die Nazis gewähren, einige haben mit großer Lust mitgemacht, nur sehr wenige haben versucht den Juden zu helfen", sagt Ernst Klein. Mit seinem Verein "Gegen das Vergessen", dessen Vorsitzender er ist, erforscht der Hobby-Historiker aus Volkmarsen seit 20 Jahren das Schicksal der verfolgten Juden in Nordhessen. Auf Einladung des Hessisch-Waldeckischen Gebirgs-und Heimatvereins war er am Samstag zu Gast in Niedenstein. Einer Kleinstadt, in der bis 1933 rund jeder zehnte Bürger jüdischen Glaubens war.

Rechtlos und ausgeplündert

Den Zuhörern im Bürgertreff führte Klein vor Augen, warum von dieser Tradition mit eigener Synagoge und Schule heute nichts mehr übrig ist. Immer weiter, so der Geschichtsexperte, seien die ansässigen Juden, die weiterhin mit ihren christlichen Nachbarn Tür an Tür wohnten, nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in die Enge getrieben worden. "Das konnte gerade auf dem Land niemand verborgen bleiben", so Klein. Der Satz, "davon haben wir nichts gewusst", sei daher nur eine viel gehörte Lebenslüge. Rechtlos, stigmatisiert, ausgeplündert, mit Berufsverboten belegt oder gar in Arbeitslagern wie Breitenau bei Guxhagen misshandelt, wie Klein anhand von konkreten Lebensgeschichten schilderte, entschlossen sich viele jüdische Familien zur Auswanderung. Doch ein Einreise-Visum zu bekommen, gestaltete sich für die Verfolgten schwierig, da die europäischen Nachbarstaaten aus Furcht vor einer Flüchtlingsflut ihre Grenzen schlossen. Jene, die doch auswandern konnten, mussten einen Großteil ihres Hab und Gut zurück lassen. So konnten Häuser und Firmen oftmals nur weit unter Wert verkauft werden.Juden, die bis weiterhin gehofft hatten, dass sich der Nazi-Terror wieder legen würde, wurden spätestens mit den Reichspogromnächten vom 7. bis 10. November 1938 eines Besseren belehrt. Synagogen wurden zerstört, Geschäfte und Wohnungen geplündert. "Das Ausmaß der Diebstähle des organisierten Nazi-Mobs waren selbst der Parteileitung peinlich", so Klein.

Systematische Verfolgung

Aus Diskriminierung wurde systematische Verfolgung. Was folgte waren Deportationen in Ghettos und Konzentrationslager, von denen nur die wenigsten lebend zurückkehrten. "Wer überleben wollte, brauchte Hilfe", so der Historiker. Doch auch dafür hatte er ein Beispiel aus Nordhessen parat:Zu den wenigen, die den Mut hatten diese Hilfe zu leisten, gehörten Anita und Walther Disselnkötter aus Züschen. Der evangelische Pfarrer und seine Frau gewährten einer Jüdin aus Kassel in ihrem Haus Unterschlupf, so dass diese überleben konnte. Diese Rettungstat brachte den Disselnkötters 1995 die Aufnahme in den "Garten der Gerechten" in der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem. Die höchste Auszeichnung, die Israel an Nichtjuden vergibt.

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