Leben ohne Supermarkt: Jesberger Michael Schramek strebt totale Selbstversorgung an

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Mit ausreichend Flächen zum Gemüseanbau und vielen weiteren Vorkehrungen will Michael Schramek Geld im Alter obsolet machen.

Hühner scharren eifrig auf dem Grundstück von Michael Schramek in Jesberg, allerlei Gemüse steht gut im Saft. In dem kleinen Paradies steckt eine ehrgeizige Idee: Schramek möchte die komplette Selbstversorgung; Supermarkt-Einkäufe sollen bald der Vergangenheit angehören.

Jesberg. Im Alter nahezu ohne Geld auskommen – dieses Ziel hat sich der Jesberger Michael Schramek gesteckt: Auf seinem Grundstück will er alles anbauen, anpflanzen und halten, damit der Gang zum Lebensmittelmarkt quasi obsolet wird. „Mit Hühnern, Milchschafen, Enten, Gänsen und ausreichend Gemüse sowie Obst habe ich alles, was es auch im Supermarkt gibt“, erwähnt der Jesberger. „Ob die Milch der Schafe so wie die der Kühe schmeckt, wird sich noch zeigen“, erklärt er lachend.

Aktuell tummeln sich zwar nur ein paar Hühner auf dem rund 3.500 Quadratmeter großen Berghang, den Schramek nach und nach erworben hat, doch seit Kurzem summt es auch ordentlich. „Ich bekam die Chance einige Bienenvölker samt Ausrüstung zu übernehmen“, kommentiert Schramek seine Neuzugänge, der mit seinem hochgesteckten Ziel auch mehr CO2 binden als erzeugen will, und weiter, „seit zwei Jahren spritze ich nicht mehr, sondern dünge. Das macht den Boden gesünder.“ Möglich machen dies auch zehn Komposthaufen.

Auf dem Grundstück ist zudem noch ausreichend Platz für drei bereits angepflanzte Weinsorten und einige leerstehende Gebäude, die noch hergerichtet werden sollen. Bei den Hühnern soll ein Teich ins Gehege und oberhalb des Grundstücks stellt sich Schramek zwei bis drei Wohnmobilstellplätze mit herrlicher Aussicht über Jesberg vor. „Ich bin gerade dran zu erfahren, was für Genehmigungen ich von der Gemeinde brauche, um so etwas anzubieten.“ Auf lange Sicht soll sogar die Toilettenspülung mit den Zisternen, die 10.000 Liter fassen, auf dem Gelände gekoppelt sein. Strom über Photovoltaik ergänzt das Grüne Konzept demnächst. Ganz auf Luxus will er aber auch nicht verzichten, denn „ich habe schon zwei Maronenbäume und einen Walnussbaum gepflanzt – das ist immer etwas Feines.“

Michael Schramek gönnt sich mit Blick auf seinen Weinberg eine kurze Pause.

So einen Traum alleine umzusetzen ist verständlicherweise schwierig, doch Schramek hat tatkräftige Unterstützung von Zahid Khan, der auf dem Grundstück des Jesbergers wohnt (wir berichteten). Denn beruflich ist Schramek noch stark eingebunden. „Es gab eine Zeit, da arbeitete ich sechseinhalb Tage pro Woche. Das will ich nun pro Jahr reduzieren. Für mein Vorhaben brauche ich aber auch die Zeit“, erklärt er zuversichtlich. Zur Arbeit fährt er mit einem elektrischen Faltrad, der Bahn und nutzt Carsharing. Zudem hilft noch ein Nachbar mit auf dem Gelände. „Auf lange Sicht stelle ich mir einen Mehrgenerationenhof vor. Gebäude sind ausreichend vorhanden und mit zunehmendem Alter kann man nicht mehr alles alleine machen“, weiß Schramek, dem die Dorfgemeinschaft am Herzen liegt und der lieber gemeinsam als alleine etwas bewirken will.

