Gefahr an der Theke: Frauenbüro und Polizei warnen vor K.O.-Tropfen

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Zu tief ins Glas geschaut, oder hat ein Fremder etwas in den Cocktail gemacht? Oft sind es junge Frauen, die zu K.O.-Tropfen-Opfern werden.

In alkoholische Getränke geträufelt, sollen sie ihre Opfer schnell in einen komatösen Zustand versetzen: Vor allem junge Frauen sind gefährdet K.O.-Tropfen verabreicht zu bekommen. Das Frauenbüro Schwalm-Eder und die Polizei warnen aktuell nachdrücklich.

Schwalm-Eder. Der Kopf dröhnt, der Körper ist geschwächt. Was war gestern eigentlich los? Filmriss – so viel steht fest. „Dabei habe ich doch gestern gar nicht so viele getrunken“ – dieser Gedanke schießt sicher vielen durch den Kopf, wenn sie nach einer Partynacht am nächsten Morgen aufwachen. Doch liegt es tatsächlich am Alkoholkonsum, dass große Teile des vorherigen Abends verschwimmen oder gar überhaupt nicht mehr abgerufen werden können?

„Nein“, sagt Bärbel Spohr vom Frauenbüro des Schwalm-Eder-Kreises. Spohr berichtet, dass immer wieder junge Frauen Kirmes- oder Diskobesuche erlebten, bei denen sie merkwürdige Aussetzer bis hin zum Filmriss gehabt hätten. „Im schlimmsten Fall fanden sie sich an dunklen Ecken liegend wieder, ohne selbst eine Erklärung dafür finden zu können“, sagt die Frauenbeauftragte des Schwalm-Eder-Kreises und kommt zu dem Schluss: „Hier müssen K.O.-Tropfen im Spiel gewesen sein.“

Ein Phänomen, das nicht nur in Großstädten ein Thema sei, sondern längst im ländlichen Raum angekommen ist – dessen ist sich Spohr sicher. Nachgewiesene bzw. angezeigte Fälle gebe es aktuell zwar noch keine im Schwalm-Eder-Kreis, dies sei aber kein Indikator dafür, dass es Vorfälle mit K.O.-Tropfen nicht gebe. Dies bestätigt auch Volker Schulz, Pressesprecher der Polizeidirektion Schwalm-Eder.

Bärbel Spohr vom Frauenbüro des Schwalm-Eder-Kreises präsentiert die Info-Flyer, die künftig im Frauenbüro und bei den Kommunen im Kreis ausliegen sollen.

Die Gründe, warum Fälle dieser Art meist unter den Tisch fielen, liegen für die Frauenbeauftragte auf der Hand: „In erster Linie ist es Scham. Die Betroffenen sind sich unsicher und es ist ihnen peinlich, weil sie ja einfach zu tief ins Glas geschaut haben könnten.“ Aus diesem Grund richtet Spohr einen deutlichen Appell an die Eltern. „Die Eltern müssen sensibilisiert werden für dieses Thema. Sie müssen mit ihren Kindern ins Gespräche kommen“, so die Frauenbeauftragte.

Schließlich handele es sich hierbei nicht um ein Kavaliersdelikt. „Die Verabreichung von K.O.-Tropfen ist eine Straftat und wird als gefährliche Körperverletzung eingestuft“, macht Volker Schulz deutlich. Da K.O.-Tropfen meist in Verbindung mit sexuellen Übergriffen oder Raub verabreicht würden, kämen dementsprechend weitere Straftatbestände hinzu, so Schulz.

Wie gefährlich die Wirkung von K.O.-Tropfen sein kann, erklärt Dr. Ulrich Klinge vom Gesundheitsamt des Schwalm-Eder-Kreises: „Oft werden die Mittel GHB und GBL (siehe EXTRA-INFO) verwendet, die auch als Partydrogen im Umlauf sind. Der Bereich, in dem die Dosierung narkotisierend wirkt, ist jedoch sehr klein und so kann es schnell sehr gefährlich werden. So kann es zur Lähmung des Atemzentrums führen und infolgedessen im schlimmsten Fall zum Tod.“ Zudem würden diese Sub- stanzen sehr schnell verstoffwechselt und seien so nur eine sehr kurze Zeit nachweisbar. „Bei GHB oder GBL gehen wir von einem Zeitfenster zwischen sechs und zwölf Stunden aus“, so Klinge.

Volker Schulz, Pressesprecher Polizeidirektion Schwalm-Eder.

Neben der emotionalen Hürde, die junge Frauen überwinden müssten, sei die kurze Nachweisbarkeit ein weiteres großes Problem, warum aktuell keine Fälle im Schwalm-Eder-Kreis bekannt seien, ist sich Bärbel Spohr sicher. Die Frauenbeauftragte mahnt deshalb zur absoluten Vorsicht. „Junge Frauen sollten nicht allein unterwegs sein. Wenn man in einer Gruppe feiern geht, sollte man auch immer den Anschluss an die Gruppe halten. Und ganz wichtig: Nie allein nach Hause gehen!“

Spohrs Appell schließen sich auch Ute Helfrich und Susanne Gerlach von der Fachstelle gegen sexualisierte Gewalt an. „Man sollte nie sein Getränk aus den Augen lassen. Es gilt in der Gruppe gegenseitig aufeinander aufzupassen und falls man sich komisch fühlt, dies sofort anzusprechen“, so die beiden, die jungen Frauen jederzeit für unverbindliche Gespräche zur Verfügung stehen. „Bei uns reicht der Verdacht, wir brauchen keinen Nachweis, um in Anspruch genommen zu werden. Die Gespräche sind vertraulich und ohne Eltern“, machen Helfrich und Gerlach deutlich.

Um das Thema K.O-Tropfen weiter in der öffentlichen Wahrnehmung zu steigern, werden künftig im Frauenbüro und den Kommunen im Kreis Flyer ausliegen, die Informieren und Anlaufstellen geben. „Auch Burschenschaften und Kirmesteams sollen mit ins Boot geholt werden“, so Spohr.

EXTRA-INFO

Was sind GHB und GBL?

GHB (Gamms-Hydroxybuttersäure) und GBL (Gamma-Butyrolacton) sind Partydrogen, die auch als Liquid Ecstasy bekannt sind. Ebenso werden sie häufig als sogenannte K.O.-Tropfen missbraucht. Als Partydrogen werden sie in der Regel freiwillig mit dem Ziel einer dämpfenden und entspannten Wirkung konsumiert. Höhere Dosierungen führen jedoch zu einem schläfrigen bis narkotischen Zustand.

Mehr Informationen und Hilfe gibt es auch bei der Beratungsstelle des Schwalm-Eder-Kreises, Tel. 05681-775600, beratungsstelle@schwalm-eder-kreis.de sowie im Netz unter www.beratungsstelle-schwalm-eder.de.

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