70 Jahre nach Kriegsende: Karl Mihm erinnert sich

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80-Jähriger erzählt im Gespräch mit den Heimat Nachrichte vom Einmarsch der Amerikaner in Malsfeld, der Angst der Bürger und "illegalen" Fotos.

Malsfeld. Plötzliches Rattern eines Automotors durchbricht die dörfliche Stille. Ein amerikanischer Jeep fährt am Lebensmittelladen der Familie Mihm vorbei und hält an. Es ist 1945. Karl Mihm ist zehn Jahre alt, als die Amerikaner am 31. März vor 70 Jahren in Malsfeld einmarschieren – und das Ende des Zweiten Weltkriegs besiegeln. Neugierig beobachtet der kleine Junge die beiden US-Soldaten durch das kleine Luftschutzkeller-Fenster unter dem Lebensmittelladen.  Schon früher am selben Tag beobachtet er mit dem Fernglas seines bereits 1936 verstorbenen Vaters Fritz, wie die Amerikaner mit ihren Panzern vordringen. Später fährt der Jeep vor. Die Amerikaner wollen sich vergewissern, dass in Malsfeld keine deutschen Soldaten mehr sind.

In  diesem Augenblick besiegt bei dem kleinen Karl seine Neugier die Angst vor den Fremden, vor dem der Jugend so oft eingeimpften "amerikanischen Feind", "den Menschenfressern". Er will näher ran und geht raus."In dem Jeep saßen ein weißer und ein farbiger Soldat, ich habe vorher noch nie einen Farbigen gesehen und war neugierig. Also bin ich raus gelaufen, meine Mutter schimpfte", erinnert sich der heute 80-jährige Karl Mihm und lacht.

Die Soldaten seien "freundlich, gebildet und normal" gewesen und hätten auch für den zehnjährigen Karl etwas gehabt: "Sie schenkten mir ihr Notfall-Päckchen mit Schokolade, Trocken-Keksen, Kaffeepulvertüten, Zigaretten, Toilettenpapier und Kaugummi. Kaugummi kannte ich gar nicht." Essen durfte er es aber nicht. "Nach dem Tod meines Vaters war ich mit meiner Mutter alleine, sie hatte große Angst um ihren einzigen Sohn und glaubte, dass das Paket vergiftet sein könnte", erzählt Mihm und schmunzelt.

Angst vor dem Ungewissen

Diese Angst vor den Fremden aus Amerika teilten viele Menschen in der Region, einige begingen aus Angst sogar Suizid. Die Angst vor dem Ungewissen war allgegenwärtig. Das eingeprägte Feinbild war zu präsent. Andere – wie Karl Mihms Cousine Hildegard Bartholemes – zeigten Mut und kamen den US-Soldaten entgegen. "Sie hatte damals das Abitur, konnte Englisch. Mit einer weißen Fahne ist sie als Dolmetscherin nach Elfershausen gelaufen, um den Amerikanern zu berichten, dass in Malsfeld keine Truppen mehr seien", erinnert sich der 80-Jährige. Dann kam der Jeep in die Gemeinde.

Ein erschreckendes Bild

Karl Mihm blickt in die Ferne, schweigt einige Sekunden.  Die Bilder von vor 70 Jahren bestehen noch immer, vor allem das Bild der besiegten deutschen Armee. Denn auch der damals Zehnjährige beobachtete den Rückzug durch Malsfeld. "Als sie zurückfluteten, war es ein trauriges, unheimlich enttäuschendes Bild. Das sollte die große starke deutsche Armee sein?!", erzählt Mihm und schüttelt den Kopf. "Wir waren nur Siegesmeldungen gewohnt. Und dann waren sie besiegt. Für die jungen Leute war das unglaublich". Diesen Anblick wird der 80-Jährige nie vergessen.   "Wir wurden so erzogen. Uns wurde täglich die unschlagbare Armee eingebläut. "

Panzer und verbotene Fotos

Eine der außergewöhnlichsten und unvergesslichsten von Karl Mihms Erinnerungen bleibt aber wohl der Fund des abgeschossenen amerikanischen Panzers. Dort entstand eine der seltensten Momentaufnahmen der deutschen Geschichte. "Ein Jahr nach dem Einmarsch, ungefähr zwei Wochen vor dem Kriegsende, kam die Anordnung alle Waffen, Ferngläser und Fotoapparate abzugeben", erzählt er. Fotografieren sei absolut verboten gewesen. "Kameras waren auf dem Dorf selten, aber wir hatten eine kleine Bilora Box", sagt Karl Mihm und lächelt verschmitzt.

Seine Mutter hatte sowohl die Box-Kamera als auch das väterliche Fernglas im Keller unter der Kohle versteckt. "Man durfte keine abgeschossenen US-Fahrzeuge fotografieren. Die Amerikaner sammelten sofort alles ein." Bis auf den einen Panzer. Als der zehnjährige Karl und ein Freund von dem Panzer hören, gibt’s für die beiden Jungen kein Halten mehr. "Wir waren immer sehr unternehmungslustig. Nach einer gewissen Zeit wurde auch dieser Panzer abgeholt. Aber wir hatten das verbotene Foto."

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