Auch zu den Gründen für seine Entscheidung äußert er sich: „Wir brauchen einen Lebenswandel, der die guten Seiten des 17. Jahrhunderts mit denen von heute verbindet“, meint Schramek, „durch den Klimawandel, die Versiegelung von Flächen und die zunehmende Bebauung von Städten werden diese zunehmend unattraktiver“. Desweiteren kritisiert er die Folgen des übermäßigen Fleischkonsums und der Überbevölkerung im Hinblick auf den Tag der Ressourcenverbrauchtheit. Dieser Tag zeigt an, wann die natürlich verfügbaren Ressourcen des Planeten verbraucht sind. „Vor 19 Jahren war dieser noch im Oktober, 2019 aber schon im Juli“, prangert Schramek an. „Man müsste von zwölf Tonnen CO2 pro Kopf und Jahr binnen zehn Jahren auf zwei Tonnen CO2 kommen. Bei normalem Konsum wäre man schon bei vier bis fünf pro Kopf und Jahr. “

Hier summt es gewaltig, denn Schramek hat seit Kurzem einige Bienenvölker auf seinem Grundstück. Damit diese auch genug zu essen haben, mäht er nicht.

Kleine Veränderungen seien zwar auch gut, doch dürfe man sich damit nicht zufrieden geben: „Die Frage ist doch, wie können wir unseren Anspruch reduzieren, um die Klimaschutzziele zu erreichen. Ist unsere Bequemlichkeit die Folgen des Klimawandels wirklich wert? All diese Veränderungen gehen nur als Gemeinschaft.“

Für Schramek steht nun aber erstmal das Thema auf dem Plan, möglichst lange zu ernten und nur während den drei Wintermonaten des Jahres von seinen Vorräten zu leben.

Kommentar von Daniel Blöthner

Düstere Zukunft?

Im Gespräch mit Michael Schramek wurden auch die möglichen Folgen des Klimawandels deutlich, die ihn zu seiner Entscheidung einen Aktivhof zu gründen und selbst Aktivmensch zu werden, gebracht haben. Einiges ist noch Zukunftsmusik, anderes heute spürbar. Zu langsam gehen laut Schramek Veränderungen. Man ruhe sich zu schnell auf dem Erreichten aus anstatt weiterzudenken, was noch möglich ist, um CO2 einzusparen. Seit den 90ern wurden die Treibhausgasemissionen in Deutschland schon von über 1.200 Mio. Tonnen CO2-Äquivalenten auf unter 900 Mio. Tonnen reduziert, doch scheint es, dass selbst damit das angepeilte Ziel für 2020 verfehlt wird. Was wären die Folgen? Straffere Ziele für die nächsten 20 Jahre mit noch härteren Einschränkungen? Die Folgen des Klimawandels sind mit den Wetterextremen auch nicht mehr nur Geschwätz von Umweltaktivisten.

Reflektiert man sein eigenes Verhalten, lässt sich sicher das eine oder andere verändern, was dem Klima in irgendeiner Form zu Gute kommt. Muss man wirklich jeden Tag Fleisch essen oder jede Strecke mit dem Auto fahren? Sobald kleine Veränderungen zur Gewohnheit geworden sind, sucht man nach dem nächsten Punkt. Wenn jeder mitzieht, hätte das schon große Wirkung.

Das Thema möchte ich mit folgendem Zitat aus Marc-Uwe Klings Buch „Die Känguru-Apokryphen“ schließen: „Ja, wir könnten jetzt was gegen den Klimawandel tun, aber wenn wir dann in fünfzig Jahren feststellen würden, dass sich alle Wissenschaftler doch vertan haben und es gar keine Klimaerwärmung gibt, dann hätten wir völlig ohne Grund dafür gesorgt, dass man selbst in den Städten die Luft wieder atmen kann, dass die Flüsse nicht mehr giftig sind, dass Autos weder Krach machen noch stinken und dass wir nicht mehr abhängig sind von Diktatoren und deren Ölvorkommen. Da würden wir uns schön ärgern.“ Doch lieber ärgert man sich, als zu merken, dass es zu spät ist für Veränderungen.

Ihre Meinung? Schreiben Sie mir an daniel.bloethner@ks.extratip.de.

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