Freizeit als Statussymbol: Ein Vertreter der Generation Y berichtet über das Arbeitsleben der Nachwuchskräfte

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Zeitumstellung

Junge Nachwuchskräfte erobern zur Zeit den Arbeitsmarkt. Die Vertreter der sogenannten Generation Y sind jedoch unzufrieden mit dem Ungleichgewicht von Arbeit und Freizeit. Karriere und Geld seien zwar wünschenswert, aber nachrangig. Die neue Währung heißt Zeit.

Malsfeld. Er ist ein Mann der Zahlen, keine Währung ist ihm fremd. Doch seine ganz persönliche Währung heißt Zeit – und davon hat er nicht sehr viel. Lukas S. (Name v. d. Red. geändert) ist 26 Jahre alt und Bankangestellter in Kassel. Bereits mit 23 Jahren hatte der Malsfelder seinen Master (of Finance) an der Frankfurt School of Finance in der Tasche.

Der junge Mann zählt zu der sogenannten Generation Y (siehe Extra Info). Nachdem Lukas sein Studium beendet hat und im Arbeitsleben angekommen war, stieg er in ein „Hamsterrad“, wie er selbst sagt. „Heute sehe ich meine Freunde kaum noch, abends bin ich immer müde und erschlagen von der vielen Arbeit. Am Wochenende unternehme ich kaum noch etwas mit anderen, sondern tanke Kraft, um montags wieder ins Hamsterrad zu steigen“, erklärt der junge Bankangestellte.

Über sein Gehalt könne er nicht klagen, doch um dieses Geld zu verdienen büße er eine Menge Zeit und Stress ein. Die Work-Life-Balance stimme einfach nicht. Das gehe auch vielen seiner Freunde so. „Man hat kaum Möglichkeiten Homeoffice zu betreiben oder in Teilzeit zu arbeiten. Eine gute Freundin von mir arbeitet Teilzeit, doch aufgrund der vielen Überstunden kommt sie trotzdem wieder auf eine 40-Stunden-Woche.“

Freizeit als Statussymbol dieser Generation

Lukas hat ein lukratives Angebot von seinem Arbeitgeber bekommen: mehr Verantwortung mit einer Führungsposition und mehr Geld. Geld und Karriere seien ihm zwar wichtig, aber verglichen mit Freizeit nachrangig, sagt er. „Ich investiere meine Zeit, um Geld zu verdienen, habe dann aber keine Zeit, um dieses Geld auszugeben. Das ist doch paradox.“

Sein Geld investiert Lukas gerne in Erinnerungen: „Ich reise gerne mit Freunden. London, Mexiko, Portugal. Ich will das Geld was ich habe im Hier und Jetzt ausgeben und nicht erst, wenn ich im Rentenalter bin – falls ich das Rentenalter überhaupt erreiche“, so der Banker. „Ich werde das Angebot ablehnen. Bis auf meine Schulzeit war ich die ganze Zeit am Hetzen: schnell durch das Studium und jetzt schnell durch den Beruf. Momentan lebe ich von Wochenende zu Wochenende, von Urlaub zu Urlaub.“

Lukas ist erschöpft von der derzeitigen Arbeitssituation der Fachkräfte. Die Arbeit dürfe nicht zum Lebensmittelpunkt werden getreu dem Motto „Alles für den Betrieb“. Manchmal blickt Lukas auf seine Schulzeit zurück und beneidet die Mitschüler, die sich damals nicht auf die Karriereleiter gestellt haben, um diese in Rekordzeit zu erklimmen. „Diejenigen, die eine klassische handwerkliche Ausbildung gemacht haben, haben heute zum großen Teil schon eine eigene Familie und keine Arbeitszeiten, die von 9 bis 18 Uhr gehen. Sie haben vielleicht keine Topgehälter, aber sie machen auf mich einen zufriedenen Eindruck“, so der Banker.

Seinen eigenen Werdegang hinterfragt Lukas zur Zeit sehr oft. Geld und das Erklimmen einer Karriereleiter machen einsam. Er überlegt zur Zeit sich einen Job zu suchen, wo er flexiblere Arbeitszeiten hätte. Auch über das Thema Selbstständigkeit denkt er nach.

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EXTRA INFO

Was ist die Generation Y?

„Generation Y“ (aus dem engl. „Y“ = „why“) oder auch „Millennials“ werden sie genannt: Die heute 20- bis 35-Jährigen, die ihre eigene Jugend in der Zeit um die Jahrtausendwende verbrachten, sind gemeint. Sowohl der Sinn als auch der Stellenwert von Arbeit wurde dabei von ihr neu definiert. Sie denken anders über Arbeit als die älteren Generationen. Sie gelten als überdurchschnittlich gut ausgebildet, oft bringen sie einen Universitäts- oder Fachhochschulabschluss mit und sind ausgesprochen technikaffin.

Zusammenhalt und flache Hierarchien sind wichtige Schlagwörter, die das Arbeitsleben der intelligenten Köpfe definieren, so Soziologen. Diese Generation junger Nachwuchskräfte muss und will nicht um jeden Preis Geld verdienen und eine aufstiegsorientierte Karriereleiter hochklettern.

Was für sie wirklich Priorität hat: Die eigene Arbeit mit einer Leichtigkeit auszuüben, ohne das eigene Wohlbefinden durch negativen Stress zu beeinträchtigen. Die Arbeit muss Spaß machen, Freiräume zur Selbstverwirklichung ermöglichen sowie mit Familie, Privatleben und Freizeit kompatibel sein. „9 bis 18 Uhr“-Jobs lehnen sie schlichtweg ab.

Anstelle von Status und Prestige rücken die Work-Life-Balance sowie die Sinnsuche in den Vordergrund. Diese Generation will ihren Beruf nicht mehr über alles andere im Leben stellen und fordert gleichzeitig nach beruflichen Tätigkeiten, die für das eigene Ich einen Sinn bieten.

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